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Zeit für Kinder

Andreas Kühne-Glaser

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Autor:

Superintendent

"Alles hat seine Zeit" sagt der Prediger Salomon und ich glaube, das bedeutet auch: "Vieles muss seine Zeit haben, sonst entwickelt es sich nicht zu dem, als das es der Schöpfer gedacht hat." So ist das bei Wein, so ist das bei Tomaten, so ist das bei allen Schätzen der Natur, die gut geraten sollen. "Gut geraten" soll auch der Menschen in seiner wichtigsten Entwicklungsphase - als Kind. Ich hatte vor kurzem ein Gespräch mit einer Kindergartenleiterin und die erzählte mir, wie lange manche Eltern ihre Kinder unselbstständig halten. Sie tun dies, indem sie ihnen alles abnehmen, zum Beispiel das An- und Ausziehen oder indem das Kind in der Karre gebracht wird und sich selbst nicht bewegen muss. Hatte ich bislang immer eher unterstellt, diese Eltern wollten aus durchaus gut gemeinten Gründen ihre Kinder nicht überfordern, wurde mir deutlich: Es kostet viel Zeit einem Kind den Raum zu geben, in dem es sich zu einem selbstständigen Menschen entwickeln kann. Ich selbst erinnere mich gut daran, wie mir eine Erzieherin im Kindergarten beigebracht hat, mir selbst die Schnürsenkel zu binden. Sie drängelte nicht, sie ließ sich auf meine Geschwindigkeit ein, etwas Neues zu lernen. Wenn ich heute daran denke, finde ich das wunderbar. Und ich denke, wie viele Kinder sehnen sich nach einer Mutter oder einem Vater, die und der nicht von ihnen verlangt, die Welt mit Erwachsenengeschwindigkeit zu durcheilen und - weil sie das noch nicht können - ihnen dann möglichst viel abnehmen und dadurch nicht die Möglichkeit geben, sich zu entwickeln. Kinder haben eine ganz andere Lebensgeschwindigkeit. Wie gut, wenn es Menschen gibt, die sich darauf einstellen können. Es sind meist Menschen, die sich nicht beeindrucken lassen vom "Immermehrwahn" unserer Gesellschaft. Es sind Menschen, die nicht mehr im alltäglichen Hamsterrad stecken oder sich in ihrem Leben schlicht auf wesentliche Dinge konzentrieren können. Ich glaube, man kann den Wert von Großeltern in der Begleitung von Kindern gar nicht hoch genug einschätzen. Noch besser aber ist es, wenn sich Eltern durch ihre Kinder "ausbremsen" lassen und das nicht als Ärgernis erleben, sondern merken, wie gut es ihren Kindern tut, wenn sie sich auf ihre Welt einlassen können.

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