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Zwischen Supermama und Überforderung

Junge Mütter und ihre Ängste

Autor:

Alexandra Bülow

Karlsruhe. Die anderen machen immer alles richtig. Sie wissen auch alles. Vor allem besser. Man selbst aber ist ein Wurm, der nicht mal sein eigenes Kind versteht, nicht intuitiv fühlt, warum es brüllt. Frauen, die zum ersten Mal Mutter werden, plagen sich oft mit solchen Selbstzweifeln. Und die haben verschiedene Ursachen.

Die frischgebackenen Mütter möchten sich sicher fühlen und nichts dem Zufall überlassen. Das Kind schreit ständig oder hat einen roten Fleck auf der Haut? Prompt forscht man im Internet und liest, dass es Symptome einer schlimmen Krankheit sein könnten. „Zum größten Teil sind solche Dinge normal und kein Grund zur Sorge“, sagt Kerlen-Petri. Man möchte alles richtig machen. „Dieser Wahnsinnsdruck, der heute vorherrscht, ist symptomatisch für unsere Zeit und hat natürlich damit zu tun, dass wir in einer Leistungsgesellschaft leben, in der ein perfektes Mütterideal vorherrscht, das überall propagiert wird“, erklärt Corinna Knauff, Erziehungsexpertin und Autorin.

Dieses Ideal läuft einem als Kollegin oder Bekannte aus der Kita ständig über den Weg. Alles läuft bei ihnen super, das Kind spricht schon erste Sätze, wenn das eigene gerade ein „Mama“ stammelt. „Wir haben meist von klein auf gelernt, uns nach äußeren Vorgaben zu richten und uns nach der Anerkennung von anderen auszurichten“, erklärt Knauff. Es gehe aber darum, sich selbst zu vertrauen und das Leben unabhängig vom Urteil der Mitmenschen zu leben.

Was also tun? Schritt eins: Mütter sollten ihre Ansprüche an sich selbst herunterschrauben und nicht glauben, es gebe nur den einen Idealweg. Das Leben verändert sich durch ein Kind um 180 Grad. „Man muss erst einmal lernen, mit der neuen Lebenssituation umzugehen“, sagt Holger Simonszent vom Berufsverband Deutscher Psychologinnen und Psychologen in Berlin. „Es ist wichtig, sich bewusst zu machen, dass man Fehler machen darf.“ Intuitiv wisse man, was gut ist. Und wenn nicht, dann hat Kerlen-Petri einen Tipp: „Man sollte sich immer wieder klarmachen, dass man es lernen wird und es schon richtig macht.“ Das Leben mit Kind ist nun einmal ein Lernprozess. Das Miteinander wächst langsam, und daher sind die ersten Wochen nach der Geburt so wichtig. „Viele junge Eltern tun so, als sei nichts gewesen, und das alte Leben gehe jetzt eben mit Kind weiter“, so Kerlen-Petri. Dabei seien gerade die ersten acht Wochen – das gute, alte Wochenbett – wichtig, um in dem neuen Leben anzukommen. „Es sollte vorgekocht und eingekauft sowie Unterstützung von Freunden und Familie eingeplant werden, damit man sich wenig um den Alltag kümmern muss und Zeit für sich und das Baby hat“, rät die Hebamme. Und wenn es Fragen gibt, sollte man Umfragen im privaten Umfeld vermeiden, sagt Simonszent. Besser sei es, sich einen Ansprechpartner zu suchen. Das kann die Hebamme sein oder auch eine Freundin, die Erfahrung hat.

Daneben sollte man sich gleichgesinnte Mütter suchen, denn Sätze wie „Bei uns läuft alles toll!“ der angeblich perfekten Mütter sind oft nur Show. „Es spielt überhaupt keine Rolle, ob eine Mutter berufstätig ist oder nicht, zwei Monate stillt oder zwei Jahre, ob sie einen Designer-Buggy hat oder ihr Baby im Tragetuch trägt“, ermutigt Knauff. „Eine gute Mutter ist eine Frau, die im Großen und Ganzen mit sich im Einklang ist, die sich selbst die kleinen und großen Fehler und Sünden vergeben kann und Spaß am Leben mit ihren Kindern hat.“

Immer alles toll mit dem kleinen Baby? Frischgebackene Mütter, die das behaupten, können andere verunsichern. 

Andrea Warnecke




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