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Bundesgericht urteilt

Was sind die Alternativen zum Kükentöten?

Hannover/Leipzig (dpa) - Millionen männlicher Küken werden jährlich vergast, weil ihre Aufzucht unwirtschaftlich ist: Nach jahrelangem Rechtsstreit um die Brüder von künftigen Legehennen rückt eine Entscheidung näher.

Das Bundesverwaltungsgericht in Leipzig muss als höchste Instanz klären, ob das massenhafte Kükentöten mit dem Tierschutzgesetz vereinbar ist. Foto: Peter Endig

Autor:

Christina Sticht, dpa

Geflügelzüchter und Tierschützer blicken am Donnerstag (13. Juni) mit Spannung nach Leipzig, wo die Bundesrichter ihr Urteil verkünden wollen. Nordrhein-Westfalen hatte 2013 seinen Brütereien verboten, die männlichen Küken nach dem Schlüpfen zu eliminieren. Zwei Betriebe klagten dagegen und bekamen Recht. Das Bundesverwaltungsgericht muss als höchste Instanz nun klären, ob das massenhafte Kükentöten mit dem Tierschutzgesetz vereinbar ist. Entscheidend wird sein, ob es Alternativen zum Vergasen von jährlich laut Bundesagrarministerium rund 45 Millionen Junghähnen gibt.

Mehr als acht Millionen Euro hat der Bund bereits in die wissenschaftliche Entwicklung von Alternativen investiert. «Ein Durchbruch ist vergangenes Jahr mit einem Verfahren zur Geschlechtsbestimmung im Brut-Ei gelungen», sagt Bundeslandwirtschaftsministerin Julia Klöckner. Sobald es flächendeckend auf dem Markt sei, greife automatisch das Tierschutzgesetz und das Kükentöten werde verboten. «Damit werden wir Vorreiter in Europa und der ganzen Welt», verspricht Klöckner.

Bei diesem endokrinologischen, also hormonellen Verfahren werden die Eier etwa neun Tage bebrütet. Dann wird aus jedem Ei durch ein winziges Loch etwas Flüssigkeit genommen, ohne das Ei-Innere zu berühren. Mit den Proben lässt sich das Geschlecht nachweisen. In rund 380 Rewe- und Penny-Filialen im Großraum Berlin werden diese Eier mit dem Logo «Respeggt» bereits angeboten. Das Unternehmen Seleggt arbeite mit Hochdruck daran, sie bis Ende 2019 in allen Märkten bundesweit anzubieten, teilt die Rewe Group mit.

«Hier besteht kein wissenschaftlicher Nachweis, dass der Embryo keine Schmerzen empfindet», kritisiert der Deutsche Tierschutzbund. Die Tierschützer bevorzugen die Geschlechtsbestimmung zu einem früheren Zeitpunkt mit Hilfe einer Infrarot-Spektroskopie. Dabei werden laut Agrarministerium die Eier nur etwa vier Tage lang bebrütet, dann wird ein spezieller Lichtstrahl ins Ei-Innere geschickt. Die Genauigkeit der Messung müsse noch optimiert werden, räumt das im niedersächsischen Visbek ansässige Unternehmen Agri Advanced Technologies ein. «Wir arbeiten weiter an der Verbesserung unserer Technologie, brauchen dafür aber noch Zeit.»

Der Präsident des Zentralverbandes der Deutschen Geflügelwirtschaft (ZDG), Friedrich-Otto Ripke, hofft auf eine «mehrjährige Übergangsfrist», sollten die Bundesrichter die bisherige Praxis für tierschutzwidrig einstufen. «Die Praxisreife der Verfahren zur Geschlechtsbestimmung im Ei ist noch nicht gegeben», betont der Verbandschef. Er warnt davor, dass die 10 bis 15 betroffenen Brütereien ins Ausland gehen könnten. «Da sehe ich einen Verlust an Tierschutz.» Außerdem werde es zu Engpässen bei der Versorgung mit Eiern kommen.

Aus Sicht des Deutschen Tierschutzbundes muss das «aus dem Ruder gelaufenen System der Hochleistungszucht» insgesamt beendet werden. Heutige Legehennen-Zuchtlinien sind darauf getrimmt, möglichst viele Eier in kurzer Zeit zu legen, setzen aber kaum Fleisch an. Daher eignen sich die männlichen Tiere nicht für die Mast. Eine Alternative ist das sogenannte «Zweinutzungshuhn», bei dem die Hennen für die Eiererzeugung, die Hähne für die Fleischgewinnung genutzt werden können, wie es vor der Industrialisierung üblich war. Dieses neue Konzept in der Geflügelhaltung wurde dreieinhalb Jahre lang von der Tierärztlichen Hochschule Hannover (TiHo) erprobt.

Die «Zweinutzungs»-Hennen legen etwa 250 Eier im Jahr, im Schnitt 50 weniger als herkömmliche Legehennen, die Hähne müssen bis zur Schlachtreife doppelt so lange gehalten werden wie übliche Masthähnchen. «Kommt es zu keiner weiteren Veränderungen der Bedingungen, wird es schwer sein, die wirtschaftlichen Nachteile zu kompensieren, die unter anderem durch die höheren Produktionskosten bei der Haltung des Zweinutzungshuhnes entstehen», meint Projektleiterin Silke Rautenschlein von der TiHo.

Auch Geflügelwirtschafts-Präsident Ripke sieht die Verbraucher am Zug. «Ich bin auch dafür, dass wir die Schiene Zweinutzungshuhn weiterverfolgen. Aber ihr Marktanteil ist bisher fast nicht messbar», sagt er. Wer das Kükentöten nicht unterstützen will, kann Eier von Initiativen kaufen, die die sogenannten Bruderhähne aufziehen. Die Verbraucherzentrale Niedersachsen stellte bei einem Marktcheck im April fest, dass in sechs von elf Lebensmittelmärkten Eier «ohne Kükentöten» im Sortiment waren. Sie kosteten zwischen 3 und 28 Cent pro Ei mehr als herkömmliche Eier.



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