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Gesundheitswoche

Impfen hilft uns allen

Wenn Kinder erkranken, handelt es sich meist um harmlose Infekte. Viele ernsthafte Kinderkrankheiten gelten in Deutschland als ausgerottet. Doch Impflücken könnten wieder für Verbreitung sorgen.

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Von Kerstin Hergt
Schon wieder Fieber und Laufnase? Auch wenn besonders Eltern von Kindergartenkindern regelmäßig daran verzweifeln, was der Nachwuchs alles an Krankheiten zu Hause einschleppt: Infekte bei Kindern gehören zum Lernprozess des Immunsystems. Viren und Bakterien muss der Körper erst kennenlernen, um Abwehrkräfte zu entwickeln. Dagegen lassen sich klassische Kinderkrankheiten wie Mumps oder Masern mit nicht zu unterschätzenden möglichen Folgen für die Gesundheit vermeiden – durch Impfungen. Prof. Johannes Liese, Leiter der Pädiatrischen Infektiologie und Immunologie der Kinderklinik des Universitätsklinikums Würzburg, Vorsitzender der Deutschen Gesellschaft für Pädiatrische Infektiologie (DGPI) und Kuratoriumsmitglied der Stiftung Kindergesundheit, gibt Auskunft über die häufigsten Kinderkrankheiten und was man im Zweifel dagegen tun kann.

▶ Infektionen der oberen Atemwege
In den ersten Lebensjahren lernt das Immunsystem, sich mit Keimen und Viren auseinanderzusetzen, um sich langfristig davor zu schützen. Bei Kindern häufen sich fieberhafte Infektionen der oberen Atemwege vor allem bis zum dritten Lebensjahr. „Sechs bis acht Infekte jährlich sind dabei normal. Die ,Blockbuster‘ unter den Erkrankungen sind Mittelohrentzündung, Mandelentzündung und Bronchitis“, sagt Prof. Johannes Liese. In diesen Fällen sollten die Eltern bei ersten Anzeichen sofort den Kinderarzt einschalten, rät der Mediziner. Bei der Behandlung gehe man heute sanfter vor als beispielsweise noch vor zwanzig Jahren. So wird eine vollständige operative Entfernung der Mandeln nur noch durchgeführt, wenn das Kind übermäßig oft an einer Entzündung leidet. Zurückhaltung üben Kinderärzte auch bei der Verschreibung von Antibiotika. Nicht zuletzt auch vor dem Hintergrund der Zunahme an multiresistenten Keimen in Kliniken.

▶ Grippale Infekte
Erkältungskrankheiten sind vor allem in den ersten Kindergartenjahren weit verbreitet. Hustenreiz und laufende Nase sind nach gut zehn Tagen in der Regel überstanden. Fieber als Begleiterscheinung hält meist nur zwei Tage an. Für die echte Grippe sind Influenzaviren verantwortlich, die stärkere Symptome hervorrufen. Bei Kindern können sich neben sehr hohem Fieber und bellendem Husten auch noch Übelkeit, Bauchweh und Erbrechen einstellen. „Im Zweifel ist ein Krankenhausaufenthalt angebracht. Dennoch wird wegen des aufwendigen Impfprogramms eine Grippeschutzimpfung bei Kindern nur bei Grunderkrankungen wie etwa Asthma empfohlen“, sagt Liese.

▶ Kinderlähmung
In Deutschland gilt Poliomyelitis, also Kinderlähmung, zwar nicht zuletzt dank Schutzimpfungen als ausgerottet. Dennoch empfiehlt die ständige Impfkommission des Robert-Koch-Instituts (RKI) auch weiterhin die Immunisierung. Sie besteht aus insgesamt fünf Impfungen im Säuglings- und Jugendalter, die in der Regel mit Kombinationsimpfstoffen erfolgen. Der durch den Bürgerkrieg bedingte Rückgang der Impfquote in Syrien hat dort zu einer neuerlichen Verbreitung des Polio-Virus geführt. Polio kann zu Hirnhautentzündung und Lähmungen führen.

▶ Masern, Mumps, Röteln und Windpocken
In der Vergangenheit gab es verstärkt Masernepidemien, die von Erwachsenen ausgingen. „Das ist darauf zurückzuführen, dass bei älteren Generationen die Impfschutzschemata nicht optimal waren“, erläutert Liese. Umso wichtiger sei es, dass auch Erwachsene ihre Masernimpfungen auffrischen lassen. Für Kinder bestehe mittlerweile ein gutes System. Dennoch gab es im Jahr 2013 nach Angaben des RKI noch 1771 Masernfälle, fast alle davon bei Ungeimpften. Als Spätfolge kann eine Gehirnentzündung (SSPE) auftreten, die tödlich ist. Auch die Auswirkungen von Mumps, Röteln und Windpocken seien nicht zu unterschätzen, warnt der Facharzt für Infektiologie. So kann es bei Mumps zur Schädigung des Gehörs und der Zeugungsfähigkeit kommen, Windpocken sind vor allem für Neugeborene lebensbedrohlich, Röteln können bei Erkrankung der Mutter bei Ungeborenen schwere Fehlbildungen auslösen. Eine Impfung gegen alle vier Krankheiten auf einmal wird bereits für Babys zwischen dem elften bis vierzehnten Lebensmonat empfohlen.

▶ Diphterie
Das Diphtherie-Bakterium infiziert Haut oder Schleimhäute, kann sich aber auch im ganzen Körper ausbreiten. Es bildet ein gefährliches Gift, das Organe wie Herz, Niere und Leber dauerhaft schädigen kann. Dank hoher Impfraten tritt Diphterie in Deutschland nur noch selten auf. Damit das so bleibt, werden Impfungen weiter empfohlen.

▶ Scharlach
Einen Impfstoff gegen Scharlach gibt es bislang nicht. „Einen solchen zu entwickeln scheitert vor allem daran, dass es sich bei den Erregern um Streptokokken handelt, die die Eigenschaft haben, sich häufig zu verändern“, erläutert Liese. Genau dieser Aspekt habe allerdings auch zu einem Wandel des Erregerbildes geführt, sodass die Krankheit heute in den seltensten Fällen noch lebensbedrohlich sei. Scharlach ist eine bakterielle Infektionskrankheit und verursacht Halsentzündungen, hohes Fieber und zum Teil Hautausschlag. Die Krankheit ist hoch ansteckend und tritt besonders häufig zwischen März und Oktober in Kindertagesstätten sowie Schulen auf. In der Regel wird sie mit Antibiotika behandelt. Bei einem schweren Verlauf kann es zu einer chronischen Herzklappenschädigung kommen.

▶ Keuchhusten
Anfang des Jahres erst wurde Deutschland von einer Keuchhustenwelle erfasst. Die Zahl der Erkrankten erreichte damit einen neuen Höchststand. Im Jahr 2016 registrierte das Robert-Koch-Institut rund 22 000 Fälle und damit die meisten seit dem Beginn der bundesweiten Meldepflicht im Jahr 2013. Damals waren es rund 12 600 Patienten pro Jahr. „Keuchhusten ist ein großes Problem“, sagt Liese. Der Mediziner führt die Verbreitung vor allem auf Impflücken bei Erwachsenen zurück. „Eine Auffrischung alle zehn Jahre ist unerlässlich“, gibt der Infektionsschutzexperte zu Bedenken. Besonders gefährlich ist Keuchhusten (Pertussis) für Säuglinge. 2016 starben in Deutschland drei Babys an der Infektion. Der typischerweise langwierige trockene Husten wird vor allem nachts krampfartig. Die Infektion dauert in der Regel vier bis sechs Wochen. Nur im Frühstadium wirken Antibiotika.

▶ Magen-Darm-Infekte
Besonders in Kindertagesstätten treten Magen-Darm-Infekte häufig auf. Meistens klingen die Symptome – Erbrechen, Übelkeit und Durchfall – genauso schnell wieder ab, wie sie gekommen sind. „Ein Krankenhausbesuch ist lediglich angebracht, wenn das Kind eine Wesensveränderung zeigt oder der Flüssigkeitsverlust zu hoch ist“, sagt Liese. Beschwerden können nur gelindert werden, eine ursächliche Behandlung ist nicht möglich. Von stopfenden Durchfallmedikamenten raten viele Ärzte ab, weil sie im Zweifel den Krankheitsverlauf noch verlängern. Neben regelmäßigem und richtigen Händewaschen könne Infekten nur vorgebeugt werden, indem man das Kind zu Hause lässt, sobald ein Krankheitsfall in der Kita bekannt geworden sei, rät Liese.
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