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Was tun gegen den Bevölkerungsschwund im Weserbergland? Landrat Tjark Bartels fordert größere Zusammenschlüsse

„Wir sind zu kleinteilig aufgestellt“

Das Weserbergland baut ab, zumindest was die Bevölkerung angeht: Bis 2030 verlieren die Landkreise Einwohner, in Schaumburg über acht Prozent, in Hameln-Pyrmont über neun Prozent und in Holzminden sogar über 13 Prozent. Wie steuert
Landrat Tjark Bartels (SPD) dagegen und welche Konzepte haben Zukunft?

Das Weserbergland baut ab, zumindest was die Bevölkerung angeht: Bis 2030 verlieren die Landkreise Einwohner, in Schaumburg über acht Prozent, in Hameln-Pyrmont über neun Prozent und in Holzminden sogar über 13 Prozent. Wie steuert
Landrat Tjark Bartels (SPD) dagegen und welche Konzepte haben Zukunft? Interview: Frank Werner und Andrea Tiedemann

 

Laut Bertelsmann-Studie verliert der Landkreis Hameln-Pyrmont bis 2030 über neun Prozent seiner Einwohner. Ein Erdrutsch. Was tun Sie, um den Abwärtstrend wenigstens zu bremsen?

Bei diesen Studien handelt es sich um Annahmen. Die Annahmen der letzten Studie haben sich, wenn man zehn Jahre zurückblickt, auch schon als falsch erwiesen. Aber natürlich werden wir in einigen Orten weniger werden.

Gehen Sie von anderen Zahlen aus?

Ich gehe davon aus, dass wir erheblich mehr Zuwachs generieren können, und zwar, indem wir das Thema Flüchtlinge als echte Chance begreifen. Und durch die Chance, die wir als bevorzugter Wohnstandort in der Nähe der Landeshauptstadt haben. Denn dort wird Wohnraum knapper und teurer.

 

Reicht es, darauf zu hoffen? Muss sich der Landkreis nicht aktiv um Zuzug kümmern?

Ja, das müssen wir. Wir müssen für den Standort werben, und müssen uns nicht verstecken. Manchmal wird so getan, als müsse man Menschen dafür belohnen, dass sie ins Weserbergland ziehen. Das halte ich für falsch. Es geht darum, die Menschen anzusprechen, für die es der ideale Standort ist und nicht die, die eigentlich woanders hin wollen.

 

Derzeit gewinnt man den Eindruck, dass sich Hameln-Pyrmont eher als Protest-Landkreis gegen den Südlink profiliert, denn als Ort, an dem sich gut leben lässt.

Och doch, schon. Der Protest gegen den Südlink war erfolgreich, es ist unwahrscheinlich, dass wir in der geplanten Form Masten durch das Weserbergland bekommen werden. Zudem werden wir aber wahrgenommen als ein sehr naturnaher und lebenswerter Landkreis. Wir haben gering sinkende Einwohnerzahlen in der Stadt Hameln, aber wir müssen die Peripherie stärken. Und wir müssen in der Altersstruktur aufpassen.

 

Vor einem Jahr wollte die Weserbergland AG neu durchstarten. Wann erleben wir den Start eines professionellen Regionalmarketings?

Wir werden da neue professionelle Konzepte erarbeiten, da wird es sicher eine Veränderung geben. Aber wir brauchen auch ein Regionalmarketing, das sich nicht nur an Unternehmen richtet, sondern auch an Arbeitnehmer.

 

Muss die Region nicht viel enger zusammenrücken, um mehr politisches Gewicht auf die Waage zu bringen und um endlich Profil als Wirtschaftsraum zu entwickeln?

Ja, wir müssen in der Tat unsere gemeinsamen Stärken nutzen. Das halte ich für ganz wichtig. Da sind wir derzeit zu kleinteilig aufgestellt. Man kann, auch ohne zu fusionieren, Dinge gemeinsam erledigen. Das klappt teilweise schon ganz gut. Aber wir müssen wesentlich großräumiger werden, was die Standort-Werbung betrifft. Die gemeinsame Fachkräfte-Initiative mit Hannover und Hildesheim ist da der richtige Weg. Denn wir haben hier Unternehmer, die händeringend nach Fachkräften suchen.

 

„OWL“ ist zu einer Regionalmarke geworden. Warum gelingt so etwas hier nicht?

OWL ist total spannend. Dort gibt es einen Erfolgsfaktor: Die Region liegt abseits der großen Zentren Nordrhein-Westfalens. Die machen das dort sehr professionell. Wir müssen ebenso starke Partner finden. Das gelingt aber nicht ohne ein gemeinsames Vorgehen mit Hannover und zum Teil auch mit Hildesheim.

 

Ein Versuch war, das Weserbergland mit seinen Kurorten als Gesundheitsregion zu profilieren. Doch der kreisübergreifende Ansatz ist gescheitert. Warum?

Er ist nicht gescheitert, sondern alle beteiligten Landkreise wollen es nicht mehr mit gleicher Intensität verfolgen. Für dieses Thema hat der Landkreis Hameln-Pyrmont die Führungsrolle übernommen, weil wir in diesem Bereich die meisten Arbeitsplätze haben. Da sind wir in der Vorreiter-Funktion.

 

Können wir uns denn Vorreiter nennen? Der HSW-Studiengang Gesundheitsmanagement ist gefloppt.

Das muss man trennen. Wir sind insofern ein Vorbild, als wir viele Arbeitsplätze im Gesundheitsbereich haben, in einer sehr breiten Streuung: von Rehakliniken über Kurkrankenhäuser - das ist einmalig in Niedersachsen. Die andere Frage ist, wie man das in einem Studiengang verankern kann. Ich bin mir sicher, dass wir in ein paar Jahren anders darüber sprechen. Das Bewusstsein ist eigentlich da, dass es Leute braucht, die die Schnittstelle zwischen Ärzten und Pflege darstellen, nur im Moment findet das noch nicht genug Niederschlag in der Personalentwicklung der Kliniken.

 

Statt in der Krise zusammenzuwachsen, driften Hameln-Pyrmont, Schaumburg und Holzminden eher weiter auseinander. Kooperation heißt: Man geht ein Zweckbündnis zum Abschöpfen von Fördermitteln ein. Auf Dauer wird das nicht reichen.

Wir machen auch Dinge, die nichts mit Fördermitteln zu tun haben. Ich glaube, wir brauchen größere Zusammenschlüsse, möchte aber keine Aussage machen, in welche Richtung das gehen soll. Holzminden ist eine Möglichkeit, es ist aber auch vorstellbar, dass sich ein Landkreis mit Schaumburg bildet – wir sind auf Augenhöhe – oder dass ein Heranrücken an die Region Hannover denkbar wird.

Wie soll das gehen? Schon in Hameln-Pyrmont selbst herrscht das Kirchturmdenken vor. Wir bekommen vieles hin. Wir haben gerade unsere Sparkassen fusioniert, ein erster großer Schritt.

Und der zweite?

Wir werden auch in der Schulpolitik aufeinander zugehen. Das wird ein mühsamer Prozess. Mühsamer, als ich zu Beginn dachte.

 

Die gemeinsame Schulträgerschaft ist doch vom Tisch.

Es ist ein langer Weg. Am Ende werden wir die Dinge gemeinsam machen müssen.

 

Im Ostkreis wie in Coppenbrügge ist der Bevölkerungsschwund besonders drastisch. Wo ist das Zukunftskonzept, mit dem der Landkreis die Folgen für die Bewohner abfedert?

Es muss nicht immer schlecht sein, wenn sich die Dinge verändern. Ob ein Ort 200 oder 2000 oder 50 000 Einwohner hat, sagt nicht unbedingt etwas über die Lebensqualität aus. Während der eine Platz und Natur braucht, ist es für den anderen das Straßencafé vor der Haustür. Wir können alles bieten. Und es tut sich viel Gutes. Insbesondere die Initiativen, die sich vor Ort gründen und Dinge selbst in die Hand nehmen, finde ich gut, wir unterstützen sie.

 

Wie gehen Sie damit um, dass jeder finanziell unabwendbare Schritt, etwa auf den Schülerschwund zu reagieren, lokalpatriotisch ausgebuht und blockiert wird? Es wird nicht gehen, jede kleine Schule zu erhalten.

Reine Veränderung macht mir keine Angst. Sorge habe ich nur dann, wenn man sich dem nicht stellt. Wir werden Strukturen anpassen müssen, um weiter gut dazustehen. Es müssen sich auch Schulen zusammenschließen, sonst laufen manche vollkommen leer.

 

Sehen Sie im Kreistag den Mut, das durchzusetzen? Die Fraktionen zerfallen schnell in Kirchturminteressen.

Die Einsicht reift. Am Ende werden wir ein paar Entscheidungen treffen müssen. Emmerthal ist das beste Beispiel. Da haben wir in den nächsten Jahren Millionen in den Brandschutz zu investieren, das ist absurd, das wird nicht funktionieren. Es sei denn, es gibt ein Konzept, das nicht nur für die nächsten paar Jahre tragfähig ist. Das Konzept in Aerzen ist gut, das kann durchaus bestandssichernd sein. In Emmerthal muss man schauen, ob es greift.

 




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