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Mittelalterliche Rechtsprechung: Über Jahrhunderte hinweg urteilen „Gogerichte“ über Gesetzesbrecher

Zwischen Schandpfahl und Galgen

Heutzutage werden Straftäter im Namen des Volkes in Gerichtssälen verurteilt. Das war nicht immer so. Bis weit ins 19. Jahrhundert hinein wurde Recht unter freiem Himmel und direkt vom Volk und von „Volksgerichten“ gesprochen. Die Ursprünge dieser „Volksgerichtsbarkeit“ gehen bis ins frühe Mittelalter zurück. Damals lebten die hierzulande siedelnden Germanen noch als lose Interessengemeinschaften in „Goen“ (Gauen) zusammen.

Autor:

Wilhelm Gerntrup

Heutzutage werden Straftäter im Namen des Volkes in Gerichtssälen verurteilt. Das war nicht immer so. Bis weit ins 19. Jahrhundert hinein wurde Recht unter freiem Himmel und direkt vom Volk und von „Volksgerichten“ gesprochen. Die Ursprünge dieser „Volksgerichtsbarkeit“ gehen bis ins frühe Mittelalter zurück. Damals lebten die hierzulande siedelnden Germanen noch als lose Interessengemeinschaften in „Goen“ (Gauen) zusammen. Zur Beratung über das Vorgehen gegen straffällig gewordene Nachbarn und Eindringlinge traf man sich an einem zentral gelegenen, als geheiligt geltenden Versammlungsort. Die Verhandlungen auf dem „Thingplatz“ verliefen nach einem genau festgelegten Ritual. Den Vorsitz führte der Edelste („Edelherr“, „Adelige“) der Go-Bewohner.

Über die Anfänge des heimischen „Go-Gerichtswesens“ ist wenig bekannt. Die ältesten schriftlichen Überlieferungen stammen aus dem 14. Jahrhundert. Aus ihnen wird deutlich, dass es im heutigen Landkreis Schaumburg einst an die 15 Thingstätten gab. Als eine der ältesten und bedeutsamsten gilt Vehlen. Das dortige Gericht war für den größten Teil der nördlich der heimischen Wesergebirgskette lebenden Einwohner zuständig. Auf dem „an der Awe bey der Brücken“ (Aue-Brücke) in der Nähe der Kirche gelegenen Thingplatz steht heute ein Kriegerdenkmal. Bis 1926 wurde der Platz von einer angeblich mehr als tausendjährigen Gerichtslinde beherrscht. Dann musste der sagenumwobene Baum durch ein Neuexemplar ersetzt werden. Für die zum Prangerstehen verurteilten Straftäter gab es einen „Schandpfahl“. Heute weist ein Sandstein-Monument auf die historische Bedeutung des Ortes hin.

Wesentlich vielfältiger und komplizierter als im Schaumburger Norden war es um die Zuständigkeit in den anderen Teilen des heutigen Kreisgebietes bestellt. Eine auffällige Anhäufung von Go-Gerichten gab es entlang der Weser. Zu den ältesten im Umfeld der späteren Regionalmetropole Rinteln gehörten offenbar Exten (in dieser Funktion erstmals 1333 erwähnt) und Engern (1385). Später kam – durch Abspaltung von Exten – noch Möllenbeck hinzu. Ebenfalls drei Thingplätze sind – mit Fischbeck, Fuhlen und Pötzen – im Bereich der heutigen Stadt Hessisch Oldendorf nachgewiesen. Die anderen der bisher bekannt gewordenen mittelalterlichen Go-Gerichte waren laut Aktenlage in Rehren A.O. (Auetal), Algesdorf (Stadt Rodenberg), Messenkamp, Lauenhagen sowie im alten schaumburg-mindischen Grenzdorf Frille angesiedelt.

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So wie auf dieser römischen Darstellung könnte es in vorchristlicher Zeit auf den hiesigen Thing-Gerichtsstätten zugegangen sein.

Gebietszuschnitt, personelle Zusammensetzung und Bedeutung der Gerichte änderten sich stetig. Während anfangs noch über Leben und Tod entschieden wurde, mussten sich die Volksrichter zuletzt vor allem mit Wege- und Grenzfragen herumschlagen. Die Rolle des „edlen“ Vorsitzenden nahmen im Laufe der Jahrhunderte „Gaugrafen“, Drosten und Amtleute ein. Der allmähliche Kompetenzverlust ändert nichts daran, dass das von den Historikern als „Go-Gerichtsverfassung“ bezeichnete Rechtssystem – auch in der hiesigen Region – mehr als tausend Jahre lang Werte und Normen des menschlichen Zusammenlebens bestimmte.

Über Anzahl und Inhalt der verhandelten Fälle ist nur wenig bekannt. Protokoll wurde nicht geführt, die Urteile nur mündlich verkündet. Da es bis ins späte Mittelalter hinein noch keine Gefängnisse gab, kamen nur Strafen infrage, die an Ort und Stelle vollstreckt werden konnten. Als Grundlage bei der Urteilsfindung dienten die beiden einst gebräuchlichsten deutschsprachigen Rechtsbücher – der im 13. Jahrhundert abgefasste „Sachsenspiegel“ und die 200 Jahre später vom Regensburger Reichstag beschlossene „Hals oder Peinliche Gerichtsordnung“. Die Palette der darin vorgesehenen Strafen reichte von Geldbußen und Prangerstehen über Leibesverstümmelungen wie Hand-, Fuß-, Finger-, Ohren- und Zungeabschneiden bis hin zu Aufhängen, Enthaupten, Ertränken, Rädern und Vierteilen.

Zu den ganz wenigen schriftlichen Zeugnissen aus der Zeit der heimischen Gogerichte gehört ein „Fahndungsaufruf“, der im März 1392 vom damaligen Vehlener Gografen Steen von Wieden in Umlauf gegeben wurde. Es ging um ein Verbrechen an einem heimischen Gutsherrn namens Friedrich Dume, der „by nacht in synem eygenen hoeve sunder schulde mordet unde doet gheslagen“, also auf seinem Anwesen ohne Grund totgeschlagen worden war. Als Täter kamen nach Überzeugung des Gerichts zwei „vorvluchtig gewordene“ (flüchtige) Männer namens Lüdeke Poelmann und Lüdeke Homeyers Sohn infrage. Mörder und Opfer kannten sich, „alzo se syne meygere (Hofbauern) unde syn eyghen gheboren (Leibeigene) weren unde alzo he ere rechte here waz“.

Aufgrund des Ermittlungsergebnisses waren die beiden in Abwesenheit vom Vehlener Gericht „verfestet und für friedlos erklärt“ worden. Eine „Verfestung“ kam laut Sachsenspiegel infrage, wenn ein schweres Verbrechen vorlag und bei der endgültigen Aburteilung eine schwere Leibesstrafe („de an daz lip oder an die hant geit“) drohte. Nach der öffentlichen Bekanntgabe der Verfestung war jedermann im Reich aufgefordert, zur sofortigen Verhaftung des auf diese Weise Geächteten beizutragen.




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