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Zwölf Jahre im Dienst der Präsidenten

Am 11. Juli 1999 klingelt im Rintelner Ortsteil Ahe das Telefon. Karola Marquardt verschlägt es die Sprache, als sie den Hörer abnimmt – denn der Anrufer ist niemand Geringeres als der damalige Bundespräsident Johannes Rau. Er möchte ihrem Mann Jürgen Marquardt zum Geburtstag gratulieren.

Autor:

Jessica Janson

„So war Johannes Rau, er hat jedem Mitarbeiter persönlich gratuliert“, erzählt Jürgen Marquardt. Zwölf Jahre lang war er im Bundespräsidialamt Leiter des Inneren Dienstes und hat dabei nicht nur Bundespräsident Rau persönlich kennengelernt: Auch für Roman Herzog und Horst Köhler hat er gearbeitet.

„Ich war für alles zuständig, was im Amtssitz des Bundespräsidenten und im Bundespräsidialamt benötigt wurde“, beschreibt Marquardt. Von der Rolle Toilettenpapier über die wertvollen Gemälde an der Wand, bis hin zur Archivierung der Staatsgeschenke an die Bundespräsidenten – der Rintelner hatte auf alles ein Auge. Zunächst in Bonn, später auch in Berlin.

Viele bekannte Persönlichkeiten hat er in dieser Zeit aus nächster Nähe gesehen: Amerikas Präsidenten Bill Clinton, Russlands Präsidenten Wladimir Putin, Englands Queen Elizabeth und den französischen Staatschef Jacques Chirac. Denn auch auf offiziellen Veranstaltungen beim Bundespräsidenten war er stets zugegen. „Ich musste ja aufpassen, dass alles in Ordnung ist“, sagt er. Als besonders beeindruckend behielt er den ehemaligen Bundeskanzler Kohl in Erinnerung. „Er ist ja schon im Fernsehen eine imposante Erscheinung, aber wenn dieser große Mann einem die Hand auf die Schulter legt und nach dem Weg fragt, das vergisst man nie“, beschreibt er.

Dabei fing Marquardts Berufsleben ganz anders an. Nach einer Ausbildung zum Industriekaufmann ging er 1966 zur Bundeswehr. Nach seinem Ausscheiden als Reserveoffizier absolvierte er eine dreijährige Ausbildung zum Diplom Verwaltungswirt und war dann als Truppenverwaltungsbeamter in Hildesheim eingesetzt. „Dort war ich für alle Verwaltungsaufgaben im Bereich der Einheiten zuständig“, erzählt der heute 64-Jährige. Er kümmerte sich um die Finanzen der Einheiten und alles, was die Soldaten sonst benötigten. Ein Job, der ihn für seinen späteren Dienst im Bundespräsidialamt qualifizierte. Am Schreibtisch hat er dabei nur selten gesessen. „Ich war immer bei den Soldaten, machte auch ihre Übungen mit“, verdeutlicht er. So gehörten auch Auslandseinsätze zum Berufsalltag.

Mit 45 merkte Marquardt, dass es so nicht weiter gehen kann. „Die Soldaten waren mittlerweile alle viel jünger. Ich entschied, dass Schluss sein muss.“ Er wechselte 1990 in den Innendienst der Wehrbereichsverwaltung in Hannover. Glücklich wurde er dort jedoch nicht. „Ein Bürojob ist einfach nichts für mich. Ich brauche den Umgang mit Menschen“, beschreibt er.

Also begann er 1995, im Alter von 50 Jahren, mit der Suche nach einer neuen Herausforderung. „Ich bewarb mich auf zwei Stellen; als Leiter der Verwaltung beim Nationalpark Harz und auf die Stelle im Bundespräsidialamt“, sagt er. Wieso gerade diese zwei? „Weil sie sich aufregend und abwechslungsreich anhörten!“ Hoffnung hatte er jedoch nur geringe. „Als ich doch zum Vorstellungsgespräch nach Bonn eingeladen wurde, dachte ich, ich sei nur der Quotenmann. Außer mir waren nur Frauen übriggeblieben“, erinnert er sich lächelnd. Doch weit gefehlt. Zwei Wochen später trat Marquardt seinen neuen Job an.

Fortan pendelte er zwischen Bonn und Ahe. Jeden Freitag fuhr er zu seiner Frau nach Rinteln, montags wieder zurück nach Bonn. „Eigentlich war das für uns kein Problem, wenn da nicht ein Terminproblem aufgetaucht wäre“, erklärt er. Denn das Paar wollte im Herbst 1995 heiraten – doch das Standesamt in Rinteln war nicht bereit, seine Arbeitszeiten wegen eines Mitarbeiters des Bundespräsidialamtes zu ändern. „Das sind die kleinen Probleme, die der Job mit sich gebracht hat“, sagt Marquardt. Die Lösung fand er in Schieder-Schwalenberg: Der dortige Standesbeamte erkannte das Problem und nahm die Trauung an einem Samstag vor.

1998 änderte sich der Dienstort des Rintelners erneut. Das Bundespräsidialamt wurde von Bonn nach Berlin verlegt und Marquardt zog nicht nur mit, sondern organisierte den Umzug. Dabei lieferte er eine logistische Meisterleistung. Ein Ablaufplan regelte genau, zu welcher Uhrzeit welches Büro in welchen Möbelwagen geladen werden sollte, und wann dieser in Berlin wieder entladen wurde. „So schafften wir es, dass das Bundespräsidialamt nur 24 Stunden lang, von Freitagnachmittag 15.30 Uhr bis Samstag 15.30 Uhr lediglich telefonisch erreichbar war.“, sagt Marquardt. Von Donnerstagabend bis Sonntagmittag war alles gelaufen, jeder Aktenordner stand an seinem neuen Platz.

Im Jahre 2003 musste der Rintelner ein besonderes Problem bewältigen. Ein 16 mal 8 Meter großer und 1000 Kilogramm schwerer Teppich, der im Schloss Bellevue mehr als 30 Jahre lang genutzt worden war, musste durch einen Neuen ersetzt werden. Die Beschaffung und der Transport in die obere Etage des Schlosses erwiesen sich dabei als große Herausforderung. „Ich benötigte für diesen Teppich eine Bescheinigung, dass er ohne Kinderarbeit gefertigt wurde“, erinnert er sich – diese allerdings konnte ihm keines der klassischen Teppichländer geben. „Es war aber unmöglich, einen Teppich für den Amtssitz des Bundespräsidenten zu beschaffen, bei dem Kinderarbeit nicht ausgeschlossen war“, bekräftigt Marquardt. Er suchte weiter, und wurde schließlich in Bielefeld fündig. Der Teppich musste dann mit einem Kran durch die herausgenommenen Fenster in den Saal gehievt und mit 20 Personen verlegt werden. „Aber erst solche kleinen Hindernisse machen einen Beruf ja interessant“, schmunzelt er.

Während der Umzugsphase schlief Marquardt oft in den Gästezimmern des Schlosses Bellevue. An einem Winterabend des Jahres 1997 war er mit den Architekten des Neubaues in der Nähe des Brandenburger Tores essen. Da es spät geworden war, fuhr er mit einem Taxi zurück zum Schloss. „Es war etwa halb ein Uhr nachts, ich hatte Freizeitkleidung an und ein paar Glas Wein getrunken“, beschreibt er die Situation. Als der Fahrer ihn fragte, was er denn im Schloss wolle, habe er wahrheitsgetreu „Ich schlafe dort“ geantwortet. „Der Taxifahrer hat mich angeschaut, als wäre ich nicht ganz richtig im Kopf“, schmunzelt Marquardt noch heute, wenn er an die Situation denkt. Erst die Begrüßung durch das Sicherheitspersonal konnte den verwirrten Fahrer überzeugen.

Obwohl Marquardt viele Staatsoberhäupter und Politiker getroffen hat, ist ihm ein Treffen als besonders imposant in Erinnerung geblieben – das mit Papst Johannes Paul II. „Ich habe ihn am Hubschrauber abgeholt und dann ins Schloss Bellevue begleitet. Er war bei diesem Treffen schon sehr schwach, aber dennoch einer der interessantesten und imposantesten Menschen , die ich je getroffen habe“, versichert er, noch heute gerührt von der damaligen Begegnung.

Im Jahr 2004 änderte sich das Aufgabenfeld des Rintelners erneut. Er meldete Altersteilzeit an und kam mit dem Bundespräsidialamt überein, für seine letzten drei Jahre den Arbeitsplatz zu wechseln. In der Ordenskanzlei des Bundespräsidialamtes prüfte er von nun an die Ordensvorschläge der Ministerpräsidenten und legte diese dann dem Bundespräsidenten vor. Außerdem organisierte er die Verleihung des Silbernen Lorbeerblattes, der höchsten Auszeichnung für Leistungen von Sportlerinnen und Sportlern.

Auch im WM-Jahr 2006 war dies seine Aufgabe. Und so war er dabei, als die Fußballnationalmannschaft am 14. August 2006 mit dem Silbernen Lorbeerblatt ausgezeichnet wurde. Dabei hatte er die Gelegenheit, alle Spieler, Trainer und Betreuer persönlich kennenzulernen.

„Die Fußballer erinnerten mich an meine Enkel“, beschreibt Marquardt seine Eindrücke. „Sie waren zwar größer, aber auch jungenhaft, schelmisch und ängstlich, etwas falsch zu machen“, erzählt er. Vor allem Miroslav Klose, der den verhinderten Michael Ballack als Mannschaftsführer vertreten hat, sei vor der Begegnung mit Bundespräsident Horst Köhler sehr aufgeregt gewesen. „Er hat mich gebeten, ihm nicht von der Seite zu weichen und ihm zu sagen, was er machen soll“, verrät Marquardt.

Mittlerweile ist der Rintelner aus dem aktiven Dienst ausgeschieden. Nächstes Jahr wird er offiziell pensioniert, doch obwohl sein aufregendes Berufsleben jetzt vorbei ist, ist ihm nicht langweilig. „Ich bleibe noch aktiv, solange meine Gesundheit es erlaubt, und unterstütze meine Frau. Das Wichtigste ist aber jetzt für mich, Zeit für meine Kinder und Enkelkinder zu haben“, erklärt der zweifache Großvater. „Wenn die mich anrufen, bin ich da, das ist jetzt meine Aufgabe.“




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