Neue Autos für China

Endspiel in Shanghai: Wie VW in China aufholen will

Volkswagen stellte am Vorabend der Automesse neue Modelle vor.

Alle drei Tage fährt ein Autohersteller in China ein neues Modell auf die Bühne. Wer in dieser Flut nicht untergehen will, muss einiges auffahren – auch, wenn „VW“ auf der Haube steht. Oder gerade dann. Denn seit einiger Zeit weiß man nicht mehr, ob die Marke im wichtigsten Markt der Welt Bonus oder Ballast für die Autos ist.

Weiterlesen nach der Anzeige
Weiterlesen nach der Anzeige

Ralf Brandstätter legt sich also ins Zeug, als er am Vorabend der Shanghai Autoshow die Neuheiten des Konzerns präsentiert. Das eisern geübte Chinesisch schleudert der schlaksige Braunschweiger mit leuchtenden Augen heraus - Druck in der Stimme und hohe Drehzahl. „In China for China“, das unablässig wiederholte Mantra, gilt erst recht für ihn, den Chef der Volkswagen Group China.

VW verkauft weniger Autos in China

Drei Autos stehen am Ende auf der Bühne. Sie werden entscheiden, ob eine der wichtigsten Säulen des Konzerns hält. Oder ob Volkswagens China-Geschäft bröckelt bis zum Zusammenbruch. „Jetzt läuft die Playoff-Runde“, hat Brandstätter am Rande gesagt. Jeder Tag ein Endspiel.

Weiterlesen nach der Anzeige
Weiterlesen nach der Anzeige
Ralf Brandstätter, Volkswagen-Vorstandsmitglied und zuständig für China, spricht bei einer Präsentation im Vorfeld der Automesse.

Denn der alte Glanz ist in China weg. Statt 4 Millionen werden weniger als 3 Millionen Autos verkauft, und die mit lokalen Partnern betriebenen Gemeinschaftsunternehmen überwiesen im vergangenen Jahr nur noch 1,7 Milliarden Euro Gewinn nach Wolfsburg. Es war einmal mehr als das Doppelte.

„China Speed“ als feste Größe

Die Marktführerschaft bei Autos mit Verbrennungsmotor ist nicht mehr viel wert, wenn die Hälfte aller Neuzulassungen „New Energy Vehicle“ (NEV) sind. Dazu zählt in China alles, was ganz oder teilweise elektrisch angetrieben wird – also auch Hybride und Range Extender. Solche Autos haben dann auch gleich das ganze Elektronikpaket mit Vernetzung und automatisiertem Fahren – bisher ebenfalls eine VW-Schwäche.

Brandstätter hat sie in einem Kraftakt beseitigt. Kooperationen mit chinesischen Firmen wie Xpeng und Horizon Robotics schließen die Know-how-Lücken, die konsequente Abkopplung von der Konzernzentrale erhöht Tempo und Kundennähe. Seit der 56-Jährige 2022 mitten in der Pandemie von Wolfsburg nach Peking zog, ist „In China for China“ sein meistgebrauchter Begriff und „China Speed“ eine feste Größe: Die Entwicklungszeit schrumpft um rund ein Drittel, die Produktkosten sollen um 40 Prozent runter.

VW plant Neuheiten für chinesischen Markt

Und immer noch ist es nicht schnell genug. Auf der Schanghaier Bühne stehen keine Serienautos, sondern Konzeptstudien mit Projektnamen, eine nicht fahrfähig. Erst 2026 sollen sie in den Verkauf gehen, aber dann geht es natürlich, wie immer bei VW, im großen Stil weiter: 40 Neuheiten für den chinesischen Markt soll es in den nächsten drei Jahren geben, die Hälfte davon ganz oder teilweise elektrisch angetrieben.

Weiterlesen nach der Anzeige
Weiterlesen nach der Anzeige

Denn plötzlich zählt auch in China „Flexibilität in der Antriebstechnologie“ – es gibt ein Leben jenseits der Batterie. In dem Riesenland hat selbst das größte Ladenetz der Welt Lücken, außerhalb der Ballungszentren stoßen die reinen E-Autos an Grenzen. Und so entdeckt China den Range Extender: Ein Verbrennungsmotor mit Generator lädt während der Fahrt die Batterien auf und ermöglicht elektrisches Fahren ebenso wie phantastische Reichweiten.

ID.Era, ID.Evo, ID.Aura: Welche Modelle VW präsentiert

Die Messe ist voll von solchen Modellen, und auch das erste Auto auf der VW-Bühne, ein großer SUV mit dem Projektnamen ID.Era, wird ihn bekommen. Am anderen Ende der Bühne steht der ID.Evo, ein Elektro-SUV im Tiguan-Format, aber mit dynamischerer Optik. Und in der Mitte schließlich der ID.Aura, eine Limousine mit Elektroantrieb zum Kampfpreis: Umgerechnet weniger als 20.000 Euro wird VW verlangen. Und nach Europa wird er nicht kommen.

Gemeinsam haben sie alle Elektronik zum automatisierten Fahren, inzwischen ein Muss in China. Dank dem chinesischen Softwarepartner Horizon kann VW Level 2++ versprechen – mehr würden die Behörden wohl auch noch nicht genehmigen. Und natürlich sind digitale Avatare und allerlei Spielerein an Bord, die man in China liebt.

„Tempo des Wandels ist atemberaubend“

Jetzt, ist Brandstätter sicher, spielt der Konzern technologisch und preislich endlich auf Augenhöhe mit BYD, Leapmotor, Lynk und all den anderen Blitzstartern im chinesischen Automarkt. Aber noch läuft die Nervenprobe, denn die Autos tragen nicht umsonst Projektnamen: In den Verkauf gehen sie erst nächstes Jahr, während die Zeit im chinesischen Automarkt rennt.

Weiterlesen nach der Anzeige
Weiterlesen nach der Anzeige

„Das Tempo des Wandels ist atemberaubend“, sagt Konzernchef Oliver Blume. „Man fühlt sich wie in der Waschmaschine“, sagt ein lokaler Manager. Es geht rund. Allerdings spielt den Wolfsburgern auch manche Entwicklung in die Hände.

Die neue Begeisterung für Range Extender zum Beispiel hält die Nachfrage nach Verbrennungsmotoren hoch – und damit die Auslastung der einschlägigen Produktionswerke.

Blume erwartet anspruchsvolles Jahr

Auch die erhöhte Aufmerksamkeit des Staates für Sicherheitsfragen hilft VW: Nach Unfällen mit Assistenzsystemen anderer Hersteller betont VW ein ums andere Mal Sicherheit und Qualität. Und schließlich könnte die Weltpolitik bei allen Problemen auch einen Vorteil verschaffen: Angesichts der US-Handelspolitik öffnen sich Exportchancen aus China in Nachbarländer.

Weiterlesen nach der Anzeige
Weiterlesen nach der Anzeige

Schnelle Besserung verspricht nichts davon. „Dieses Jahr wird noch mal ein sehr anspruchsvolles sein“, sagt Blume. In der zweiten Hälfte 2026 erwartet Blume dank der neuen Modelle wieder steigende Zulassungszahlen.