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"Unangepasstes Konsumverhalten"

Zahl privater Insolvenzen steigt um 34 Prozent

Landkreis (ly). Die Zahl privater Insolvenzverfahren ist innerhalb eines Jahres um rund 34 Prozent gestiegen. Von Januar bis Mitte September haben 273 Schuldner im Landkreis einen entsprechenden Antrag gestellt, 70 mehr als 2006 im gleichen Zeitraum. So weit die nackten Zahlen.

Dass plötzlich viel mehr Schaumburger hemmungslos über ihre Verhältnisse leben, heißt das nicht. Es gibt andere Gründe. Vor allem diesen: "Der Engpass ist weg, weil an den Verfahren immer mehr Leute beteiligt sind", erklärt Wolfgang Gloede (Bückeburg), Insolvenzrichter für den gesamten Landkreis. Als Beispiele nennt er die Schuldnerberatung des Diakonischen Werkes in Stadthagen, die Schuldnerhilfe Niedersachsen e.V. sowie Rechtsanwälte, die sich spezialisiert haben. Nun löst sich die Warteschlange auf. "Außerdem ist die Hemmschwelle gesunken", vermutet Thomas Hammacher, Rechtspfleger am Amtsgericht Bückeburg. "Es hat sich herumgesprochen, dass man in sechs Jahren seine Schulden loswerden kann. "Positiv ist die Entwicklung bei Unternehmen: Firmeninsolvenzen sind um 17 Prozent zurückgegangen, von 140 auf 116. "Da wird der Aufschwung deutlich", sagt Gloede. "Firmen mit wirtschaftlichen Problemen können sich über Wasser halten." Viele Fälle sind ähnlich, wenn es um hoffnungslos überschuldete Haushalte geht. "Haus gebaut, hoch verschuldet, arbeitslos geworden", fasst der Richter zusammen. Und nicht nur das. Wer rechnet schon mit Krankheit, Unfall oder Scheidung? Eine andere Gruppe, so Gloede, seien Menschen ohne Ausbildung, die deshalb auf dem Arbeitsmarkt keine Chance hätten. Da kann bereits ein Kreditkauf in die Schuldenfalle führen. Und wenn dann - keine Seltenheit - Handyrechnungen über 1000 Euro oder mehr hinzukommen, führt an der privaten Pleite kein Weg mehr vorbei. Rechtsflegerin Maren Burkart nennt das "unangepasstes Konsumverhalten", eine Formulierung, die sich bei Gericht durch hunderte von Akten zieht. "Man kann nur ausgeben, was man hat", sagt Gloede, stößt mit dieser Binsenweisheit bei einer bestimmten Klientel aber vermutlich auf taube Ohren. Seit 1999 haben Privatleute die Möglichkeit, Insolvenz zu beantragen, um von einer Schuldenlast befreit zu werden. Vor dem gerichtlichen Verfahren muss der Schuldner aber zur Beratung und mit dem oder den Gläubigern eine außergerichtliche Einigung versuchen. "Beratung ist nicht Aufgabe der Justiz", stellt Geschäftsleiter Hammacher klar. "Die Leute sind eigenverantwortlich." Falls die außergerichtliche Einigung scheitert, beginnt das Gerichtsverfahren. Am Anfang steht der Versuch des Richters, mit dem Gläubiger ebenfalls eine Vereinbarung bezüglich der Schulden zu treffen. Wenn auch das nicht klappt, wird das Verfahren eröffnet, die Wohlverhaltensperiode läuft an. Binnen sechs Jahren stottert der Schuldner im Rahmen seiner Möglichkeiten ab. Danach werden die Restschulden erlassen. Voraussetzung: Der Schuldner muss die Auflagen des Gesetzes erfüllt haben. Vor allem muss er eine angemessene Erwerbstätigkeit ausüben oder sich darum bemühen und die Mindestvergütung für den Treuhänder aufbringen. Auch dürfen Schuldner während der Wohlverhaltensperiode nicht wegen einer Insolvenzstraftat verurteilt worden sein. Und sie dürfen keine neuen Verpflichtungen eingehen. Nach einer für 2008 geplanten Gesetzesänderung werden private Insolvenzverfahren nur noch eröffnet, wenn Masse vorhanden ist, damit die Kosten gedeckt sind.

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