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Vor 100 Jahren bekamen die Schaumburger erstmals ein Flugzeug zu Gesicht – die „Rumplertaube“

Wunderwerk der Technik

So etwas hatten die Schaumburger noch nicht erlebt. Vor 100 Jahren bekamen sie eine neuartige, bis dato nur vom Hörensagen bekannte Maschine zu Gesicht. Am 14. April 1913 war auf dem Exerzierplatz westlich von Bückeburg ein in der Berliner Fabrik Rumpler hergestelltes und innerhalb kürzester Zeit als „Rumplertaube“ bekannt und berühmt gewordenes „Flugzeug“ gelandet.

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Autor:

Wilhelm Gerntrup

Die nach einer Idee des österreichischen Tüftlers Ignaz Etrich entwickelte Konstruktion war einer der weltweit ersten serienmäßig hergestellten Motor-Gleitflügler. Sein Erscheinen löste überall im Kaiserreich wahre Begeisterungsstürme aus. Der neue „Flugapparat“ war – sehr zur Freude der mit Kriegsplanungen beschäftigten Berliner Regierung – zum Symbol deutscher Ingenieurskunst und überlegener (Waffen-) Technik geworden.

Auch der Auftritt der „Taube“ im Schaumburger Land geriet zum Volksfest-Ereignis. Bevor sich die hauptsächlich aus Stahlrohr, Stoff, Bambusstangen und diversen anderen Hölzern zusammengebaute Maschine vom Typ A 58/12 am späten Nachmittag des folgenden Tages wieder in die Lüfte erhob, war das Exerzierplatz-Gelände zum Vergnügungspark geworden. Zahllose Menschen aus nah und fern, darunter etliche Schulklassen, hatten sich auf den Weg gemacht, um das neue Wunderwerk der Technik aus nächster Nähe zu bestaunen. „Zu tausenden hielt man den Landungsplatz der Taube mehrere Reihen tief umsäumt, so daß die zur Absperrung herangezogenen Jäger (Soldaten des Bückeburger Jäger-Bataillons) Mühe hatten, die Schaulustigen in angemessener Entfernung zurückzuhalten“, war tags darauf in den heimischen Blättern zu lesen. Besonders stolz wurde vermerkt, dass das neue Flugzeug von dem in Bückeburg geborenen Leutnant Wilhelm von Apell gelenkt worden war. Als Co-Pilot und „Beobachter“ war ihm ein zweiter Offizier namens von Schröder zugeteilt worden.

Für diejenigen, die das „Ereignis von höchster Bedeutung“ (Landes-Zeitung) damals nicht selbst miterleben konnten, brachten die Zeitungen ausführliche Nachberichte. „Die Taube besteht aus dem Rumpf, zwei Flügeln und dem Schwanz“, war zu lesen. „In dem Rumpf befinden sich der Motor (100 PS) sowie der Beobachter- und der Führersitz.“ Die Spannweite der an zwei „Spanntürmen“ aufgehängten Flügel betrage 16 Meter. Seiten- und Höhensteuer würden vom Führersitz aus mittels Steuerrad betätigt. Ein „sogenannter Tachometer“ zeige die Umdrehungszahl der Propellerschraube pro Minute an. „Geht die Tourenzahl herunter, so ist der Führer gezwungen, sich schleunigst einen Landungsplatz zu suchen, weil irgendetwas an dem Motor nicht in Ordnung ist“. Weitere wichtige Informationen lieferten ein Manometer („Atmosphärendruck“), ein Höhenmesser und eine im linken Spannturm befestigte Uhr. Zur Unterstützung bei der Orientierung diene der am Beobachtersitz angebrachte Kartenhalter, „auf dem der Beobachter bequem seine Karte ausbreiten kann“. Rechts daneben befinde sich „der von der Pfadfinder-Gesellschaft Bremen angebrachte Kompass, der den Fliegern selbstverständlich unentbehrlich ist und ihnen schon gute Dienste geleistet hat“.

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  • Erfinder und Flugzeugpionier Ignaz „Igo“ Etrich (1879-1967).
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  • In der Berliner Fabrik des aus Wien stammenden Ingenieurs Edmund Rumpler (1872-1940) wurde die „Rumplertaube“ gebaut.
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In einem weiteren Artikel gingen die Blätter auf „einige immer wieder gestellte Fragen“ ein. Dabei erfuhren die Leser, dass Erfinder Etrich bei der Konstruktion der „Taube“ nicht zuletzt Form und Flugeigenschaften der Zanonia-Samen vor Augen gehabt habe. Die Fruchtkapseln der in Asien wachsenden Schlingpflanze könnten dank ihrer perfekten aerodynamischen Gestalt sogar ohne Windunterstützung mehrere hundert Meter weit durch die Luft gleiten. So ähnlich hatte man sich laut Zeitung auch das Funktionieren der Rumplertaube vorzustellen. Das Flugzeug sei zwar schwerer als Luft, werde aber „durch den Luftdruck, der unter den Tragflächen durch die Vorwärtsbewegung entsteht, in der Schwebe gehalten“. Damit das reibungslos funktioniere, werde der Motor vor jedem Start mehrmals kontrolliert. „Soll die Maschine steigen, so legt sich der Führer unwillkürlich nach hinten, nimmt dabei das Steuerrad mit und bringt so das Höhensteuer in Wirkung; will der Führer aber herunter gehen, so legt er sich nach vorne, drückt das Steuerrad ebenfalls dabei herunter und dann wirkt das Tiefensteuer.“

Schwierigste Flugphase sei der Start, war zu lesen. „Bei vielen Flugzeugen ist die Steigfähigkeit so stark, dass der Führer mit aller Kraft gegendrücken muss, damit die Maschine nicht zu schnell und dabei zu steil ansteigt, da sie dann, zumal zu Beginn nicht die völlige Geschwindigkeit erreicht ist, unter Umständen nach hinten abrutschen kann.“

Unterwegs stehe das Kurshalten im Vordergrund. Bei „sichtigem Wetter“ sei „das Zurechtfinden im Luftmeer“ kein Problem. Der Beobachter könne sich bei der Suche nach dem richtigen Kurs an den in den Landkarten eingezeichneten Flüssen, Eisenbahnlinien und sonstigen markanten Punkten ausrichten, war zu lesen. Schwierig und gefährlich werde es bei starker Wolkenbildung oder Nebel. Dann bleibe zur Orientierung nur der Kompass. „Der Beobachter, der in der Taube wie in allen Eindeckern vorn sitzt, leitet den Führer durch Winke der ausgestreckten, senkrechten Hand.“ Eine Unterhaltung sei wegen des ohrenbetäubenden Geräuschs des Propellers meist nicht möglich.

Welche Probleme das Wetter bereiten konnte, bekamen Leutnant Apell und sein Co-Pilot kurz nach dem Start nach ihrem Zwischenstopp in Schaumburg zu spüren. Auf dem Weiterflug über Bremen nach Hamburg mussten sie in der Nähe der Weserstadt landen, weil sie die Orientierung verloren hatten.

Die Rumplertaube war einer der weltweit ersten serienmäßig hergestellten Motor-Gleitflügler. Hier das Werk in Berlin.gp



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