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Am Tag eins: Gastronomen eröffnen Nichtraucherschonzeit / Melange aus Unsicherheit, Verdruss und dickem Fell

Zwischen blitzsauberen Aschern und Tobakkabinetten

Landkreis (bus/who). Die von den niedersächsischen Politikern mit überwältigender Mehrheit zum 1. August beschlossene "Nichtraucherschonzeit" hat ihren Anfang in Bückeburg am Mittwoch relativ dezent genommen. Der Umsetzung der auf Dauer kalkulierten gesetzlichen Vorgaben wohnte, vielerorts geprägt von einer Melange aus Unsicherheit,Verdruss und dickem Fell, ein überwiegend abwartender Charakter inne. "Gut Ding will Weile haben", merkte Hermann Fenkner, der Doyen der residenzstädtischen Wirtsleute, schmunzelnd an.

Im Bückeburger "Brauhaus" stehen die Aschbecher sauber und unben

Eine am Mittwochabend gemachte Momentaufnahme unserer Zeitung ergibt für den gastronomischen Abschnitt der Obrigkeitsweisung einen sehr individuellen Umgang mit dem Willen des Gesetzgebers. "Die Ankündigung einiger schmökender Stammgäste, demnächst nicht mehr erscheinen zu wollen, versetzt mich nicht in Panik", verdeutlicht Fenkners Hermann quasi stellvertretendfür die gesamte Zunft. Der Chef des Traditionshauses setzt wie viele Kollegen auf die Einsichtsfähigkeit der Nikotinliebhaber. Andernorts beeinflussen bauliche Konstellationen die Meinungen. Wo die strikte Befolgung der Nichtraucherschutzpolitik, respektive die Ausweisung separater Tobakkabinette, nur schwierig oder gar nicht möglich ist, überwiegen gradlinige Aussagen - "wir werden in der Entfaltung unserer Persönlichkeit beschränkt" - die Szenerie. Wo die baulichen Umstände ohne weiteres Gesetzeskonformität gestatten, dominieren entspannte Erklärungen - "das wird sich wunderbar einpendeln" - die Einschätzungspalette. En détail bleibt festzuhalten, dass viele Gastronomen (wie beispielsweise die Betreiber von Minchen, Park-Café und Hofapotheke) in ihren Innenräumen das Rauchen generell untersagen. Brauhaus, Ratskeller und Jetenburger Hof verfügen über abgetrennte Bereiche. Etliche Betriebe größeren (Falle) undkleineren (Oskar) Umfangs stellen Aschbecher auf Wunsch zur Verfügung. Im Schäferhof (Wirt Karl-Friedrich "Carlo" Kerkhoff-Schäfer: "Wir sind ein Glücksfall") und im Petzer Krug ("Wer kontrolliert uns eigentlich?") stehen die Kippengräber nach wie vor auf den Theken. Vermeintlich ganz Gewitztestellen sich dumm: "Uns hat bislang keiner informiert, wir wissen von nichts." Bemerkenswert ist am Mittwochabend die einhundertprozentige Einhaltung der gesetzlichen Neuerungen in zahlreichen gastronomischen Treffpunkten ausländischen Zuschnitts. Im chinesischen (Bei Xanie) und griechischem (Melathron) aber auch im gutbürgerlich-deutschen (Bückeburger Hof) Segment herrscht - wegen Betriebsferien - völlige Nikotinfreiheit, beim Italiener (Ferrari) wegen Ruhetag, im ehedem bosnischen Altstadtkeller wegen mangelnden Publikumsverkehrs. Ein völlig anders Bild vermittelt unterdessen das Gilde-Stübchen. Die behagliche Einkehr an der Trompeterstraße präsentiert sich qualmgeschwängert wie eh und je. "Wenn ich die Raucher vor die Tür schicke, stehe ich alleine hier", erläutert die Wirtin - was ihre geschäftliche Existenz nicht nur bedrohe sondern vernichte. Die Chefin agiert allerdings nicht blauäugig. "Ich habe mich bei den zuständigen Stellen schlau gemacht und zunächst für die dreimonatige Karenzzeit Grünes Licht bekommen." Für die Zukunft denke sie darüber nach, den (gesetzeskonformen) Tabakgenuss über eine Club- oder Vereinsregelung zu ermöglichen. Bei den Rintelner Altstadt-Gastronomen schwanken die Meinungen am Tag X zwischen resignativer Ergebenheit, offen geäußertem Ärger und freudiger Begrüßung. Die Aschbecher wegzuräumen und Hinweisschilder auf das Verbot aufzuhängen, ist für die meisten Wirte nicht das Problem gewesen. Der wahre Knackpunkt ist die räumliche Trennung von Nichtrauchern und Rauchern, das klingt bei allen Wirten durch. Glücklich deshalb, wer den rauchenden Gästen ein eigenes Refugium bieten, und deshalb weder Nichtraucher noch Raucher als Kunden verliert. Arif Sanal von der Bodega am Markt weiß: "Wir sind in der guten Lage, dass komplett trennen zu können." 80 Plätze im Obergeschoss in attraktiver Umgebung könnten Tabakfreunde nicht als Bestrafung ansehen und sich abgeschoben fühlen. Und draußen unter freiem Himmel sind viele Stühle von Rauchern besetzt, während andere von selber den Weg nach oben nehmen. "Wenn jemand schimpft, schimpft er nicht auf uns, sondern auf diejenigen, die die Gesetze machen", meint Sanal. Heike Schult von der Marktwirtschaft ist pessimistisch gestimmt: "Unsere Kneipenkultur in der Eckkneipe wird kaputt gemacht, und wir sind nicht die Einzigen, denen es so geht, dazu ist das Gesetz ungerecht, denn wir haben ja nur den einen Raum." Die Hinweisschilder auf Tischen und Theke mit dem roten Balken durch die Zigarette hat die Wirtin aufgestellt. Ihren Gästen will sie aber "nicht die Zigarette aus der Hand schlagen". Bisher habe sie sich als Gastronomin und nicht als Ordnungshüterin verstanden. Sie will vorerst die Karenzzeit bis Ende Oktober abwarten und so lange dürfen auch ihre Gäste weiter unbehelligt rauchen. Heinrich Meuter, Wirt der Schildkröte an der Brennerstraße, versichert: "Ich setze erst mal gar nichts um und bin auf jeden Fall gegen das Gesetz, weil ich will, dass in meiner kleinen Eckkneipe weiter geraucht wird." Er sieht für sich selber einen existenzielle Bedrohung und dass "die kleinen Kneipen bald aussterben werden". Weil eine räumliche Trennung für ihn finanziell nicht machbar ist, will er abwarten und alles auf sich zukommen lassen. Anna Kunze vom Bistro Cho's am Kirchplatz: "Wir haben jetzt schon die Aschbecher weggenommen und bitten die Gäste aufs Rauchen zu verzichten und nach draußen zu gehen, weil wir denken, besser mit Anlaufzeit, als erst bis Oktober, wenn es kalt ist." Die Möglichkeit eines Raucherraumes im Obergeschoss sei nur theoretisch angesichts nicht realisierbarer Brandschutzauflagen. Stadtkater-Geschäftsführer Christoph Elze hat als bekennender Raucher Verständnis für seine Gäste und ein separates Raucherzimmer im ehemaligen Clubraum. "Wir haben extra frisch renoviert, damit sich die Gäste dort wohlfühlen", erklärt er. Dafür gibt es im Raucher-Abteil keine Bedienung und auch keine Musik. Insgesamt sieht Elze jetzt schon eine reibungslose Umstellung und keine Einbußen für den Bistro-Bereich. Denn: "Viele haben schon gefragt, wann das denn hier Nichtraucher wird." Rainer Bremersmann von der Sudpfanne sieht für die Zukunft seiner Kneipe mit 20 Plätzen schwarz: "Wenn's nicht funktioniert mache ich dicht, denn wie sollte ich hier was abtrennen, ich kann einfach nichts ändern. Eine Lösung wäre für ihn eine ausgesprochene Raucherkneipe. Das hätte Aussicht auf Erfolg, nicht zuletzt bei dem Joint-Venture-Projekt mit dem benachbarten Café Wethmüller, das seinen Rauchergästen die Sudpfanne als Alternative für die Ziagrettenpause anbieten kann. Max Wethmüller sieht das neue Gesetz als positiv für sein Unternehmen an, "weil wir ein Familiencafé sind. "Ich habe mich definitiv darauf gefreut, dass unser Café jetzt rauchfrei ist", atmet Heike Wethmüller auf. Mit ihrem Mann zusammen ist sie sich sicher, dass künftig auch keine älteren Damen mehrdas Café verlassen, weil ein einziger Gast trotz funktionierender Lüftungsanlage den Raum vernebelt.

Qualmgeschwängert wie eh und je: Im Bückeburger "Gilde-Stübchen"
  • Qualmgeschwängert wie eh und je: Im Bückeburger "Gilde-Stübchen" dominieren die Raucher die Thekenszenerie. Fotos (3): bus
Heike Schult mit Sohn Maik von der Rintelner Marktwirtschaft: "U
  • Heike Schult mit Sohn Maik von der Rintelner Marktwirtschaft: "Unsere Kneipenkultur in der Eckkneipe wird kaputt gemacht."
In der Sudpfanne am Rintelner Kirchplatz liegt demonstrativ das
  • In der Sudpfanne am Rintelner Kirchplatz liegt demonstrativ das Schild "Raucherschutzgebiet".
Arif Sanal von der Bodega in Rinteln hält für Tabakfreunde 80 Pl
  • Arif Sanal von der Bodega in Rinteln hält für Tabakfreunde 80 Plätze im Obergeschoss in attraktiver Umgebung bereit. Fotos (3): who
Gäste der "Falle" dokumentieren ihre Einstellung mit einem Still
  • Gäste der "Falle" dokumentieren ihre Einstellung mit einem Stillleben - im Außenbereich der Bückeburger Gaststätte.
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Heike Schult mit Sohn Maik von der Rintelner Marktwirtschaft: "U
In der Sudpfanne am Rintelner Kirchplatz liegt demonstrativ das
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