Asiens schwarzer Börsenmontag
Tokio. In Ostasien könnte der Beginn dieser Woche als schwarzer – oder eher: roter – Montag in Erinnerung bleiben. An allen großen Börsen zeigten die Kurse nur in eine Richtung, nach unten. Der Nikkei 225, der Aktienleitindex an der Tokioter Börse, schloss mit einem Minus von 7,8 Prozent, das drittgrößte Tagesminus überhaupt.
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Zur vollständigen AnsichtIn Südkorea verlor der Leitindex Kospi 5,6 Prozent. Die Werte der führenden chinesischen Indizes von den Börsen in Hongkong, Shanghai und Shenzhen fielen gar um 12,5, 7,3 und 9,7 Prozent.
Zollankündigung Trumps lässt Aktienmärkte einbrechen
Am Hintergrund dieser sehr deutlichen Einbrüche zweifelt niemand: Es ist die Zollpolitik von US-Präsident Donald Trump. Der hat in der zweiten Hälfte der vergangenen Woche angekündigt, auf diverse Staaten der Welt deutlich höhere Zölle als bisher zu erheben. Wer also Waren in die USA – die größte Volkswirtschaft der Welt – exportiert, muss nun bei der Einfuhr höhere Abgaben entrichten als zuvor.
Für Japan und Südkorea hat Trump pauschal 25 Prozent erhoben, für China 34 Prozent. Diese drei größten Volkswirtschaften Ostasiens trifft die neue US-Politik besonders hart, da sie je deutliche Handelsüberschüsse gegenüber den USA verzeichnen, also mehr in die USA exportieren als sie von dort importieren. Der US-Präsident will diese Handelsbilanzen partout ausgleichen – auch wenn diese von Ökonomen und Ökonominnen kaum als Problem per se gesehen werden, da sie ein Phänomen internationaler Arbeitsteilung sind.
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Zur vollständigen AnsichtTrump will Unternehmen in die USA locken
Trumps Gedanke hinter der Politik: Der in vielen Bereichen kaum wettbewerbsfähigen US-Wirtschaft will er Vorteile verschaffen. Wo dies nicht gelingt, sollen zumindest ausländische Unternehmen dazu gedrängt werden, nicht mehr in die USA zu exportieren, sondern stattdessen ihre Produktion in die USA zu verlagern, um Jobs für USA-Amerikaner zu schaffen. Eine Kehrseite der Medaille in jedem Fall: Durch Zölle oder hohe Investitionskosten und Lohnkosten dürften für Verbraucher die Preise in vielen Fällen steigen.
Und die Finanzmärkte, die Trump in der Vergangenheit für ein wichtiges Maß des Erfolgs seiner Politik zu halten schien, stellen der US-Regierung ein desolates Zeugnis aus. Schon seit Donald Trump seine Zollpolitik Anfang des Jahres konkretisiert hat, rasen die Kurse in den Keller. Analysten sprechen unter anderem von einem „Blutbad.“ Zumal unter den stark fallenden Aktienkursen auch private Kleinanlegerinnen und Pensionsfonds, die oft am Kapitalmarkt investieren, zu leiden haben.
Verbündete wollen in die USA reisen
Die Reaktionen aus den Staaten sind deutlich. Die US-Zollpolitik wird „große negative Konsequenzen auf die bilateralen ökonomischen Beziehungen, die globale Wirtschaft und das multilaterale Handelssystem haben“, hat Japans Premierminister Shigeru Ishiba erklärt. Für ein Regierungsoberhaupt Japans – das durch die große US-Militärpräsenz im Land auch auf sicherheitspolitischer und diplomatischer stark von den USA abhängt – sind solche Worte bemerkenswert. Ishiba will nun für Gespräche in die USA reisen.
US-Zölle: VW will „Importgebühr“ für seine Autos einführen
Ab sofort gilt in den USA ein Einfuhrzoll in Höhe von 25 Prozent auf Autos und (ab Mai) Autoteile. Verbände schlagen Alarm. So reagiert Volkswagen auf die Zölle.
Ähnlich reagiert man in Südkorea, das ebenfalls als strategischer Partner der USA viele US-Militärs auf seinem Territorium beherbergt und außenpolitisch von den USA abhängt. Südkoreas Wirtschaftsminister plant noch diese Woche einen Besuch in der US-amerikanischen Hauptstadt Washington. Südkoreas Regierung will unterdessen neue Liquidität für Betriebe bereitstellen, die von den Strafzöllen besonders hart getroffen sind. In Japan sind Beratungsstellen für Unternehmen eingerichtet worden.
China sucht die Konfrontation
China sucht dagegen deutlicher einen Konfrontationskurs mit den USA: Schon am Freitag kündigte die Regierung in Peking an, fortan Zölle in Höhe von 34 Prozent auf Produkte aus den USA zu erheben – exakt jener Wert, den die Trump-Regierung auf Waren aus China erhebt. Diese Anzeichen eines Handelskriegs sorgen an den Börsen für weitere Panik. Denn bisher zeigt sich zwischen den USA und China keine konkrete Entspannung. Trump hat Gesprächsbereitschaft signalisiert, mehr aber nicht.
So hat der aktuelle Wirtschaftskonflikt, den einige schon Handelskrieg nennen, kaum Gewinner. Einige Ausnahmen gibt es: Importabhängige Betriebe aus Japan etwa, wo der Yen über die letzten Jahre fiel, können derzeit billiger aus dem Ausland einkaufen als zuvor. Als Folge der US-Zölle hat der Außenwert des US-Dollar merklich nachgelassen – was die Kaufkraft solcher Marktteilnehmer, die ihr Geld in anderen Währungen besitzen, anhebt. Unter genereller Unsicherheit leiden aber auch diese Betriebe.
Dax bricht um 10 Prozent zum Wochenstart ein
Der Absturz an den Aktienbörsen geht zu Wochenbeginn beschleunigt weiter. Nach dem Einbruch in Asien folgt am Morgen auch der Dax mit einem enormen Kursrutsch.
Einstige Feinde arbeiten zusammen
Eine größere Folge, die die aggressive Zollpolitik der USA hat, sind allerdings hörbare Schritte zu einer Integration zwischen Japan, China und Südkorea. Diese drei Staaten – die politisch wie auch angesichts Japans Vergangenheit als Kolonialmacht historisch zerstritten sind – erklärten vergangene Woche, ökonomisch enger zusammenarbeiten zu wollen. Auf einer trilateralen Konferenz in der südkoreanischen Hauptstadt Seoul verkündeten sie, die Verhandlungen über ein Freihandelsabkommen zu beschleunigen.
Es wäre ein Schritt der Integration, der lange Zeit unmöglich erschienen war. Koichi Nakano, Politikprofessor an der Sophia Universität in Tokio, befürwortet die Idee, den Austausch zu suchen: „Man muss die Realität akzeptieren“, sagt Nakano auch gegenüber nationalistischen Kräften in Japan, die sich eher an die USA halten wollen denn eine Integration mit China zu suchen. „China ist auch schon länger bereit, das zu tun.“ Bereitschaft ist also auf mehreren Seiten vorhanden.
Nakano betont, dass es die Versuche einer ostasiatischen Integration schon ab 2017 gab, als Donald Trump zum ersten Mal US-Präsident war und mit Zöllen seinen Handelskrieg entfachte. „Obwohl in Japan damals der nationalistische Premier Shinzo Abe regierte, sollte Chinas Regierungschef Xi Jinping nach Tokio eingeladen werden“, so Nakano. „Am Ende kam die Corona-Pandemie dazwischen.“
Sehr wohl aber wurde mit dem Regional Comprehensive Economic Partnership (RCEP) schon ein erstes Handelsabkommen abgeschlossen, das erstmals 15 Staaten in Ost- und Südostasien einschließt. „Es ermöglicht weniger Zollsenkungen als andere moderne Handelsabkommen“, bemängelt Deasy Pane, Analystin am Thinktank Center for Indonesian Policy Studies, in einem Report. Als erste zaghafte Integration aber hilft das seit 2022 gültige RCEP. Und als Grundlage für nächste Schritte.