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„Wrestling ist alles, was ich machen will!“

Für viele ist es nicht einmal ein Sport, sondern nur Show: Wrestling. Für den 19-jährigen Christian Specht ist es jedoch alles im Leben: Der Rintelner möchte Profi-Wrestler werden, später in den USA oder in Japan damit Geld verdienen. Dafür trainiert er neben seiner Berufsausbildung jeden Tag im Fitnessstudio, achtet auf seine Ernährung, verzichtet auf Partys. Und kann sich am 5. März wieder bei der „Schaumburger Wrestling Gala“ beweisen.

Autor:

Cornelia Kurth

Einst gab es im Dörfchen Engern eine kleine Gruppe von Jungs im Teenageralter, die hatten einen ganz besonderen Traum: Sie wollten Wrestler, Catcher, werden. Zweimal in der Woche trafen sie sich zum Training, ohne erwachsenen Anleiter, nur mit den genau studierten Bildern der Fernseh-Wrestler im Kopf und mit ein paar Erfahrungen, die sie sich in Workshops holten. Sie organisierten öffentliche Wettkämpfe, die Zeitung wurde auf sie aufmerksam und schließlich, o Wunder, fand sich ein Sponsor, der vor drei Jahren die erste „Schaumburger Wrestling Gala“ auf die Beine stellte. Illustre Kämpfer kamen in das Dörfchen, dazu Besucher von nah und fern, die Sache wurde zum Erfolg: am 5. März findet die vierte Wrestling Gala statt, die offiziell unter dem Namen „Nacht der Entscheidung“ läuft. Von den Jungs, die damals dabei waren, wurde einer zum lokalen Star und neuen Wrestling-Hoffnung: Christian Specht (19) alias „Freddy Stahl“.

„Eigentlich erzähle ich nicht gerne von den Anfängen, als wir noch alleine trainierten“, sagt er. „Unter Wrestlern macht man sich damit keinen guten Ruf. Die meisten denken, man käme aus irgendeiner Hinterhof-Gang und hätte in Wirklichkeit keine Ahnung, was Wrestling eigentlich ist.“

Er war 14 Jahre alt, schon lange ein begeisterter Zuschauer der Fernsehübertragungen von Kämpfen aus den USA und beseelt von der Idee, selbst im Ring zu stehen, angefeuert vom Publikum als ein starker und fairer Kämpfer, der es mit den „Heels“ aufnimmt, den finsteren und zynischen Verkörperungen des Bösen in der Welt. „Mich reizte diese Mischung aus Kampfsport und Schauspielerei“, sagt er. „Nur Ringkampf, ohne das Spiel, das dazugehört, wäre mir zu eintönig gewesen.“

Profi-Wrestler ist er zwar noch nicht, dafür aber schon längst Lokalmatador mit eingeschworener Fangemeinde: der 19-jährige Christian Specht. Im Ring nennt er sich „Freddy Stahl“ – und will gerade durch seinen vergleichsweise bescheidenen Auftritt punkten. Fotos: tol

Das Wrestling ist in den Augen vieler ein eigenartiger Sport, ja, vielleicht sogar gar kein Sport, sondern eher eine Art Zirkus. Wo Ringer oder Boxer ihr Können auf Sieg oder Niederlage einsetzen und höchstens am Rande und im Vorfeld auch schauspielerisches Geplänkel einfließen lassen, ist Wrestling ohne große Show undenkbar. Jeder Kämpfer inszeniert und stilisiert sich zu einer oft recht fantasievoll ausgestalteten Persönlichkeit und nimmt dann seinen Platz ein auf der Bühne, die so klein ist wie der Kampfring in der Halle, und so groß wie eine Weltbühne, wo Gut und Böse ihren ewigen Kampf miteinander ausfechten.

Damit das artistische Kampfspiel gelingen kann, ist aber vielmehr ein Miteinander als das Gegeneinander gefragt. Zu jedem Angriff gehört die entsprechende Verteidigung, zu jeder Aktion eine ganze bestimmte Reaktion. Wer da nicht mitmacht, wie es sich gehört, wer ausweicht, wo er standhalten müsste, oder fies von hinten angreift, während der andere auf den Frontalangriff wartet, der zerstört das stimmige Kampfgeschehen und riskiert außerdem schlimme Verletzungen. Der „Böse“ darf ruhig hinterhältig sein, doch weiß der „Gute“, dass der Hinterhalt kommt, so überrascht er sich dann auch zeigen mag. „Wir sind Gegner, die sich tief vertrauen können müssen“, so Christian Specht.

Mit 16 Jahren und nachdem er sich durch fleißiges Training stark und fit gemacht hatte, konnte er seine Mutter davon überzeugen, ihn auf seinem Weg zum Wrestler zu unterstützen. Zusammen mit seinem besten Freund fuhr er nach Hamburg, wo der bekannte Wrestler Karsten Kretschmer junge Talente im renommierten „Nordisch Fightclub“ ausbildet. Wer hier angenommen wird, hat die erste große Probe bestanden. Und er braucht Geld, um das Training zu bezahlen. „Ich will später in Japan und Amerika kämpfen“, sagt er. „Nur da kann man richtig was verdienen. O – ich habe schon so viel in meine Ausbildung investiert, das bekomme ich in Deutschland niemals wieder rein.“

Der junge Wrestler hat sich in seiner Rolle als „Freddy Stahl“ auf die Seite der „Faces“, der „Guten“ geschlagen. Eigentlich sieht er im Ring nicht viel anders aus als im Fitnessstudio, wo er jeden Tag sein Krafttraining macht: Ein stämmiger Kerl mit breiten Schultern, jungshaft kurzen Haaren und irgendwie ernst blickenden Augen, der konzentriert und ohne sich aufzuspielen sein Ding durchzieht. Wenn man die großen, oft langhaarigen, grimmig blickenden und ziemlich überdreht auftretenden Wrestler aus Amerika vor sich sieht, oder die Japaner in ihren bunten Kostümen, die Mexikaner mit ihren Masken, die sie niemals abnehmen dürfen, dann wirkt Christian Specht dagegen wie ein ganz normaler Sportringer.

„Das macht nichts“, sagt er. „Im Gegenteil, genau das ist die Lücke, in der ich mich hoffentlich profilieren kann.“ Aber fehlt ihm, der inzwischen so gut ringen kann, dass er auch im Ringkampfsport Chancen hätte, nicht der echte Kampf, ohne vorherige Absprachen, ohne Show, einfach Mann gegen Mann und der bessere gewinnt?

„Nein! Und diese Gegenüberstellung stimmt so auch nicht! Auch im Wrestling kommt nur nach oben, wer der bessere ist. Wer nicht stark und geschickt ist, wird nicht gewinnen können. Auch nicht, wer das Publikum nicht überzeugen kann. Das ganze funktioniert ja nur, wenn die Zuschauer anerkennen, was da im Ring abläuft. Wenn sie mich bejubeln, kann auch eine Niederlage der Sieg sein.“

Das Publikum, der Dreh- und Angelpunkt. „Man interagiert ja immer mit den Leuten! Sie sollen einen anfeuern. Oder aufmuntern, wenn man am Boden liegt. Ich sporne sie an, für mich Partei zu ergreifen. Wenn das klappt, ist es die größte Bestätigung. Dafür kämpft man, genau dafür!“

In Deutschland sei es im Moment nicht leicht, sich einen Namen zu machen, der auch außerhalb der Wrestlingszene zählt. Die große Zeit, als in Hannover und Bremen wochenlange Kampfserien ausgetragen wurden und regelmäßig Tausende Zuschauer kamen, um den Fortsetzungen der dramatischen Auseinandersetzungen zu folgen, sie sind längst vorbei. Das amerikanische Wrestling setzte sich durch mit seinen großen Showkämpfern, die von ihrer Organisation World Wrestling Entertainment (WWE) durch aufwändigste Promotion zu Superstars aufgebaut werden. Für die Masse findet das Wrestling überwiegend im Fernsehen statt.

Und doch wollen ehrgeizige junge Wrestler wie Christian Specht zusammen mit erfahrenen Wrestlern wie Karsten Kretschmar aus Hamburg oder auch Ecki Eckstein aus Hannover britisch-deutsche Tradition des eher auf Wettkampf ausgerichteten Wrestlings fortführen. Dass nun wieder im Rintelner Ortsteil Engern ein Wrestling-Event stattfindet, ist dem begeisterten Rintelner Sponsor Günter Ruppelt zu verdanken. Ohne sein organisatorisches Engagement wäre es unmöglich gewesen, so ein Spektakel in die Provinz zu holen und dabei am 5. März wieder sieben Kämpfe anzubieten mit zum Teil hochkarätigen Wrestlern.

Christian Specht wird als „Freddy Stahl“ gegen einen ebenfalls 19-jährigen Mann aus Hamburg antreten, dem langhaarigen Hünen Scotty Saxxon, der im Nordisch Fightclub ebenso wie der Rintelner als ungeschliffener Diamant auftauchte und inzwischen ein ernst zu nehmender Gegner ist.

Um gegen den viel größeren Hamburger und überhaupt gegen mächtige Kämpfer bestehen zu können, muss Christian Specht ungeheuer diszipliniert sein: Neben seiner bald absolvierten Ausbildung zum Physiotherapeuten trainiert er jeden Tag, verzichtet auf ausschweifende Partys am Wochenende und ernährt sich nach einer ausgefeilten Diät.

„Das ist in Ordnung so“, sagt er. „Wrestling ist mein Leben, es ist alles, was ich will!“ Viele Freunde von früher können ihm da nicht mehr folgen. Dafür hat er neue Freunde, mit denen er oft stundenlang über die Philosophie des Wrestlingkampfes redet. Natürlich hat er den Film „Der Wrestler“ gesehen, wo Mickey Rourke einen gealterten Recken spielt, der sich, geschunden und gequält, noch einmal in die Arena begibt, zwischen die Meute des johlenden Publikums, das seinen gierigen Spaß haben will und den Jubel verschenkt, der den Helden zugleich am Leben erhält und endgültig in den Untergang lockt.

„Ich werde nicht so enden wie Randy ,The Ram‘ Robinson“, betont er. „Mit Drogen, Alkohol und Aufputschmitteln habe ich nichts zu tun.“ Aber bejubelt werden will er am 5. März, keine Frage. Und das wird er sicher auch. Schließlich ist er der Lokalmatador, der einzige Wrestler aus dem Schaumburger Land. „Ich gebe alles, um meine Fans und meine Familie nicht zu enttäuschen!“ Und um einen Schritt weiter dem Traum vom Profiwrestler-Leben entgegenzugehen.

Karten: Die vierte Schaumburger Wrestling-Gala findet am Samstag, 5. März, ab 19 Uhr in der Mehrzweckhalle Engern statt. Karten gibt es unter www.ticket-online.com, unter (0 18 05) 4 47 07 77 oder an der Abendkasse. Sie kosten zwischen 19 und 9 Euro, für Kinder in Begleitung Erwachsener 5 Euro.




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