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Archäologen stoßen offenbar auf Reste des Brandes von 1560

Zeugnisse der Katastrophe

Hameln (ni). Geschmolzenes Glas, ein Adam mit wehenden Haaren, grün glasierte Scherben – die Archäologen um Grabungsleiter Joachim Schween sind bei ihrer Zeitreise in die Vergangenheit im spätmittelalterlichen Hameln angekommen. Ein „Suchschnitt“ von der Baugrube gegenüber dem Hochzeitshaus bis vor die Gebäudeflucht der Osterstraße führte das Team vermutlich direkt an den Schauplatz einer Katastrophe, die vor 450 Jahren die Stadt heimsuchte. Schween und seine Mitarbeiter sind bei ihrer Grabung auf eine Bruchsteinmauer „und mächtig viel Brandschutt“ gestoßen. Darin entdeckt haben sie ein flaches Stück geschmolzenen Glases, „vermutlich Fensterglas“, das enorm großer Hitze ausgesetzt war. Außerdem fanden sie die Scherbe eines Trinkgefäßes und Bruchstücke von grün glasierten Ofenkacheln. Dass die Scherbe das Profil eines Mannes mit wehendem Schopf zeigt und unter den Kachelresten sich auch solche mit einer Wölbung fanden, ist aus archäologischer Sicht ein Glückstreffer. Denn es sind genau diese Details, die Schween bei der Datierung der Funde geholfen haben.

Den Becher ordnet er dem zweiten Viertel des 16. Jahrhunderts zu: Damals wurde die reiche, reliefartige Verzierung auf solchen Bechern mithilfe sogenannter Modeln aufgebracht. Die Motive wurden der biblischen Geschichte entnommen. Schween suchte in der einschlägigen Literatur nach einem Gegenstück für den Fund und stieß auf die Abbildung eines Keramikbechers mit exakt dem gleichen Männerkopf. Er zeigt den entsetzten Adam bei der Vertreibung aus dem Paradies. Bei den quadratischen Ofenkacheln war es die nach innen gewölbte Mitte, die die zeitliche Einordnung ermöglichte; sie ist typisch für das späte Mittelalter und in der Renaissance nicht mehr zu finden.

Die wahrscheinliche Quelle des Scherbenhaufens hat Schween auch ausgemacht. Ein Blick in das von Heinrich Spanuth verfasste Buch „Geschichte der Stadt Hameln“ führte ihn „zu dem dazugehörigen Feuer“: Das Haus auf dem Bruchsteinfundament ist vermutlich dem Feuer zum Opfer gefallen, das 1560 in der Stadt wütete und 44 Häuser in Schutt und Asche legte.

3 Bilder

In der Baugrube am Lütjen Markt wurden die Archäologen ebenfalls fündig. Ein aus Ziegelsteinen gemauerter Kreis und rundum rußgeschwärzte Erde deuten auf die Überreste eines Ofens hin. Aus der Erde geborgen haben sie das Fragment eines „Daubengefäßes“, eines aus Holz gefertigten Trinkbechers. Dass das Holz die Jahrhunderte überdauert hat, ist allein dem feuchten Boden zu verdanken, von dem es all die Jahre fest umschlossen war.

In der Osterstraße mussten Schween und Kollegen 1,80 Meter tief graben, ehe sich ihnen ein Zeitfenster ins späte Mittelalter öffnete und sie zunächst auf ein altes Pflaster aus jener Zeit stießen. Am Lütjen Markt beginnt diese Epoche schon 70 Zentimeter unter der heutigen Oberfläche. Kay Suchowa, Archäologe wie Schween und bei der Grabung in Hameln beteiligt, hat für dieses Phänomen eine plausible Erklärung, zumal das Team bei seiner Arbeit in der Osterstraße unter dem alten Pflaster erst auf eine Sedimentschicht und unter dieser auf ein noch älteres Pflaster gestoßen ist. Vermutlich, so Suchowa, habe die Kirche einst auf einem kleinen Hügel gestanden und die Osterstraße auf deutlich niedrigerem Niveau gelegen. Die Sedimentschicht lasse darauf schließen, dass Hochwasser in der Straße gestanden hat. „Wahrscheinlich waren es die Menschen irgendwann leid, dass sie ständig nasse Füße hatten, haben eine ordentliche Schicht Kies auf die Straße geworfen und darauf neues Pflaster verlegt“, sagt Suchowa. Wie viele solcher Schichten übereinander lagern, bis sich die Menschen ins Trockene gewohnt haben – auf diese Frage geben die kleinen Gucklöcher in die Vergangenheit keine Antwort.

Wann immer Schween und Suchowa in die beiden Baugruben für die neuen Trafostationen hinabsteigen, um nach Spuren menschlichen Wirkens im frühen Hameln zu suchen: Sie werden bei ihrer Arbeit von einem höchst interessierten Publikum begleitet. Und würden die Neugier der vor dem Bauzaun stehenden Menschen auch gern befriedigen, säße ihnen nicht die Zeit im Nacken. Dass sie „so maulfaul“ vor sich hin pusselten, sagt Schween entschuldigend, habe einzig und allein damit zu tun, dass sie sich so sputen müssten. Der Fahrplan für den Bauablauf, der durch die Grabung nicht durcheinandergebracht werden dürfe, lassen Erklärungen an Ort und Stelle nicht zu.




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