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Manche Einrichtungen setzen bei Eintrittspreisen auf Freiwilligkeit der Besucher / „Ein gefährliches Pflaster“

Zahlen Sie, was Sie wollen

Preisschilder sagen, wie viel eine Ware kostet, Eintrittspreise für Veranstaltungen liegen vorher fest, Speisekarten in Restaurants und Preislisten beim Friseur geben den Kunden genau bekannt, was man von ihnen als Gegenleistung für den Service erwartet, und auch Museen und Tierpark haben feste Vorstellungen davon, was der Besuch in ihrer Einrichtung kosten soll. Trotzdem riskierte der Allwetterzoo in Münster Anfang des Jahres eine besondere Aktion und machte damit bundesweit Schlagzeilen, nämlich mit der Umsetzung des Prinzips: „Pay-what-you-want“, das heißt: „Zahle soviel du willst.“ Wie es aussieht, war das eine tolle Idee.

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Cornelia Kurth Reporterin zur Autorenseite

„Pay-what-you-want“ verlagert den Schwerpunkt des Prinzips von Angebot und Nachfrage. Nicht der Verkäufer legt den Preis fest, sondern der Kunde ist es, der bestimmt, was ihm die Sache wert ist oder der einfach so viel gibt, wie er es sich leisten kann, im Zweifelsfall sogar gar nichts. Im ersten Moment klingt das nur absurd. „Oh nein, das würden wir niemals machen“, sagt etwa Sonja Kampe, die zusammen mit ihrem Mann den Tierpark in Bad Pyrmont führt. „Wir haben eh so viele Unkosten und auch gerade in den neuen Eingangsbereich investiert, da können wir es uns gewiss nicht leisten, Besucher für weniger als den ja eh nicht hohen Eintrittspreis von fünf Euro einzulassen.“

Prinzip kann

in ruhigen Zeiten Vorteile bringen

Dann aber wird sie doch nachdenklich. Der Allwetterzoo Münster hatte ja nicht einfach nur aus Spaß sämtliche Eintrittsschilder abgenommen und es allen Besuchern freigestellt, was sie zahlen wollen. Es war ein Wintermonat, in dem sonst nur wenig Betrieb herrscht im Zoo. Nun kamen, angelockt durch das „Pay-what-you-want“-Angebot, vier Wochen lang so viel mehr Menschen auf einen Zoobesuch vorbei, dass die Einnahmen weit mehr als doppelt so hoch lagen, nicht eingerechnet, was durch den (normalen) Verkauf im Café und am Kiosk hinzukam. Zwar wurde durchschnittlich nur knapp 5 Euro, statt der eigentlich vorgesehenen 14 Euro Eintritt gezahlt, trotzdem war die Aktion ein großer Erfolg und machte den Zoo in ganz Deutschland und international durch entsprechende Medienberichte bekannt.

„Wer weiß“, sagt Sonja Kampe, „vielleicht starten wir im nächsten Jahr etwas Ähnliches. Wir haben ja, wie alle Zoos, Fixkosten, die durch eine höhere Besucheranzahl nicht ansteigen. Das Risiko wäre also gar nicht so groß, vorausgesetzt, es kämen wirklich viel mehr Leute in der besucherarmen Zeit.“

Ware gegen Geld: Normalerweise legt der Verkäufer den Preis seiner Artikel fest. Fotolia

Auch das Museum Koenig in Bonn machte im letzten Oktober mit einer vierwöchigen Zahl-soviel-du-willst-Kampagne auf sich aufmerksam. Auch dort lohnte sich die Sache durch die erhöhte Anzahl der Museumsgänger, zumal viele mehr bezahlten als den normalen Eintrittspreis.

Wäre das nicht auch etwas fürs Hubschrauber-Museum in Bückeburg? Leiterin Kerstin Bals glaubt nicht daran: „Das können sich, meine ich, nur solche Museen leisten, die durch öffentliche Gelder unterstützt werden. Wir aber sind eine privat geführte Institution, wir sind auf jeden Euro der sechs Euro Eintrittgeld angewiesen.“ Die Besucher des Hubschraubermuseums kämen weniger aus der direkten Umgebung, es seien eher Touristen, die vorbeischauen. „Wir müssten so eine Aktion im großen Stil bekanntmachen, sonst ginge das nach hinten los“, meint sie.

Stefan Meyer, Leiter des Heimatmuseums Eulenburg in Rinteln, er sagt, auf das „Pay-what-you-want“-Prinzip angesprochen, erst mal gar nichts. „Wir haben das hier noch nie angedacht“, kommt dann. „Meine Sorge wäre, dass die Leute zwar anfangs noch zahlen würden, es mit der Zeit dann aber als selbstverständlich ansehen würden, einfach gar nichts zu bezahlen.“ Immerhin, an regelmäßigen „Museumstagen“ sei der Eintritt sowieso frei, auch die unteren Schulklassen müssten nichts zahlen, um sie auf diese Weise mit dem Museum bekanntzumachen, und: „Wenn uns jemand direkt anspricht, dass ihm der Eintritt von 3 Euro pro Person zu hoch sei, dann drücken wir eh ein Auge zu – am Geld soll der Museumsbesuch nicht scheitern.“

Äbtissin Susanne Wöbbeking vom Stift Obernkirchen würde da gerne noch einen Schritt weitergehen. „Mich fasziniert dieses Prinzip, vor allem, wenn es um Teilhabe an kulturellen Angeboten geht“, sagt sie. Bei Führungen durch die Stiftsanlage nähmen sie auch jetzt schon Spenden auf freiwilliger Basis entgegen und auch die Snacks und Getränke, die in Veranstaltungspausen zur Verfügung ständen, würden durch Spenden finanziert und niemand kontrolliere, wer wie viel in das aufgestellte Körbchen lege. „Wir verlassen uns darauf, dass die Leute bereit sind, nach ihren Möglichkeiten unsere Leistung zu honorieren, und das klappt gut.“ Was die Stiftskonzerte beträfe, so sei der Preis von zehn Euro bereits an der untersten Grenze angesiedelt. „Aber wenn wir unbegrenzt Plätze zur Verfügung hätten, wäre ich durchaus dafür, auf freiwillige Spenden zu vertrauen.“ Vertrauen in freiwillige Spenden bezeugt mit guten Erfahrungen zum Beispiel auch die Gemeinde der evangelisch-reformierten Jakobi-Kirche in Rinteln. Bei kleineren Konzerten oder etwa bei den Brunches, die für die Gemeindemitglieder veranstaltet werden, steht ebenfalls nur ein Spendenkörbchen bereit. „Wir kommen gut damit klar“, sagt Pastor Heiko Buitkamp. Natürlich liege das auch an der Solidarität innerhalb der Gemeinde. „Die einen geben großzügig, andere sind wirklich knapp bei Kasse und legen weniger rein - und genau so ist es ja auch gemeint.“

„Pay-what-you-want“ als Prinzip größerer sozialer Gerechtigkeit, so ein Experiment können sich gemeinnützige Organisationen eher leisten als solche, die ganz konkret auf Wirtschaftlichkeit hin ausgelegt sind. Während sich Andrea Tuschke als Leiterin der Rintelner Stadtbibliothek gut vorstellen kann, beim nächsten Bücherflohmarkt mit aussortierten und gespendeten Büchern statt 50 Cent pro Buch zu fordern einfach „Zahl-was-du-willst“ zu sagen (und dabei vielleicht sogar mehr einzunehmen als sonst oder Bücher loszuwerden, die anderweitig keinen Abnehmer fänden), sieht das bei geschäftsorientierten Anbietern anders aus.

„Unsere Stadt ist einfach zu klein für solche Aktionen“, meint etwa Anna Kunze vom Rintelner Bistro „Cho’s“. „Ich würde fürchten, dass wir von jungen Kunden überrannt würden, die sich auf Freibier einstellen, und dass großzügigere Stammkunden das nicht ausgleichen könnten.“ Ihre Partnerin Sunny Kunze immerhin hat schon manchmal daran gedacht, ob zeitweiliges „Pay-what-you-want“ nicht doch eine gute Werbeaktion sei. „Wir haben sehr günstige Preise, da glaube ich schon, dass viele von sich aus mehr zahlen würden, als wir eigentlich fordern.“ Andererseits gehen beide davon aus, dass es ihre Gäste wohl überfordern würde, die Preise selbst zu bestimmen. „Alles in allem würden wir ja doch erwarten, dass anständig gezahlt wird und man uns nicht ausnutzt!“

Forscher sehen

Besucher und Kunden in Zugzwang

Nicht viel anders sieht es die Hamelner Friseurmeisterin Heike Schütte vom Martin-Coiffeur. „Wir haben durchaus schon darüber nachgedacht, aber es ist uns doch ein viel zu gefährliches Pflaster“, sagt sie. „Der harte Kundenkern würde sicher fair zahlen, doch wenn ich sehe, wie Billigfriseurketten das Bewusstsein für den eigentlichen Wert unserer Leistung drücken, können wir uns wenig von so einer Aktion erhoffen. Viele Friseurkunden sind so sehr aufs Sparen aus, die würden das Spiel nur zu unserem Nachteil mitspielen.“

Wissenschaftler am Lehrstuhl für Marketing der Rheinisch-Westfälischen Technischen Hochschule in Aachen, die das „Pay-what-you-want“-Geschehen im Bonner Koenig-Museum begleiteten, kamen zum Schluss, dass nicht nur eine breite Werbung zum guten Ergebnis führte, sondern auch der Umstand, dass alle Museumsbesucher an einem Kassierer vorbeigehen mussten, dem sie in gewisser Weise Rechenschaft schuldig waren. Vielen wäre es einfach peinlich gewesen, gar nichts oder sehr wenig zu zahlen. Einfach nur eine Spendenbox aufzustellen, brächte vermutlich wenig.

Genau dieser direkte Kontakt zwischen Anbieter und Kunde würde das „Zahl-was-du-willst“-Prinzip auf Dauer wohl zu einem Stressfaktor machen. Das Berliner Lokal „Weinerei“ setzt zwar seit 1996 erfolgreich auf dieses Modell, doch der Wirt Jürgen Stumpf kann durchaus streng werden, wie er es in einem Zeitungsinterview erzählte. Er erwarte Respekt von seien Kunden und spreche sie unbedingt auf eine zu niedrige Bezahlung an. „So etwas wäre mir viel zu anstrengend“, meint dazu „Cho’s“-Wirtin Anna Kunze. „Da doch lieber gleich Preise auf der Karte, die beide Seiten als fair empfinden.“

Vor nicht allzu langer Zeit lockte der Zoo in Münster seine Besucher mit einem besonderen Angebot: „Pay what you want“. So viel Eintritt zahlen, wie der Besucher selbst zahlen mag – das ist die Idee dahinter. Nicht überall kommt das Prinzip gut an, mancherorts ist es zumindest eine Überlegung wert. Ein Stimmungsbild aus der Region.




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