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Zwei Schnitte für die Heilung der Leukämie

Es gibt viele Möglichkeiten zu spenden. Doch diese Spendenbereitschaft ist schon etwas Besonderes. Das Zwillingspaar Sarah und Amira aus Dortmund hatte 2007 von einem an Leukämie erkrankten Mädchen der Region gehört und sich spontan bei der Deutschen Knochenmarkspenderdatei (DKMS) typisieren lassen (wir berichteten).

Autor:

Peter F. Wilhelm

Es gibt viele Möglichkeiten zu spenden. Doch diese Spendenbereitschaft ist schon etwas Besonderes. Das Zwillingspaar Sarah und Amira aus Dortmund hatte 2007 von einem an Leukämie erkrankten Mädchen der Region gehört und sich spontan bei der Deutschen Knochenmarkspenderdatei (DKMS) typisieren lassen (wir berichteten). Das Ergebnis war eindeutig; sämtliche Typisierungsmerkmale der Zwillinge stimmten miteinander überein. So hatte ein potenzieller Empfänger die doppelte Chance auf passende Stammzellen oder Knochenmark und damit auf Heilung.

Lange hörten die Zwillinge nichts von der DKMS, doch dann ging plötzlich alles sehr schnell. Zwei Wochen vor Weihnachten 2010 kam die Information, dass vermutlich ein Empfänger mit den Typisierungsmerkmalen der beiden inzwischen 22-jährigen Geografiestudentinnen übereinstimmen könnte. Noch einmal bekräftigten Sarah und Amira ihre Bereitschaft zu helfen. „Es war für uns selbstverständlich, an dieser Stelle keinen Rückzieher zu machen, immerhin geht es um das Leben eines Menschen“ so die beiden Spenderinnen.

Im Januar 2011 wurde es konkret. Die DKMS, eine gemeinnützige Organisation, die das Verfahren der Typisierung, Datenarchivierung in einer Spenderdatei und die Koordination der eigentlichen Stammzellspenden übernimmt, rief bei Sarah und Amira an und berichtet von einem nun optimal passenden Empfänger für das Knochenmark. Nun stellte sich eine Frage, die auch bei der DKMS nicht so häufig auftaucht: Welche der Zwillingsschwestern wird spenden?

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die Knochenmarkspende wird sofort einem Kurier übergeben.

Doch die beiden sahen es pragmatisch und machten sich kleine Papierschnipsel mit S und A darauf. Sarah durfte ziehen, und auf dem Schnipsel stand ein S. Für sie bedeutete es ab jetzt, dass sie möglichst keine riskanten Unternehmungen mehr machen soll und vorab zu Voruntersuchungen ins Sana Klinikum Hameln-Pyrmont reisen musste.

Ende Januar traf sie zum ersten Mal auf Prof. Helmuth Schmidt, Chefarzt der Klinik für Hämatologie und Onkologie im Sana Klinikum und verantwortlich für die rund 1000 Stammzellentnahmen aus dem Blut und Knochenmarkentnahmen in seiner Klinik. Jede Entnahmeform hat dabei ihre spezifischen Vor- und Nachteile für die Empfänger. Heute werden in drei Viertel der Fälle Stammzellen aus dem Blut gewonnen.

„Prof. Schmidt und ich haben uns auf Anhieb gut verstanden“, so Sarah „und im Rahmen der Voruntersuchungen hat Prof. Schmidt mir noch einmal die Frage gestellt, ob ich immer noch spenden wolle. Das finde ich gut, denn so ist kein Druck hinter der Entscheidung, sondern die Freiwilligkeit steht im Vordergrund“.

Alle Blutuntersuchungen, ein Lungenfunktionstest, Ultraschall und ein EKG bestätigten die gute Gesundheit von Sarah. Es ist ein Gesundheits-Check-Up, von dem auch Sarah etwas hat; weiß sie doch jetzt, dass bei ihr gesundheitlich alles im „grünen Bereich“ ist.

Für Mitte Februar ist nun der Termin für die Entnahme festgelegt, mit Anreise am Vortag. Sarah braucht nicht allein nach Hameln reisen. Die DKMS organisiert auch für ihre Schwester Amira als Begleitperson die Reise. Sie darf allerdings in ein gutes Hotel statt in die Klinik. „Tja, das war halt mein Losglück“ so Amira, die aber ebenso wie ihre Schwester jederzeit Stammzellen oder Knochenmark spenden würde.

Noch einmal wird Sarah „auf Herz und Nieren“ gecheckt, und weil alles o.k. ist, wird die Entnahme für den Folgetag freigegeben. Den Abend verbringen beide beim Sightseeing in Hamelns Altstadt. „So viele schöne alte Häuser kennen wir aus Dortmund nicht, das ist schon beeindruckend hier“ meinen beide.

Wecken um 5.30 Uhr, das ist sicher nicht jedermanns Sache. „Für mich nichts Besonderes“, so Sarah, „ich stehe vor der Uni bereits immer um 5.15 Uhr auf. Auch nervös bin ich nicht, irgendwie läuft alles sehr geordnet, und das schafft Vertrauen.“ Kurz darauf gibt es die sogenannte „Sch…egal Pille“, und Sarah wird in den OP gebracht. Dort bekommt sie kurz vor dem OP-Beginn eine kleine Narkose. Die Entnahme muss unter keimfreien Bedingungen erfolgen, das ist wichtig für die Qualität des gewonnenen Materials und auch für die Heilung an den kleinen Entnahmestellen.

Um 7.15 Uhr bereitet sich Prof. Schmidt mit seinem Team auf die Entnahme-OP vor. Zwei kleine Hautschnitte werden gesetzt, und kurz darauf fördert eine spezielle Entnahmespritze das kostbare Gut aus dem Beckenknochen. Mehrere Punktionen des Knochens sind erforderlich, aber Sarah schläft gut. Das Nächste, was sie mitbekommt: Alles gut überstanden! „Ich hatte überhaupt keine Schmerzen und habe auch nur zwei winzige Einschnitte am Beckenkamm“, beschreibt die Spenderin ihre ersten Eindrücke. „Und ich hoffe jetzt natürlich, dass der Empfänger jetzt von meinem Knochenmark profitiert und gesund wird.“

Immerhin rund 1000-mal haben Prof. Schmidt und seine Oberärztin Dr. Karin Buhrmann aus dem Knochen der jungen Frau entnommen. Da es sich um lebende Zellen handelt, kommt es jetzt auf jede Minute an. Die DKMS hat bereits einen speziellen Kurier ins Sana Klinikum geschickt, der das entnommene Material schnellstmöglich zum Empfänger bringt. Das kann überall auf der Welt sein. In spätestens 72 Stunden muss beim Empfänger die Spende transplantiert werden, auch wenn er in Neuseeland lebt.

Sarah möchte natürlich gern wissen, wer ihr Knochenmark bekommen hat. Genaue Informationen kann sie mit Einverständnis des Empfängers frühestens in zwei Jahren bekommen, und auch nur dann, wenn der Empfänger in einem Land lebt, das diese Datenweitergabe durch gesetzliche Regelungen freigibt. „Ich bleibe aber auf jeden Fall am Ball und werde in zwei Jahren nachfragen.“ Das Geschlecht, Alter und die Nationalität des Empfängers kann Sarah bereits kurz nach der Entnahme bei der DKMS erfragen.

Im Zimmer wartet bereits Amira auf Ihre Schwester, selbstverständlich will sie wissen, ob alles gut verlaufen ist. Sara ist schon kurz nach dem Eingriff wieder fit und darf schon bald das Mittagessen einnehmen. Nur aufstehen soll sie zunächst nur mit Unterstützung. Das Telefon von Amira klingelt, der Bruder Tim ruft an. „Alles gut verlaufen?“ ist auch seine erste Frage. „Na klar“ beruhigen ihn beide.

Am nächsten Morgen ist fast alles schon vorbei. Noch einmal gut frühstücken und bereits um 9 Uhr heißt es in der Visite: „Es gibt keinen Anlass, Sie länger hierzubehalten.“ Prof. Schmidt ist selber gekommen, um noch einmal die kleinen Entnahmestellen zu begutachten. Und auch jetzt wird die gute Organisation der DKMS deutlich: ob Taxiquittung, Bahnfahrkarten, „reichen Sie einfach alles ein, die DKMS kümmert sich dann darum“ erläutert Prof. Schmidt die letzten Schritte. Der Mediziner ist dankbar, dass sich Menschen für diese Form der Spende bereiterklären. „Nur durch die Spendenbereitschaft vieler Menschen können wir auch vielen Patienten helfen“ so der Chefarzt der Onkologie, in dessen Klinik pro Jahr auch etwa fünf Patienten der Region unmittelbar von den Stammzell- oder Knochenmarkspenden profitieren. „Dafür gebührt den Spendern unser besonderer Dank. Diese Form der Spende ist doch um einiges aufwendiger als eine Blutspende.“

Und dann heißt es für Sarah und Amira Abschied zu nehmen aus Hameln, wo nicht nur die schöne Altstadt begeisterte, sondern vor allem das gute Gefühl, konkret einem Menschen geholfen zu haben. Wie wichtig das ist, zeigt die Statistik der DKMS: Noch immer wartet jeder fünfte Leukämiekranke vergeblich auf den passenden Spender.

Die DKMS Deutsche Knochenmarkspenderdatei gemeinnützige Gesellschaft mbH ist mit über 2 339 041 registrierten Spendern die weltweit größte Stammzellspenderdatei. In den letzten 19 Jahren hat sie über 23 907 Stammzelltransplantationen ermöglicht. Für viele Menschen bietet die Stammzelltransplantation die einzige Chance auf Heilung – vorausgesetzt, sie finden einen passenden Spender. Da die Wahrscheinlichkeit einer Übereinstimmung innerhalb der Familie nur bei maximal 30 Prozent liegt, ist man in den meisten Fällen auf einen Fremdspender angewiesen.

Das Hauptanliegen der DKMS ist der kontinuierliche Ausbau der Datei, um möglichst vielen Leukämiepatienten eine neue Chance auf Leben zu geben. Inzwischen kann für rund 80 Prozent der Betroffenen ein passender Spender gefunden werden. Ein großer Erfolg, doch noch immer wartet jeder fünfte Patient vergeblich.

Weiterführende Informationen über die DKMS finden Sie unter www.dkms.de

Allein in Deutschland erkrankt alle 45 Minuten ein Mensch neu an Leukämie. Stammzell- oder Knochenmarkspenden geben ihnen eine Überlebenschance. Mit durchschnittlich 20 Entnahmen pro Woche im Sana Klinikum ist Hameln eines der größten Entnahmezentren in Deutschland.




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