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Wie Hameln im Sommer 1914 die ersten Kriegstage erlebte – ein Streifzug durch die alten Zeitungsausgaben / Start der großen Dewezet-Serie zum Ersten Weltkrieg

Zwischen Kriegsjubel, Neugier und Nervosität

Hameln (wer). Der Ausbruch des Ersten Weltkriegs markiert die zivilisatorische Bruchkante des 20. Jahrhunderts – danach ist nichts mehr, wie es vorher war. In der Perspektive der Zeitgenossen jedoch war die Katastrophe keineswegs absehbar. Es drohte „nur“ ein weiterer Krieg, von dem man glaubte, er würde wie die meisten bewaffneten Konflikte des alten Jahrhunderts auf ein überschaubares Schlachtfeld eingehegt und schnell entschieden. Hellsichtige Zeitgenossen ahnten, welches Vernichtungspotenzial der industrielle Krieg bergen könnte. Doch um die neue Dimension des Tötens wirklich zu erfassen, fehlte es schlicht an Erfahrungen. So betrachteten die Staatslenker und Militärs den Krieg im Sommer 1914 fast durchweg als letztes Mittel der Politik. Der Erste Weltkrieg brach aus, nicht weil er so sehr gewollt wurde, sondern weil niemand mit aller Macht auf den Frieden setzte.

Hameln (wer). Der Ausbruch des Ersten Weltkriegs markiert die zivilisatorische Bruchkante des 20. Jahrhunderts – danach ist nichts mehr, wie es vorher war. In der Perspektive der Zeitgenossen jedoch war die Katastrophe keineswegs absehbar. Es drohte „nur“ ein weiterer Krieg, von dem man glaubte, er würde wie die meisten bewaffneten Konflikte des alten Jahrhunderts auf ein überschaubares Schlachtfeld eingehegt und schnell entschieden. Hellsichtige Zeitgenossen ahnten, welches Vernichtungspotenzial der industrielle Krieg bergen könnte. Doch um die neue Dimension des Tötens wirklich zu erfassen, fehlte es schlicht an Erfahrungen. So betrachteten die Staatslenker und Militärs den Krieg im Sommer 1914 fast durchweg als letztes Mittel der Politik. Der Erste Weltkrieg brach aus, nicht weil er so sehr gewollt wurde, sondern weil niemand mit aller Macht auf den Frieden setzte.
In der historischen Forschung wird die Schuldfrage inzwischen differenzierter beantwortet als vor einigen Jahrzehnten. Der Blick ruht nicht mehr nur auf der imperialen Politik des deutschen Kaiserreichs, sondern auf dem kollektiven Versagen aller beteiligten Mächte. Und noch ein anderes fest gefügtes Bild aus den Geschichtsbüchern ist als Mythos entlarvt: die Vorstellung, die deutsche Bevölkerung sei im Sommer 1914 von einer allumfassenden Woge der Kriegsbegeisterung erfasst worden. Tatsächlich war die Stimmungslage komplexer und widersprüchlicher, das kriegstaumelnde „August-Erlebnis“ war ein eher bildungsbürgerliches und großstädtisches Phänomen, das nicht die Gefühlslage der gesamten Nation beschreibt. Die Mehrheit reagierte keineswegs enthusiastisch, sondern eher zurückhaltend und besorgt auf den Krieg.
Wie erlebten die Hamelner den Kriegsausbruch im Sommer 1914? Gingen die Menschen auf die Straße, um ihrer Begeisterung Ausdruck zu verleihen? Welche Nachrichten waren überhaupt verfügbar, und welche Deutungen der Kriegsschuld bekamen die Hamelner vorbuchstabiert, welche Feindbilder florierten und welche Gerüchte kursierten?
Die Quellen über diese Zeit sind rar, Antworten gibt fast nur die Berichterstattung in der Deister- und Weserzeitung. Sie spiegelt die offizielle Lesart des Krieges wider. Das bürgerliche Blatt trat patriotischen Kundgebungen mit größerer Aufmerksamkeit und Aufgeschlossenheit entgegen als dem Protest der organisierten Arbeiterschaft. Oft projizierten die Berichterstatter bürgerlicher Zeitungen ihre eigene nationale Begeisterung auf die Situation, sie nahmen wahr, was sie wahrnehmen wollten. Aber die Tageszeitung stellte zu dieser Zeit die mit Abstand wichtigste Nachrichtenquelle dar, sie prägte die Sichtweisen auf den Krieg maßgeblich mit. Insofern ist es durchaus aufschlussreich, das Stimmungsbild in den Tagen vor und nach Kriegsbeginn im Spiegel der täglichen Berichterstattung zu beleuchten.
Dabei wird schnell deutlich, dass patriotische Kriegsbegeisterung gewünscht, aber nicht überall gefunden wurde. Zwar trieb die Menschen ein Zustand innerer Anspannung auf die Straße, aber die zentralen Motive dafür dürften eher Neugier, Sorge und Angst gewesen sein. Um Neuigkeiten zu erfahren, mussten auch die Hamelner auf die eilig gedruckten Extrablätter warten, die öffentlich verteilt wurden. Was die Menschen zusammenführte, war vor allem das gemeinsame Bedürfnis nach Informationen.

Wo Nachrichten fehlten, zirkulierten Gerüchte. Versucht man die ambivalenten Stimmungen und Wechselbäder der Gefühle in den ersten Kriegstagen auf einen Nenner zu bringen, lautet das Schlagwort nicht Hurrapatriotismus, sondern Hypernervosität. Kennzeichnend für eine Vielzahl von Berichten ist der Hinweis auf die „erregte“ Stimmung der Bevölkerung, gebetsmühlenartig wiederholt werden Mahnungen zur Ruhe und Besonnenheit. Wie sich die Nervosität in Hysterie und Panik auswachsen konnte, zeigen eindrücklich die Reaktionen auf die auch in der Dewezet vermeldeten Angriffe feindlicher Spione und Flugzeuge. So löst etwa die Nachricht über die angeblichen „Goldautos“, die zur Aufbesserung der russischen Kriegskasse von Frankreich nach Russland fahren, eine kollektive Verfolgungsjagd aus. Überall im Reichsgebiet bricht das Jagdfieber aus, herrscht Selbstjustiz auf den Straßen: Bürgerwehren patrouillieren, Blockaden werden errichtet, Angehörige von Schützenvereinen greifen zu ihren Hinterladern, Landwirte bewaffnen sich mit Jagdgewehren und Mistforken.
Tatsächlich hat es die Goldautos nie gegeben. Wahrscheinlich wurde das Gerücht vom deutschen Generalstab lanciert, um Kriegsstimmung in der Bevölkerung zu erzeugen. In jedem Fall ist es den Initiatoren vollkommen entglitten. Der einmal aus der Flasche entwichene Geist ließ sich nur schwer zurückbeordern: Wochenlang riefen die Behörden dazu auf, nicht mehr auf Autofahrer zu schießen. Mindestens 28 Menschen wurden in den ersten Augusttagen in Deutschland als vermeintliche Goldautofahrer erschossen.

Soldaten des 164er Regiments auf dem Weg vom Münster in Richtung Bäckerstraße in Hameln. Die beiden Fotos (zweites Bild s. u.) aus dem Privatalbum der Familie Meyer-Hermann zeigen laut Bildtext die „Rückkehr vom Gottesdienst“ im August 1914. Am 2. August fand im Münster eine Andacht für Soldaten und Angehörige statt. Alle Fotos: Museum Hameln.



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