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Wo das Leben am seidenen Faden hängt

Tränen stehen in den Augen der jungen Frau, die in der kleinen Besuchernische der Intensivstation auf die Stationsärztin wartet. Sie hat Angst. Gerade kommt sie vom Bett ihrer Mutter Elfi Meier (Name von der Redaktion geändert). Nach einer Operation hat sich im Bauchraum der Siebzigjährigen eine Entzündung gebildet, die sich auszuweiten droht. Fieber ist dazugekommen. Der Zustand ist ernst, die Patientin derzeit an ein Beatmungsgerät angeschlossen – für die Tochter ein beängstigender Anblick.

Autor:

Bärbel Zimmermann

„Wir haben für heute Mittag eine Kontroll-OP angesetzt“, erklärt die Stationsärztin Dr. Natalie Weyer der jungen Frau kurze Zeit später in aller Ruhe, „der Bauchraum muss durchgespült werden, weil eine Antibiotika-Behandlung in diesem Fall nicht ausreicht.“ Und die Fachärztin für Anästhesie beantwortet auch gleich die nicht gestellte Frage, ob Elfi Meier weiterleben wird. „Wir müssen das Ergebnis dieser OP abwarten“, beschreibt sie die nächsten Stunden, „erst dann können wir den weiteren Behandlungsverlauf bestimmen und Näheres sagen.“ Voller Verständnis rät sie der Tochter, trotz des schlafähnlichen Zustandes ihrer Mutter am Bett zu bleiben; die Nähe werde beiden helfen, die Wartezeit zu überbrücken.

„Die psychologische Betreuung nicht nur der Patienten, auch der Angehörigen ist ebenso wichtig wie die Apparatemedizin“, sagt die Ärztin dazu. „Man muss in kurzer Zeit ein Vertrauensverhältnis aufbauen und die Angst nehmen. Obwohl dafür eigentlich keine Zeit da ist.“ Man spürt, dass sie mit ganzem Herzen in ihrem Beruf ist, „auch wenn man sich nicht immer von den Schicksalen freimachen kann. Es kann schrecklich schön sein“, versucht sie ihre Arbeit zu beschreiben. „Auch der Selbstschutz ist wichtig. Gerade bei den Helfern ist das Burn-Out-Syndrom besonders hoch“, sagt sie. „Jeder entwickelt sein eigenes System, mit den vielen schrecklichen Dingen, die er hier täglich erlebt, umzugehen.“

Das Telefon der Intensivstation klingelt. „Wir bekommen einen Zugang“, ruft Dr. Weyer über den Flur. „Holt schon mal den Reawagen!“ Die Tür öffnet sich, ein Patient wird in einem Bett im Dauerlauf hereingefahren, begleitet von einem Arzt und Pflegerinnen. Sein Gesicht ist blau angelaufen, die Haut marmoriert. „Zimmer 4“, wird ihnen zugerufen, während dort schon Schwester Heike mit dem Reanimationswagen eintrifft. Der begleitende Arzt Dr. Matthias Vogel hat bereits die Beatmungsmaske in der Hand, mit der dem Patienten Sauerstoff zugeführt wird.

Eigentlich war Kurt Müller (Name von der Redaktion geändert) zur Operation wegen eines Oberschenkelhalsbruches vorbereitet worden. Jetzt allerdings ist die Operation zur Nebensache geworden, jetzt geht es um das Leben des 80-Jährigen.

Es ist ein eingespieltes Team, das trotz der spürbaren Spannung routiniert und mit der nötigen Ruhe arbeitet. Kurt Müller hat akute Atemnot und sichtbare Panik; vor allem muss er beruhigt werden. Der Kreislauf wird kontrolliert und stabilisiert, und da der Patient allein nicht ausreichend atmen kann, wird er in einen schlafähnlichen Zustand versetzt, damit er beatmet werden kann. Eine Magensonde wird gelegt. Noch ist nicht klar, was zu diesem Zustand geführt hat. Herzinfarkt, Herzrhythmusstörungen, eine Lungenembolie, es gibt verschiedene Möglichkeiten. Um eine Therapie beginnen zu können, muss erst einmal die Ursache gefunden werden. Ein fahrbares Röntgengerät wird eingesetzt, ein EKG angefertigt. Kurt Müller wird an den Zentralüberwachungscomputer im Vorraum angeschlossen, der sofort Alarm gibt, wenn sich der Zustand verändert. Blut wird abgenommen und sofort an das Labor weitergegeben. Die Werte können möglicherweise Auskunft über die Ursache geben. Das Ergebnis wird in Kürze in der elektronischen Patientenakte zu lesen sein, auf die vom PC aus zugegriffen werden kann. Die Röntgenbilder hängen bereits am Leuchtschirm, geben aber noch keinen konkreten Aufschluss.

Die Geräuschkulisse in der Station ist enorm, es piept und klingelt in unterschiedlichen Tonkombinationen: Die Türklingel, das Telefon, Pieper, Alarmzeichen vom Überwachungscomputer, Patientenklingeln. Neben den akuten Fällen müssen auch die anderen Patienten versorgt werden. In Zimmer zwei muss Schleim aus der Lunge abgesaugt werden. Ein Krankentransport wird vorbereitet, eine Frau muss zu einer Untersuchung nach Minden. Dazu muss sie am Perfusor angeschlossen bleiben, einer Spritzenpumpe, die für gleichmäßige Medikamentenzufuhr sorgt. Schwester Heike bestellt den Transport und bereitet die Patientin vor. Hans Jäger (Name von der Redaktion geändert), mit Mitte 30 einer der jüngeren Patienten auf der Intensivstation, muss in eine Spezialklinik verlegt werden. Bei ihm ist eine Thorakoskopie, eine spezielle Lungenuntersuchung, erforderlich geworden. Durch eine Blutvergiftung hatten sich Bakterien in der Lunge festgesetzt, eine Eiteransammlung hatte sich gebildet. Eine Dränage reichte nicht aus. Die weitere Behandlung wird in der Spezialklinik erfolgen.

Neben den akuten Fällen geht das normale Leben auf der Station weiter. Pfleger und Stationsleiter Bernd Pusch versorgt die Patienten. Verbandswechsel, Katheterwechsel, Infusionen prüfen. Um die Blutwerte und Blutgasanalysen im Monitor ablesen zu können, wird ein Katheter in die Arterie gelegt. Ein Monitor über dem Bett zeigt Herzschlag, Puls und Blutwerte an. Für beatmete Patienten gibt es einen weiteren Monitor. Hier muss alle 48 Stunden der Befeuchtungsfilter ausgetauscht werden. „Damit wird zum einen verhindert, dass Bakterien in das Beatmungsgerät gelangen können, zum anderen wird die Atemluft befeuchtet“, erläutert Bernd Pusch. Der Patient in Zimmer Nummer drei atmet selber mit und steuert damit das Beatmungsgerät.

Ein Bett weiter muss das Gerät die gesamte Atmung übernehmen: Dieter Bauer (Name von der Redaktion geändert) wurde leblos aufgefunden und reanimiert. Medizinisch ist er gut versorgt, er liegt aber noch im Koma. Ob und wie weit die Gehirnfunktionen des über 70-Jährigen noch vorhanden sind, kann erst festgestellt werden, wenn er geweckt wird. „Es kann manchmal zwei bis drei Tage dauern, bis ein Patient ausreichend wach ist, um das beurteilen zu können“, erklärt Dr. Weyer.

Erneut geht die Klingel zur Intensivstation. Amtsrichter Rost will sich vor Ort ein Bild vom Zustand des Herrn Bauer machen; eine von diesem erteilte Patientenverfügung liegt nicht vor. Wenn der Patient länger beatmet werden muss, ist ein Luftröhrenschnitt erforderlich – eine Operation, zu der Herr Bauer aufgrund seines Zustandes selber keine Einwilligung geben kann. Eine gerichtliche Vollmacht zur vorläufigen Betreuung ist deshalb erforderlich, damit die weitere Behandlung sichergestellt werden kann. In diesem Fall darf die Ehefrau für ihren Mann entscheiden.

Es ist reger Betrieb auf der Intensivstation. Eine Schwester möchte von der Ärztin wissen, wie der Essensplan für den Neuzugang festgelegt wird. Dann auf einmal ein Ruf durch die Station: „Der Blutdruck bei Herrn Müller geht runter!“ Mit dem letzten Wort dieses Rufes ist Dr. Weyer auch schon im Patientenzimmer, kümmert sich darum, den Patienten zu stabilisieren.

Noch eine neue Aufnahme kommt. Es ist eine chirurgische Patientin, bei der ein Infarkt ausgeschlossen werden muss. Dr. Weyer gibt Anweisungen für die Behandlung. Inzwischen wird für die Patienten, die nicht beatmet werden, das Mittagessen verteilt. Der Platz des verlegten Lungenpatienten wird schnellstmöglich wieder nutzbar gemacht, der Reawagen aufgefüllt, überprüft und verplombt, Zeichen dafür, dass er vollständig und einsatzbereit ist.

Aber nicht nur praktische Arbeit gibt es auf der Intensivstation, auch Schriftliches muss erledigt werden. Herr Müller ist inzwischen von der Chirurgie offiziell auf die Innere verlegt worden. Ein ärztlicher Versorgungs- und Überwachungsbogen muss erstellt, die bisher verordneten Maßnahmen schriftlich festgehalten werden. Jedes Medikament, jeder Handgriff wird fixiert und ist so für jeden Arzt und Pfleger sofort einsehbar. Der Verordnungsplan für die nächsten 24 Stunden wird geschrieben. Welche Behandlung wird angeordnet? Werden Laborwerte benötigt, muss geröntgt werden? Welche Medikamente werden gegeben? Auch die Schwestern und Pfleger haben Schreibarbeit zu leisten. Jeder Handgriff am Patienten wird für die Pflegeplanung festgehalten, um einen Dekubitus, das Wundliegen, zu vermeiden.

„Der Vorteil bei einer kleineren Station wie dieser im Rintelner Krankenhaus ist, dass die Patienten über das Medizinische hinaus gut betreut werden können“, erzählt Dr. Weyer in einer Atempause. „Gerade die psychische Betreuung von Patienten und Angehörigen ist mir sehr wichtig.“

Elfi Meier ist inzwischen zur Kontroll-OP, genannt „Second-Look“-OP, abgeholt worden, die über ihren Zustand und die weitere Behandlung Auskunft geben wird. Die Tochter wird am Nachmittag wieder am Bett ihrer Mutter sitzen und auf gute Nachrichten hoffen. Der Lungenpatient ist auf dem Weg in die Spezialklinik, die Patientin aus Zimmer sieben mit einem Krankentransport auf dem Weg nach Minden zur Untersuchung. Bei Kurt Müller ist inzwischen festgestellt worden, dass er einen Herzinfarkt hatte. Zur weiteren Behandlung ist er in die Obhut der internistischen Kollegen gegeben worden.

Am nächsten Tag: Erleichterung bei der Tochter von Elfi Meier, denn das Ergebnis der „Second-Hand-OP“ ist gut ausgegangen. Ein weiterer Kontrolleingriff wird nicht erforderlich sein, das Fieber ist gesunken. Wieder einmal konnte die schnelle Hilfe ein Leben retten.

Schnelle Hilfe kann Leben retten: Auf der Intensivstation, der „intensivsten Station“ im Krankenhaus, geht es um Leben und Tod. 24 Stunden am Tag. Ärzte und Pflegepersonal sind rund um die Uhr für Notfälle gerüstet. Unsere Zeitung war einen Tag lang dabei.




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