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Wir sollen uns mit einem Video bewerben?

Der Start ins Berufsleben ist für junge Menschen mühsam: 20 Absagen nach 40 Bewerbungen; auf die anderen Anschreiben kommt auch nach mehreren Wochen nicht die kleinste Rückmeldung. Ein Bild, das durchaus der Realität entspricht, meint Uwe Meier, Ausbildungsberater im Job-Center Hameln-Pyrmont. Mit einer veränderten Strategie versucht der Arbeitsvermittler Jugendliche und junge Erwachsene vor enttäuschenden Erfahrungen zu bewahren.

Autor:

Lars LindhorstUnd Julia wolf

Der Start ins Berufsleben ist für junge Menschen mühsam: 20 Absagen nach 40 Bewerbungen; auf die anderen Anschreiben kommt auch nach mehreren Wochen nicht die kleinste Rückmeldung. Ein Bild, das durchaus der Realität entspricht, meint Uwe Meier, Ausbildungsberater im Job-Center Hameln-Pyrmont. Mit einer veränderten Strategie versucht der Arbeitsvermittler Jugendliche und junge Erwachsene vor enttäuschenden Erfahrungen zu bewahren. „Jugendperspektive“ heißt das Projekt des Jobcenters, bei dem kurze, aber aussagekräftige Bewerbungsvideos erstellt werden. Die Persönlichkeit der jungen Bewerber soll per Video auf den Punkt gebracht werden – ganz kurz und ganz knackig. „Digitales Profiling“ nennt sich das.

Bewerben per Video? Uwe Meier und die Fernsehjournalistin Ebba Bongartz schauen zunächst in ungläubige Gesichter, als sie den etwa 40 Jugendlichen das Konzept der „Jugendperspektive“ erklären. Nach einer kurzen Einführung in die Thematik sieht es anders aus. Der Ansatz begeistert die meisten der anwesenden Jugendlichen. Schnell ist die Liste mit den interessierten Teilnehmer gefüllt. Zum Schutz der Persönlichkeit erhält jeder Teilnehmer auf dem digitalen Job-Portal lediglich eine Nummer.

So wie Cigdem Ulus, sie ist die Nummer 49. „Ein Bild sagt mehr als tausend Worte“, sagt Cigdem Ulus. Die 20-Jährige aus Hameln hat so ein Bewerbungsporträt über sich erstellen lassen. Ulus ist auf eine Schule für Hauswirtschaft und Ernährung gegangen. Ihr Problem: „Ich wollte Kauffrau für Versicherung und Finanzen werden, das passte einfach nicht.“ Deshalb hat sie die Initiative ergriffen: „Mit dem Einreichen einer Mappe kann man nicht viel bewirken, ein Video ist doch viel aussagekräftiger und persönlicher.“ Und es hat geklappt. „Mich hat schon einige Tage später ein Unternehmen kontaktiert“, sagt Ulus. Seit dem 1. August ist sie bei der Gothaer Versicherung tätig und macht eine Ausbildung zur Kauffrau für Versicherung und Finanzen – so wie sie es wollte. Die achtmonatige Einstiegsqualifizierung hat Ulus nun hinter sich gebracht. Trotz der großen Zeitspanne, die zwischen der Porträterstellung und dem Berufseinstieg liegt, erinnert sie sich noch genau an ihren Videodreh Ende 2008. „Es hat überhaupt nicht lange gedauert“, sagt die jetzige Auszubildende. Zuerst etwas über die eigene Person, dann erklären, was man an dem Beruf mag. Weiter ging es mit Vorkenntnissen, was sie in der Freizeit macht und ihren persönlichen Eigenschaften. Kurz mit dem Jugendperspektive-Team alles durchgesprochen, aufgenommen – fertig.

Solch ein Video hat sehr viele positive Seiten, findet Ulus. Zum einen, dass es persönlicher ist als eine schlichte Bewerbungsmappe, aber auch dass sie selbst beim Dreh Neues gelernt hat. Sie fühle sich nun sicherer und sei vor später kommenden Bewerbungsgesprächen nicht mehr aufgeregt. Sie weiß jetzt: Nicht nur die Stärken einer Person hinterlassen einen positiven Eindruck in den Unternehmen. Es ist auch wichtig, seine Schwächen erwähnen zu können. „Ich weiß nun, wie man sich richtig verhält und auf bestimmte Fragen antwortet.“ Auch auf umgangssprachliche Ausdrücke solle man verzichten – Standardsprache ist bei einem Bewerbungsgespräch angemessener, findet die 20-jährige Cigdem Ulus.

Durch das Video-Porträt eröffnen sich laut Uwe Meier ungeahnte Chancen für die Jugendlichen und jungen Erwachsenen. „Hier bin ich!“ soll im Idealfall die digitale Botschaft lauten, sagt der Ausbildungsberater. Meier weiß aus seinen täglichen Kontakten mit den Firmen im Landkreis, dass sich in den Personalbüros Stapel über Stapel mit Bewerbungsunterlagen türmen. Mit dem Projekt will das Job-Center punktuell einen anderen Weg einschlagen: Die digitale Visitenkarte sei der Abschied vom Lebenslauf. Statt gleich von den Personalern in den Unternehmen aussortiert zu werden, sagt Meier, eröffnen die Videos der „Jugendperspektive“ die Möglichkeit, sich sofort einen persönlichen Eindruck vom jeweiligen Bewerber zu verschaffen. Und dabei kommen auch große Vorteile für die Jobsuchenden zum Vorschein: Die Videobotschaft ist relativ zügig im Kasten; es entstehen keine Kosten; und man kann es sich sparen, Papier über Papier feinsäuberlich in die Bewerbungsmappe zu sortieren, meint Meier. Gleichwohl ist sich der Ausbildungsberater bewusst, dass auch beim Videodreh erst einmal Hemmnisse überwunden werden müssen. Denn vor laufender Kamera frei zu sprechen, sei nicht jedem Bewerber in die Wiege gelegt.

Seit einigen Jahren hat sich Ebba Bongartz auf die digitalen Bewerbungen von jungen Berufseinsteigern spezialisiert. In einem lockeren Gespräch versucht die Journalistin Wünsche, Erfahrungen und Begabungen der jungen Leute herauszukitzeln. „Ungezielt bewerben bringt einfach nichts“, sagt Bongartz. Mit gezielter Fragestellung wird gemeinsam mit den Jugendlichen ein Profil erstellt und großer Wert auf bewerbungsrelevante Fakten und Erfahrungen gelegt. Für welche Tätigkeit interessiere ich mich? Warum will ich gerade diesen Beruf ausüben? Was sind meine praktischen Erfahrungen? Wo liegen meine Interessen in der Freizeit? Fragen, auf die gemeinsam schlüssige und aussagekräftige Antworten gefunden werden.

Der Vermittlungserfolg der digitalen Bewerbungen liege bei etwa 80 Prozent, berichtet Meier. Das ist eine überaus hohe Quote. „Ein ehrliches Lächeln und die Liebenswürdigkeit einer Person bekommt man in einem Bewerbungsschreiben nun einmal nicht unter“, ist der Ausbildungsberater überzeugt. „Bis jetzt haben wir bei der Jugendperspektive etwa 50 bis 60 Schulabgänger aus dem Landkreis, denen es voraussichtlich schwer fallen wird einen Arbeitsplatz zu bekommen, weil sie entweder keinen oder einen schlechten Abschluss haben“, erklärt Michael Stolpe von der Arbeitsagentur. Viele suchen anfangs gar keine Hilfe. Sie wollen es selbstständig schaffen einen Job zu kriegen, sagt Stolpe.

Ausbildungsbeginn ist jedes Jahr am 1. August oder 1. September. Die Videoporträts werden von Dezember bis Februar produziert. „So können die Jugendlichen eventuell noch in ein Unternehmen nachrücken“, sagt Stolpe. Das Projekt Jugendperspektive Hameln-Pyrmont hat nach Informationen des Job-Centers sehr gute Zukunftschancen. Hilfe werde gerade denen geboten, die Probleme haben, einen geeigneten Job zu finden. Und dabei seien nicht immer nur die Noten ausschlaggebend. „Für mich ist ein Zeugnis nie wichtig gewesen“, sagt Ausbildungsberater Meier. Viel wichtiger sei bei einer Person der erste Eindruck. Der Meinung ist auch die 20-jährige Teilnehmerin Cigdem Ulus: „Man sollte keine andere Person spielen, um etwas zu verbergen. Natürlichkeit ist sehr wichtig“.

Henrik Steen, Geschäftsführer für den operativen Bereich der Agentur für Arbeit Hameln sagt, dass „die ersten Zahlen zum diesjährigen Ausbildungsmarkt deutlich machen, dass die heimischen Arbeitgeber derzeit noch verhalten bei der Meldung offener Ausbildungsstellen agieren.“ Für das Berufsausbildungsjahr 2009/2010 werden in diesem Monat erstmalig die Zahlen der gemeldeten Ausbildungssuchenden und der gemeldeten Stellen veröffentlicht. Seit Oktober 2009 wurden den Geschäftsstellen der Agentur für Arbeit Hameln 1789 Ausbildungsstellen gemeldet, 93 weniger als im vergangenen Jahr. Im gleichen Zeitraum meldeten sich 2182 bei der Berufsberatung als Bewerber für eine Ausbildungsstelle. Das sind 227 Ausbildungssuchende mehr als im Vorjahr.

Internet: Die Videos der jungen Jobsuchenden sind im Internet unter www.jugendperspektive-hameln-pyrmont.de zu finden.

Einen Ausbildungsplatz finden – das ist des Schulabgängers höchstes Ziel. Nicht jeder wird eine Stelle bekommen. Weil kein Platz da ist. Oder weil die Schulnoten es einfach nicht hergeben. Ohnehin gibt es zu wenig Azubi-Plätze. Rein rechnerisch fehlen fast 400 Ausbildungsplätze im Bereich von Rinteln, Stadthagen, Holzminden, Springe, Bad Pyrmont und Hameln. Da könnte ein neuer Dreh helfen.




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