weather-image
26°
Die Bildergeschichte von "Max und Moritz" als Gegenstand von Gerichtsentscheidungen

Zwei Mal Freispruch mit Wilhelm Busch

Landkreis. Morgen feiern wir den 175. Geburtstag des großen Humoristen Wilhelm Busch, der am 15. April 1832 in Wiedensahl geboren wurde. Die bekannteste Bildergeschichte des "Sonderlings", wie er sich selber bezeichnete, die von Max und Moritz und der Witwe Bolte und all' den anderen berühmten Figuren, wurde ein Welterfolg (siehe Seite 34). Viele der Textstellen wie "Dieses war der erste Streich, doch der zweite folgt sogleich" oder: "Also lautet ein Beschluss, dass der Mensch was lernen muss", haben sich inzwischen wie Sprichwörter eingeprägt.

Während die Witwe ihr geliebtes Sauerkraut im Keller abfüllt, an

Autor:

Kurt Holland-Letz

Dass sich allerdings auch Gerichte mit der Bildergeschichte befasst und darauf Bezug genommen haben, ist allgemein kaum bekannt. Die betreffenden Verfahren liegen auch schon etliche Jahre zurück und können heute nur noch ein Schmunzeln hervorrufen. Das Landgericht Flensburg hatte im April 1956über die Beschwerde der Staatsanwaltschaft gegen einen Beschluss des zuständigen Schöffengerichts zu entscheiden, mit dem dieses einen Antrag auf Eröffnung eines Hauptverfahrens abgelehnt hatte. Die Anklage lautete auf Einbruchdiebstahl. Der Angeschuldigte hatte aus dem Hühnerstall seines Nachbarn zunächst eine Legehenne und einige Wochen später zwei weitere Hennen gestohlen. Das Huhn aus dem ersten Diebstahl verzehrte er alsbald allein, die beiden Hühner aus dem zweiten Diebstahl rupfte er und legte sie dann in einen Kochtopf. Dort wurden sie von der Polizei gefunden. Auf Befragen der Beamten hatte der Geschädigte Strafantrag gestellt, diesen jedoch nach Anklageerhebung zurückgenommen. Das Schöffengericht hatte die Eröffnung des Hauptverfahrens abgelehnt mit der Begründung, dass kein Einbruchdiebstahl sondern Mundraub vorliege, es insoweit aber an einem Strafantrag fehle. Die hiergegen von der Staatsanwaltschaft eingelegte sofortige Beschwerde hat das Landgericht zurückgewiesen. In der Beschwerde war ausgeführt worden, eine Legehenne sei schon von ihrer Zweckbestimmung her kein Nahrungsmittel, sondern zur Erzeugung von Nahrungsmitteln, nämlich Eiern bestimmt. Zudem seien zwei entwendete Hühner nicht Gegenstand geringer Menge und auch nicht von unbedeutendem Wert und auch von der Anzahl her nicht zum alsbaldigen Verzehr bestimmt, sondern zur Vorratsbildung. Das Landgericht konterte mit Wilhelm Busch unter Zitierung von Versen aus "Max und Moritz". Danach würden Hühner gehalten: "einerseits der Eier wegen/welche diese Vögel legen/zweitens, weil man dann und wann/einen Braten essen kann./Drittens nimmt man aber auch/ihre Federn zum Gebrauch." Des weiteren führte das Landgericht aus: "Die Hühner sind auch zum alsbaldigen Verbrauch entwendet, wie sich daraus ergibt, dass der Angeschuldigte in beiden Fällen sofort gerupft, im ersten Fall das Huhn am nächsten Tag allein aufgegessen hat und auch im zweiten Fall der Verzehr durch ihn und seine Frau vonihm offenbar für den nächsten Tag vorgesehen war. Die Ansicht der Beschwerde, dass der Angeschuldigte mit seiner Frau zusammen zu einer Mahlzeit nicht mehr als ein Huhn verzehren konnte, das zweite Huhn daher der Vorratsbildung diene, wird von der Kammer nicht geteilt. Wohl fast jeder weiß seit seiner Kindheit, dass Wilhelm Busch den beiden Buben Max und Moritz zutraut, zu zweit drei Hühner und einen Hahn zu einer Mahlzeit aufzuessen." Ergebnis: Die Anklage sei von dem Schöffengericht zu Recht nicht zugelassen worden. (Der Beschluss des Landgerichts Flensburg ist abgedruckt in MDR 6/1956 und trägt die Überschrift: "Legehennen sind Nahrungsmittel im Sinne des § 370 Abs. 1 Nr. 5 StGB".) Im Frühjahr 1977 hatte sich ein Gastwirt wegen angeblichen Verstoßes gegen das Lebensmittelgesetz vor dem Amtsgericht in Frankfurt zu verantworten. Bei einer Kontrolle durch das Gesundheitsamt war in der Küche der Gaststätte ein Topf mit unansehnlichem, dunklem Sauerkraut vorgefunden worden. Zu seiner Enschuldigung verwies der Gastwirt darauf, das Sauerkraut sei noch einmal aufgewärmt und habe deswegen seine appetitliche Farbe verloren. Das Gesundheitsamt vertrat die Auffassung, damit sei das Sauerkraut wertlos, da nunmehr ohne Vitamine. Der Wirt - unterstützt von seinem belesenen Verteidiger - gestand ein, gekochte Lebensmittel seien tatsächlich ohne Vitamine. Darauf komme es aber im konkreten Fall nicht an, weil gekochtes Sauerkraut bei entsprechenden Zutaten eine Delikatesse sei. In seinem Plädoyer zitierte der Verteidiger zur Freude der Anwesenden aus "Max und Moritz": "Eben geht mit einem Teller/Witwe Bolte in den Keller/dass sie von dem Sauerkohle/eine Portion sich hole/wofür sie besonders schwärmt/wenn es wieder aufgewärmt." Ergebnis: Freispruch mit Wilhelm Busch! (Aktenzeichen und Fundstelle dieses Urteils sind nicht bekannt. Die Veröffentlichung von Justizrat Dr. W. Beaumont erfolgte anlässlich einer Zeitungsnotiz.)

0000446076-12-gross.jpg
Anzeige
Weiterführende Artikel
    Anzeige
    Anzeige
    Kommentare