×

Zusammen leben und arbeiten – geht das?

Es ist Dönertag. Ein ganzer Schwarm junger Menschen stürmt den „Kapadokya Grill“ in der Mühlenstraße in Rinteln. Chef Orhan Izgi strahlt seine Kunden mit dem ihm eigenen Charme an und bemüht sich, flott und gut die gewünschten Aufträge auszuführen. Seine Frau Ayse ist in der Küche und schaut dem Treiben von dort aus zu. „Manchmal könnte man fast eifersüchtig werden“, lacht sie, „aber ich kenne meinen Mann und weiß, dass es einfach sein Naturell ist, fröhlich zu sein.“ Seit mehr als 20 Jahren ist das Paar schon zusammen und seit 2007 arbeiten die beiden gemeinsam in dem Imbiss.

Autor:

Bärbel Lucas

Das türkische Ehepaar kennt sich schon seit der Kindheit. „Natürlich konnte man damals nicht voraussehen, dass wir einmal heiraten würden“, erzählt Ayse. Die Familien kannten sich und wohnten im gleichen Haus. Es gibt sogar noch Fotos aus Kindertagen, auf denen Ayse mit ihrem jetzigen Ehemann spielend zu sehen ist. Sie selbst ist in Exten aufgewachsen, wo die Familie auch heute noch wohnt. Ihr Ehemann ist seit mehr als 20 Jahren in Deutschland.

Der Imbiss ist beliebt gerade bei Schülern, nicht nur von der nahen Hauptschule, auch von Real- und Berufsschule kommen die hungrigen Gäste. Hier wird allerdings die Bestellung meistens ausgeliefert. Ehepaar Izgi macht alles, was im Imbiss anfällt, gemeinsam. Auch der älteste Sohn Burak hilft neben seiner Ausbildung so viel wie möglich mit. „365 Tage im Jahr sind wir zusammen, keinen Tag getrennt“, erzählt Orhan, und Ayse ergänzt: „Es ist schön, aber jeden Tag zusammenzusein, kann auch schwierig werden.“

Lange Jahre hat Orhan Izgi allein verschiedene Lokale gehabt, erst seitdem der Imbiss in Rinteln 2007 eröffnet wurde, ist seine Frau mit im Laden. Drei Jungen vervollständigen die Familie im Alter von sechs, 14 und fast 18 Jahren. „Als die Kinder kleiner waren, bin ich zu Hause geblieben“, berichtet sie. Jetzt hat sich der Tagesablauf neu eingespielt. Um 11 Uhr öffnet Orhan Izgi den Imbiss und fängt mit den Vorbereitungen an, denn es gibt nur frisch zubereitetes Essen. Vorher hat er natürlich schon die Einkäufe gemacht. Seine Frau erledigt zu Hause die Buchführung und alles Geschäftliche, kümmert sich um den Haushalt und ist ab 14 Uhr mit im Laden, wenn der Ansturm beginnt.

2 Bilder
„Es gibt niemals Schuldzuweisungen“: Manfred Tiefensee und Monika Dittrich in ihrem Modegeschäft.

„Natürlich helfe ich auch vorher schon, wenn wir größere Bestellungen haben“, erzählt sie. Bei der Frage, ob es schon einmal Streit untereinander gibt, lacht die sympathische Deutschtürkin. „Es bleibt nicht aus, dass man zwischendurch einmal anderer Meinung ist, aber das wird niemals vor den Kunden ausgetragen. Die merken nichts davon.“ Wenn es überhaupt Unstimmigkeiten gebe, dann seien es meist Kleinigkeiten. „Wie beispielsweise das Zwiebelschneiden“, sagt sie. „Ich schneide sie meinem Mann zu dünn, er schneidet sie mir zu dick.“ Aber darüber kann das Paar hinterher nur lachen.

„Wir freuen uns, dass wir so viel zusammensein können“, resümiert Ayse Izgi. „Und vor allem haben wir kein schlechtes Gewissen unseren Kindern gegenüber. Die haben immer beide Elternteile, fühlen sich sehr wohl im Imbiss, haben rundherum Spielgelegenheiten und vermissen auf diese Art nichts. Wie viele Berufstätige können das schon von sich sagen?“ Im letzten Jahr hat das Paar das erste Mal Urlaub gemacht. Gemeinsam.

Bücher hat Kerstin Lorenzen schon immer geliebt. Eine Ausbildung in der Bückeburger Buchhandlung Scheck machte dann diese Leidenschaft zum Beruf. Ein Studium schloss sich an, und in dieser Zeit lernte sie Eric kennen, der mit Büchern allerdings nicht sonderlich viel im Sinn hatte. Als Chirurgie-Mechaniker liebt er eher das Handwerk, und so ist es eigentlich bis heute geblieben. Während der ganzen Zeit, in der Kerstin Lorenzen nicht in Bückeburg wohnte, hatte sie Kontakt zu Heinrich und Brigitte Spannuth, den Eigentümern der alteingesessenen Buchhandlung in der Langen Straße. So wurde sie auch darüber informiert, dass das Ehepaar sich zur Ruhe setzen wollte und einen Nachfolger für den Laden suchte. „Wir waren zwar noch nicht verheiratet, aber schon viele Jahre zusammen“, erzählt die Bücher-Fachfrau, „und da haben wir einfach zugegriffen.“ Der Aufgabenbereich ist geteilt, Kerstin ist zusammen mit den beiden Mitarbeiterinnen für Buchverkauf und Beratung zuständig, ihr Ehemann macht lieber den technischen Bereich, PC, Internetbestellungen und Versand. „Das klappt prima“, sagen beide Inhaber. Und wenn Hochsaison ist, beim Schulbuchverkauf oder zur Weihnachtszeit, ist auch Eric im Verkaufsbereich zu finden.

Die Selbstständigkeit holt einen allerdings auch im Alltag immer wieder ein, wie das Paar an seinem Hochzeitstag feststellen musste. Nachdem sie bereits vier Jahre den Laden gemeinsam betrieben, haben sie vor anderthalb Jahren geheiratet. „Gerade dann sollte unser Telefon umgestellt werden. Der Servicemann hatte versprochen, dass wir davon überhaupt nichts bemerken würden“, erinnern sich die beiden. Wie sehr diese Prognose daneben lag, durfte das Brautpaar schon morgens am eigenen Leib erleben, denn „es ging nichts mehr.“ Das Telefonchaos verfolgte sie auch noch auf dem Weg vom Standesamt in die Gaststätte, wo ihnen eine Mitarbeiterin schon winkend entgegen kam. „Wir haben trotzdem geheiratet“, sagt Kerstin Lorenzen augenzwinkernd.

Auch Kerstin und Eric Lorenzen verbringen den ganzen Tag miteinander. „Nicht ganz“, korrigiert sie, „Eric geht morgens mit unserem Hund zu Fuß zum Laden, ich fahre mit dem Auto später hinterher.“ Die Atmosphäre im Laden ist fast familiär, wenn also tatsächlich einmal gestritten wird, merken es zumindest die Mitarbeiter. „Das kann man kaum vermeiden“, erzählt Eric Lorenzen. „Aber wir streiten uns nur wenig und bemühen uns dann, es nicht im Ladenbereich auszutragen.“

„Man beißt sich lieber auf die Zunge“, ergänzt seine Frau, „und meist geht es dann schon von allein vorbei. Außerdem sind wir schon so lange zusammen, dass sich alles wunderbar eingespielt hat.“

Auch das Ehepaar Lorenzen freut sich darüber, dass sie den ganzen Tag zusammen sein können. Und natürlich Billy, der Hund, der im hinteren Bereich des Ladens bleibt.

Es wird meist 19 Uhr, bis die drei wieder zu Hause sind. Dann wird noch gekocht und meist gemeinsam das Wichtigste im Haushalt erledigt. „Das gemeinsame Arbeiten hat unsere Partnerschaft noch gefestigt“, sind sich die Ehepartner einig. „Es wäre schon eine riesige Umstellung, wenn jeder von uns wieder in einem eigenen Arbeitsverhältnis arbeiten müsste. Wir hoffen, dass wir hier weiter zusammen den Laden betreiben können.“

Seit siebeneinhalb Jahren sind Monika Dittrich und Manfred Tiefensee inzwischen ein Paar, leben und arbeiten gemeinsam. „Und das klappt prima“, erzählt die Modefachfrau und Künstlerin. „Wir arbeiten in der Stadt und wohnen auf dem Land und sind morgens, mittags, abends und nachts zusammen.“ Sie sind beide „vom Fach“, trotzdem mussten sie sich erst einmal aufeinander einstellen, als ihr Modeladen „Ella“ in der Rintelner Fußgängerzone eröffnet wurde.

„Gerade am Anfang gab es unterschiedliche Meinungen darüber, was und wie viel an Ware eingekauft werden soll“, sagt Tiefensee. „Und natürlich wurde gelegentlich auch gestritten.“ Manfred Tiefensee hat daraufhin einfach die „Halbwertzeit“ eingeführt: Nach einer halben Stunde reduziert sich der Frust schon um die Hälfte – und nach einer Stunde sei meist alles wieder gut. Auch bei diesem Paar ist der Kundenbereich tabu für Meinungsverschiedenheiten. Die Kompetenzen sind klar aufgeteilt: Monika ist für den Verkauf, Einkauf und Personalangelegenheiten zuständig, Manfred ist der Rechenexperte und für Verwaltung und Büro verantwortlich. Und legt auch schon einmal ein Veto ein, wenn zu viel gekauft werden soll.

„Wir sind ein Team“, sagen beide Partner, „und egal, was mal schiefgelaufen ist, es gibt niemals Schuldzuweisungen. Es wird alles abgesprochen und man hört sich gegenseitig zu.“ Das Paar teilt auch seine Leidenschaft für Kunst, und so entführt der Herr des Hauses seine Herzensdame mindestens zwei- bis dreimal im Jahr in Kunstmuseen. „Gemeinsame Interessen sind wichtig für die Partnerschaft“, da sind sich Monika und Manfred einig. Den ganzen Tag über sind die beiden Partner doch nicht zusammen, denn Manfred Tiefensee verlässt den Laden eine Stunde eher als seine Frau. „Manfred kocht zu Hause und schimpft, wenn ich dann nicht pünktlich nachkomme“, lacht Monika Dittrich. Aber beide haben sich liebevolle „Erziehungsmaßnahmen“ ausgedacht. „Jede angefangene Stunde, die Monika später nach Hause kommt, muss sie mit einem zusätzlichen Urlaubstag wieder gutmachen“, sagt er. „Sie macht sowieso viel zu wenig Pause, da ist das eine hervorragende Idee für zusätzliche gemeinsame Freistunden.“ Und weil eben die gemeinsame Freizeit in einem Geschäftshaushalt rar ist, sorgt das Paar wenigstens an zwei bis drei Tagen in der Woche für eine gemeinsame Mittagspause. Und fährt einige Male im Jahr zumindest für ein langes Wochenende weg.

„Es hat sich alles wunderbar eingespielt“, erzählt Monika, „und die Partnerschaft wurde durch den gemeinsamen Beruf noch gefestigt.“

Tag und Nacht zusammen, an 365 Tagen im Jahr. Ob bei der Arbeit, im Feierabend oder im Urlaub – alles gemeinsam zu machen, ist für viele Paare wohl eine Horrorvorstellung. Doch für einige ist das Alltag. Denn sie leben nicht nur miteinander, sie haben auch denselben Arbeitsplatz.




Anzeige
Weiterführende Artikel
    Anzeige
    Kontakt
    Redaktion
    Telefon: 05041 - 78932
    E-Mail: redaktion@ndz.de
    Anzeigen
    Telefon: 05041 - 78910
    Geschäftsanzeigen: Anzeigenberater
    Abo-Service
    Telefon: 05041 - 78921
    E-Mail: vertrieb@ndz.de
    Abo-Angebote: Aboshop

    Keine Zeitung bekommen? Hier zur Zustell-Reklamation.
    X
    Kontakt