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Zwei Stunden gegen Störer sind zu wenig

In den neuen 1. Klassen, besonders in der 1b, waren schon kurz nach dem Einschulungstermin viele Schüler mit massiven Auffälligkeiten und Verhaltensstörungen zu beobachten, teilte Dr. Joachim Steinbeck von der Elternvertretung der Rintelner Grundschule Süd den Landtagsfraktionen mit. Kinder seien durch Aggressivität, Zerstörungen, verletzende Handlungen aufgefallen. Sie entzögen sich durch das Nachahmen von Tieren einem pädagogischen Zugang permanent und sind einer Förderung kaum zugänglich, bekräftigte er jetzt gemeinsam mit Vorstandsmitglied Gert Armin Neuhäuser.

Autor:

Dietrich Lange

Bei solchen nachgewiesenen Problemen bewilligt die Landesschulbehörde zwei Stunden sonderpädagogische Grundversorgung durch Abordnung von Lehrkräften aus Förderschulen. An der GS Süd reicht dies nicht, obwohl die Lehrer alles versuchen, Lösungen zu finden.

Für die Kinder der ersten Klassen mit verschiedenen Problemen wurden Poolstunden gebildet, sie werden in einer Klasse betreut, um die verbleibenden Kinder zu entlasten, da gemeinsamer Unterricht nicht möglich war.

„Für präventive Arbeit ist im Moment keine Zeit, weil alle Stunden der sonderpädagogischen Grundversorgung in diese Poolklasse fließen und diese Förderstunden zu knapp bemessen sind“, schrieb Dr. Steinbeck. „Es gibt auch keine Möglichkeit, die Kinder mit Verhaltensstörungen angemessen zu beschulen oder ihnen gerecht zu werden. Die Grundversorgung gibt zu wenig Zeit zum Installieren von Regeln, Ritualen und einem vertrauten Umgang. Einzelförderungen, beispielsweise im Lesen, sind nicht möglich.“

Besonders gefährlich gestaltet sich laut Schulelternrat die Zeit in der Klassengemeinschaft, außerhalb der Poolklasse und in Schulbussen. Bedrohungen anderer Kinder, massive Gewaltausbrüche und Einschüchterungen sind an der Tagesordnung. Permanent wird Unterricht gestört, Fördermaßnahmen müssen oft abgebrochen werden.

Die anderen Kinder der 1. Klassen und solche aus höheren Klassen leiden darunter und reagieren mit Angst und Verunsicherung. Sie sagen, dass durch fast unkontrollierbare Kinder das Recht des Stärkeren und der Faust herrschen. Wegen Notfallsituationen fallen auch Förderstunden höherer Klassen aus.

Für den Elternrat steht fest: Das Ziel sonderpädagogische Förderung, Unterstützung und Hilfe im Unterricht sowie bei der Erziehung zu leisten, ist hier mit einer bloßen sonderpädagogischen Grundversorgung nicht realisierbar. Das Lernen in der Klassengemeinschaft ist massiv erschwert.

Die ab 2012 bevorstehende integrative Beschulung (Inklusion) körperlich behinderter Kinder werde die Situation weiter massiv verschlechtern, da es hierfür an der notwendigen besonderen Ausbildung der Grundschullehrer, an geringeren Klassenfrequenzen sowie einem tragfähigen Unterrichtskonzept fehle, so der Schulelternrat. Schüler mit Taubheit, Blindheit oder Ähnlichem seien nicht ohne Weiteres von Grundschullehrern in normalen Klassen „beschulbar“. Das hatte kürzlich auch die CDU-Kreistagsfraktion bei einem Besuch der Rintelner Lebenshilfe betont.

Im Interesse des Schulfriedens, um auffällige Kinder nicht zu stigmatisieren und um die Schule so weit wie möglich aus der öffentlichen Diskussion herauszuhalten, hat der Schulelternrat zunächst Mitglieder des Kultusausschusses des Landtags, um ein Gespräch gebeten, um Abhilfe zu schaffen. „Keinesfalls darf ein Modell, das objektiv nicht durchführbar ist, auf das ganze Land ausgeweitet werden“, schließt der Brief, der am 22. Juni abgeschickt wurde.

Mit folgenden Zahlen unterfütterte der Schulelternrat seine Problemschilderung: In den 2. bis 4. Klassen der dreizügigen GS Süd befinden sich im Moment sechs Kinder mit einem festgestellten Förderbedarf „Lernen“, zwei mit (jeweils nicht formal festgestelltem) Förderbedarf „sozial-emotionale Entwicklung“, vier mit Förderbedarf „Sprache“, drei mit Förderbedarf „Lernen“ und ein Kind mit Förderbedarf „geistige Entwicklung“. Hinzu kommen weitere zehn Kinder der jetzigen ersten Klassen mit großen Auffälligkeiten im Bereich „Lernen“ und „sozial-emotionale Entwicklung“. Die GS Süd wollte für diese Kinder das Verfahren auf formale Feststellung sonderpädagogischen Förderbedarfs einleiten. Der zuständige Dezernent der Landesschulbehörde, Jürgen Landfester, hat aber mit einer schriftlichen Weisung vom 17. Februar 2011 die Möglichkeiten eng begrenzt.

Darin heißt es: „Eine Meldung zur Überprüfung durch die Schule wird bei folgenden vermuteten Förderbedarfen grundsätzlich vorgenommen: Förderschwerpunkte geistige Entwicklung, körperlich-motorische Entwicklung, Sehen und Hören. Bei vermutetem Förderbedarf im Bereich Lernen ist eine Meldung und Überprüfung erst im 2. Schuljahr möglich – zu Beginn des zweiten Halbjahrs. Bei vermutetem Förderbedarf in den Bereichen Sprache beziehungsweise emotional-soziale Entwicklung ist eine Meldung und Überprüfung erst zum Schluss der Grundschulzeit möglich – zum Beginn des zweiten Halbjahrs im 4. Schuljahr. Für diese beiden Schwerpunkte gilt als Ausnahme, dass eine Überprüfung auch früher vorgenommen werden muss, wenn das Jugendamt eine stationäre Unterbringung des Kindes in einer Einrichtung beabsichtigt.“ Diese Regelungen seien im laufenden Verfahren anzuwenden, betont Landfester.

Wie wenig das hilft, bei einer Zunahme von auffälligen Kindern noch Unterrichtsziele zu erreichen, hatte vor Kurzem auch Frauke Kampmeier, Lehrerin und Personalratsvorsitzende an der GS Süd, in letzterer Funktion geschildert, als der SPD-Landesvorsitzende Olaf Lies dort zu Gast war. Erschwerend komme noch hinzu, dass die Räume der GS Süd veraltet sind. Lies zeigte viel Verständnis, versprach aber fast nichts. Die jetzt angeschriebenen Landtagsfraktionen antworten gar nicht, so Neuhäuser. Stattdessen kam Post von Kultusminister Dr. Bernd Althusmann (CDU).

„Mehr als ein Drittel aller Grundschulen verfügt derzeit über eine sonderpädagogische Grundversorgung – mit stark steigender Tendenz“, antwortete der Minister. Diese Grundversorgung habe sicher dazu beigetragen, das die Zahl der Schüler mit einem sonderpädagogischen Förderbedarf mit dem Schwerpunkt Lernen stark rückläufig ist. „Die zwei Stunden pro Klasse sind allerdings eine rechnerische Größe als Bemessungsgrundlage bei der Zuweisung der personellen Ressourcen. Im Rahmen der Regionalen Konferenz der Schulen können diese Stunden flexibel bedarfsorientiert zwischen den Schulen und innerhalb der Schule eingesetzt werden. Letzteres wird offensichtlich in Rinteln praktiziert“, fährt der Minister fort.

Von der Landesschulbehörde habe er erfahren, dass es nur ein Kind mit sonderpädagogischem Förderbedarf im Bereich der geistigen Entwicklung an der Schule gebe. Dass der Schulelternrat von zehn Kindern in den ersten Klassen mit „großen Auffälligkeiten“ spreche und Kindertagesstätten angeblich von 30 Prozent der Kinder mit zu erwartendem Förderbedarf aufgrund ihrer Vorgeschichte ausgehen, hält der Minister immerhin für „dringend erörterungsbedürftig“. Um der Probleme Herr zu werden, verweist Dr. Althusmann noch auf den möglichen Einsatz Mobiler Dienste mit dem Schwerpunkt „Emotionale und Soziale Entwicklung“.

Für den Schulelternrat ist die Sicht des Ministers darauf zurückzuführen, dass bei den Vorgaben der Landsschulbehörde kaum noch Bedarf nach oben sichtbar werde. „Durch die statistische Größe der Förderstunden, unabhängig von der Anzahl der Förderkinder, scheint das Projekt der sonderpädagogischen Grundversorgung schon jetzt gescheitert“, folgert Dr. Steinbeck.

Auch Rintelns Bürgermeister Karl-Heinz Buchholz hat bereits die Landtagsfraktionen zu diesem Thema und zur geplanten Inklusion angeschrieben. Er stellt fest: „Man braucht in den Schulen dafür einfach mehr Personal.“

Das andere Schulen Förderstunden abgeben könnten, scheint ebenfalls ein Trugschluss zu sein. Das Problem auffälliger Schüler nimmt nach einer Umfrage offenbar fast überall zu, die Förderstunden reichen nicht, bestätigen auch andere Grundschulleiter.

Aber manchmal gibt es auch Licht am Ende des Tunnels. Die Grundschule Nord hat eine Lehrerin mit Planstelle und eine von der auslaufenden Förderschule Rinteln (ehemals Pestalozzischule) abgeordnete Pädagogin, die eine Therapiehunde-Teamausbildung absolviert haben. Sie bringen die Vierbeiner „Sophie“ und „Stella“ mit in den Unterricht. Und die Wirkung auf die Kinder ist beruhigend, deeskalierend. Die Hunde werden auch von auffälligen Kindern besser behandelt als die Lehrekräfte. In Rodenberg gibt es an der Stadtschule einen ähnlichen Fall. Die GS Süd hat dieses Glück nicht.

Aber so etwas funktioniert nicht immer. Im vergangenen Schuljahr musste einer der Hunde an der GS Nord fernbleiben, weil eine Schülerin gegen Hunde allergisch war. Aber auch an dieser Schule reicht es nicht, im positiven Sinne auf den Hund gekommen zu sein.

Für die ganz schweren Fälle hätte man gern eine aushäusige Lösung, mit der besonders aggressive Störenfriede erst einmal schulfähig gemacht werden. Aber das wäre außer im Extremfall eine Lösung von gestern, die noch nebulöse Zukunft heißt dagegen Inklusion – ab 2012.

Immer mehr Kinder sind schon in der Grundschule verhaltensauffällig. Sie gehen auf Lehrer los, greifen andere Kinder an, stören den Unterricht. Darunter leiden ganze Klassen bis hin zu kompletten Schulen. Eltern, Mitschüler und Lehrer sind sauer, dass sie vom Land Niedersachsen zu wenig Unterstützung bekommen. Die Elternvertretung der Grundschule Süd in Rinteln wandte sich mit einem Hilferuf an den Landtag, geantwortet hat der Kultusminister.




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