Großes Elektroprojekt gekippt: Porsche rettet sich zum Verbrenner
Porsche krempelt seine Strategie komplett um. Die Kosten der Kehrtwende dürften den größten Teil des Gewinns in diesem Jahr auffressen und hinterlassen auch beim Mutterkonzern Volkswagen tiefe Spuren. Porsche-Chef Oliver Blume, der auch den VW-Konzern führt, bremste die Hoffnungen auf schnelle Erholung: „Es wird ein harter und langer Weg“, sagte er in einer Telefonkonferenz am Freitagabend nach Börsenschluss.
„Aktuell erleben wir massive Umwälzungen im Umfeld der Automobilindustrie, deshalb stellen wir Porsche umfassend neu auf“, sagte Blume. Er hat bei Porsche schon vor Jahren massiv auf Elektromobilität gesetzt – und muss das Rad jetzt zurückdrehen.
Seit Monaten zählt Blume die Gründe auf: Die E-Mobilität komme zäh in Fahrt. In China wollen die Kunden keine Porsche-Preise für Elektroautos zahlen. Beim Export in die USA fressen die Zölle den Gewinn auf. Und inzwischen wird auch die Dollarschwäche für Europas Exporteure zur Last.
Damit gehen wir auf neue Marktrealitäten und Kundenbedürfnisse ein.
Oliver Blume
CEO Porsche
Kern des Maßnahmenpakets ist ein Schwenk bei Modellpolitik und Antrieb: Es läuft auf teurere Modelle, weniger Elektro- und mehr Verbrennungsmotor hinaus. Blume sprach von größerer Flexibilität angesichts einer kaum berechenbaren Entwicklung: „Mit einer überzeugenden Mischung aus Verbrennungsmotoren, Plug-in-Hybriden und batterieelektrischen Fahrzeugen wollen wir die gesamte Bandbreite an Kundenwünschen erfüllen.“
Nach früheren Plänen hätte es ab 2030 praktisch nur noch Elektroautos bei Porsche gegeben, jetzt kündigt Blume Verbrenner „bis weit in die 2030er Jahre“ an. „Damit gehen wir auf neue Marktrealitäten und Kundenbedürfnisse ein“, sagte er. Offenbar setzt er auch darauf, dass die EU die Pläne für das Verbrenner-Aus 2035 aufweichen wird.
So wird ein großer Luxus-SUV, geplant unter dem Projektnamen K1, nicht mehr mit Elektroantrieb, sondern mit Verbrennungsmotor und als Plug-in-Hybrid geplant. Das Auto wäre noch über dem Porsche Cayenne angesiedelt und soll in Leipzig gebaut werden. Wann es unter den neuen Bedingungen starten kann, sagte Blume nicht.
Eine ganze Plattform wird gestoppt
Der Schwenk beim K1 bedeutet auch, dass die dazugehörige Technikplattform nicht weiterentwickelt wird. Es handelt sich um eine sportliche Variante der für den gesamten VW-Konzern geplanten Elektroplattform SSP. Es dürften nun also auch andere Konzernmarken bei vergleichbaren Modellen umsteuern. „Die Plattform soll in Abstimmung mit anderen Marken des Volkswagen-Konzerns technologisch neu aufgesetzt werden“, heißt es in der offiziellen Mitteilung. Wegen des Entwicklungsstopps müssen Hunderte Millionen Euro abgeschrieben werden.
Gleichzeitig sind ähnliche Summen nötig, um Modelle mit Verbrennungsmotor zu entwickeln und den Antrieb – entgegen allen Plänen – doch noch einmal auf den neuesten Stand zu bringen. So bekommt der neue elektrische Cayenne, den Porsche gerade auf der IAA in München vorgestellt hat, einen Bruder mit Verbrennungsmotor – auf Basis des alten Modells. Auch der Panamera soll einen Nachfolger mit Verbrennungsmotor bekommen.
Die E-Modelle bleiben
Außerdem dürften hochmotorisierte und entsprechend gewinnträchtige Varianten des Klassikers 911 entstehen. „Die Produktpalette wird um markenprägende Fahrzeugmodelle mit Verbrennungsmotor ergänzt“, heißt es lediglich. Von einem Macan mit Verbrennungsmotor, über den immer wieder spekuliert wird, war am Freitag nicht die Rede.
Dennoch betonte Blume die Weiterentwicklung der vollelektrischen Modelle. Es werde weiter ein „attraktives Angebot“ geben mit Taycan, Macan und dem elektrischen Cayenne. Auch an dem elektrischen Zweisitzer 718 (Boxster und Cayman) hält Blume fest. Die Einführung verzögert sich allerdings durch die Pleite des Batterielieferanten Northvolt.
Der Umbau frisst den Gewinn auf
Die Neuausrichtung hinterlässt tiefe Spuren in der Bilanz. Finanzchef Jochen Breckner rechnet in diesem Jahr mit 1,8 Milliarden Euro Sonderaufwand allein für die jetzt angekündigten Maßnahmen. Insgesamt summiert sich die Last mittlerweile auf 3,1 Milliarden Euro, denn schon vor einigen Wochen hatte Porsche Sanierungsmaßnahmen angekündigt, unter anderem das Ende der eigenen Batteriezellfertigung. Mit den Arbeitnehmern wird gerade ein Sparprogramm verhandelt.
Am Ende steht eine weitere Absenkung der Prognose für dieses Jahr: Breckner rechnet zwar unverändert mit 37 bis 38 Milliarden Euro Umsatz, die operative Umsatzrendite werde aber schrumpfen auf „bis zu 2 Prozent“. Von 100 Euro Verkaufspreis bleiben also maximal 2 Euro Gewinn – vor Zinsen und Steuern. Damit ist ein Nettoverlust nicht ausgeschlossen, die Dividende wird deutlich schrumpfen.
Auch VW senkt die Prognose
In der Folge muss auch der Mutterkonzern seine Prognose senken. Volkswagen rechnet wegen der Porsche-Krise mit 5,1 Milliarden Euro Sonderbelastung in diesem Jahr. Dabei schlägt nicht nur der fehlende Porsche-Gewinn und die Abschreibung auf das Elektroprojekt durch, sondern vor allem auch die Abwertung der Sportwagentochter in der VW-Bilanz.
Blume sieht mit den Beschlüssen vom Freitag nun den Weg in die Zukunft bereitet. Nach vielen Wendungen und bösen Überraschungen in diesem Jahr sei dies der „finale Schritt in der Neuausrichtung unserer Produktstrategie“. Die beim Börsengang vor drei Jahren angekündigte Gewinnmarge von 20 Prozent hält Blume aber vorerst nicht mehr für erreichbar. „Mittelfristig“ wird nun eine Umsatzrendite „im zweistelligen Bereich“ angepeilt, „bei guter Geschäftsentwicklung bis zu 15 Prozent“.
Wegen der Krise bei Porsche steht Blume auch in Wolfsburg erheblich unter Druck. Als er vor drei Jahren an die Konzernspitze rückte, behielt er parallel den Chefposten bei Porsche. Anleger und Betriebsrat kritisieren gleichermaßen, dass die Aufgaben in beiden Unternehmen für einen „Halbtagschef“ zu groß seien. In den nächsten Monaten dürfte Blume den Porsche-Job aufgeben, vorher will er aber die Sanierung dort auf den Weg bringen.