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Nur ein Prozent Zinsen, aber dafür eine große Portion Geselligkeit – unter anderem beim Abschluss-Essen

Zu Weihnachten wird das Sparfach geleert

Bad Münder (st). Geldschein falten, in den Schlitz stecken, mit dem Metallplättchen nachstopfen – ein wöchentliches Ritual für die Sparfachsparer in der Gaststätte Andria in der münderschen Kernstadt. Das kleine Café-Restaurant an der Marktstraße gehört zu den ganz wenigen Gaststätten, die diese scheinbar aus der Zeit gefallene Einrichtung noch pflegen – mit allem, was dazugehört.

Ab in den Schlitz mit dem gefalteten Euro-Schein – für die Sparer aus dem Andria ein wöchentliches Ritual.

Ein Jahr lang wandert Schein für Schein in den Metallkasten mit den 40 nummerierten Schlitzen. Bis dann kurz vor Weihnachten das eingesteckte Geld ausgeschüttet und zur Feier des Tages ein Essen für alle Mitsparer aufgetischt wird. Viele bezahlen das von den Zinsen, die das Geld im Laufe des Jahres eingebracht hat.

„Das ist zwar nur rund ein Prozent“, sagt Wirt Salvatore Amoroso: „Aber besser als nichts.“ Der Sparkasten werde wöchentlich geleert, das Geld auf ein eigenes Konto gebracht. „Wer mitmachen will, muss jede Woche wenigstens drei Euro einwerfen“, sagt Amoroso. Auf Nichtsparen steht Strafe. „Ein Euro muss derjenige zahlen, der eine Woche nichts in den Kasten schmeißt“, so Amoroso. Das werde dann von den Zinsen abgezogen und komme der Spargemeinschaft zugute.

Und die stehe ohnehin im Mittelpunkt, denn wegen der Zinsen werde niemand Sparfachsparer. Das findet auch Ingrid Narzynski. Mit ihrem Mann Wolfgang kommt sie regelmäßig nicht nur zum Sparen ins Andria. „Am Freitag zum Beispiel ist unser Schoppenabend“, sagt Ingrid Narzynski. „Dann trinken wir mit den anderen Sparern auch schon mal ein Bierchen oder zwei zusammen.“

Wer spart, der klönt auch: gesellige Runde im Andria.  Fotos: oe
  • Wer spart, der klönt auch: gesellige Runde im Andria. Fotos: oe

Mit ihrer Bekannten Gundula Kuhlmann und einer Gruppe weiterer Frauen – von denen nicht alle auch Sparerinnen sind, aber einige – trifft sich Ingrid Narzynski zudem häufig am Donnerstagmorgen im Andria, wenn Wochenmarkt ist. Einige Sparer kenne man gar nicht, aber zu anderen habe sich eine richtig freundschaftliche Beziehung aufgebaut, so Narzynski.

Hoch her geht es dann einmal im Jahr, wenn das Geld ausgeschüttet wird. Mehrere hundert Euro bekommt dann jeder Mitsparer ausgezahlt – bar auf die Kralle. „Ich kaufe davon meist die Weihnachtsgeschenke für unsere Enkelkinder“, sagt Kuhlmann – und ein bisschen für sie selbst bleibe in der Regel auch noch übrig.

Ein Teil des Geldes wird noch am Abend der Auszahlung auf den Kopf gehauen, wenn das große Spargemeinschafts-Essen stattfindet. In diesem Jahr gab es Spanferkel mit Kartoffeln und Gemüse. Anschließend feierten die Sparer bis tief in die Nacht. Und schon in der kommenden Woche wird der nächste Schein eingeworfen.

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