×
Professor Fulbert Steffensky zum Thema: "Was haben wir Protestanten an der Bibel?

"Wir haben eine Lehrerin, die uns anweist - und die nicht alles duldet"

Bückeburg (bus). "Es ist nicht das Wichtigste, dass Menschen durch dieöffentliche Sprache der Kirche unbedingt zu ihren Mitgliedern werden. Wichtig ist, dass Menschen in ihren Träumen und ihrem Gewissen gebildet werden" - diese Erkenntnis hat Professor Dr. Fulbert Steffensky an das Ende seines Vortrags "Freigeister mit heiligen Texten" gestellt. Steffensky sprach in der federführend vom "Evangelischen Forum Schaumburg-Lippe" veranstalteten Reihe "Evangelisch - aus welchem Grund?".

Ebenfalls sei es nicht das Wichtigste, "dass Menschen unter allen Umständen unseren Dialekt des Glaubens sprechen", wichtig sei aber, dass sie die Hoffnung und das Recht lieben lernten. Er erwarte von der Arbeit der Kirche im öffentlich-missionarischen Raum in einer Zeit verlorener Träume, dass sie eine Art Erinnerungswerkstatt sei, "eine Bildungsveranstaltung, inder an den inneren Mustern von Menschen gebaut wird, an ihren Wünschen und an ihrem Gewissen." Steffensky: "Die Erinnerung an die Träume schuldet die Kirche einer traumlosen Gesellschaft." Der 1933 im Saarland geborene Steffensky hat einen außergewöhnlichen theologischen Lebenslauf. Im Anschluss an das Studium der katholischen und evangelischen Theologie lebte 13 Jahre lang als (katholischer) Benediktinermönch in der Abtei Maria Laach, bevor er 1969 zum lutherischen Bekenntnis konvertierte. Seine erste Professur führte ihn 1972 an die Fachhochschule Köln; 1975 wechselte er als Professor für Religionspädagogik am Fachbereich Erziehungswissenschaft an die Universität Hamburg, in der er bis 1998 tätig war. Zu seinen wichtigsten Veröffentlichungen zählen "Gott und Mensch - Herr und Knecht?" (Hamburg 1973), "Das Haus, das die Träume verwaltet" (Würzburg 1998), "Feier des Lebens" (Stuttgart 2003) und "Die zehn Gebote. Anweisungen für das Land der Freiheit" (Würzburg 2003). In der Stadtkirche näherte sich der zitat- und wortgewaltige Theologe der Themenstellung mit Hilfe zahlreicher Geschichten, Bilder und Erlebnisschilderungen. Gleich zu Beginn nahm er ein Märchen zur Hilfe, um zu erläutern, dass man auf doppelte Weise an Texten leiden kann: Daran, dass man welche hat, und daran dassman keine hat. Zum ersten Leiden meinte der Professor: "Texte drängen sich an die Stelle der Wirklichkeit, und sie wollen sie beherrschen oder ersetzen." Das zweite kam ihm einem Gefängnis gleich - "dass Menschen nur noch Gefangene ihrer eigenen Herzen sind; dass sie keine Texte, keine Bilder, keine Lieder, keine Gedichte, keine Sprichwörter und keine Gruppe mehr haben, die einem die Welt aufschließen." Über die Bedeutung, "die Bibel im Zentrum unseres Selbstverständnisses zu haben", führte Steffensky aus: "Wir haben keinen Papst, aber wir haben noch ein altes Buch. Die Systeme sind zerbrochen und Fragment geworden, auch die theologischen Systeme in unserer Kirche. Selbstverständlich haben wirdas Buch nicht, wie man einen Papst oder ein System hat. Das ist der Unterschied zwischen traditionellen Zeiten und der Jetztzeit: Die Wahrheit ist vom Diktat zum Gespräch geworden." Er rede keinem Biblizismus das Wort, gab der Professor zu verstehen, "aber ich will sehen und schätzen, was wir haben: Eine andere Stimme als unsere eigene. Wir haben eine Lehrerin, die uns anweist und die nicht alles duldet."




Anzeige
Weiterführende Artikel
    Anzeige
    Kontakt
    Redaktion
    Telefon: 05041 - 78932
    E-Mail: redaktion@ndz.de
    Anzeigen
    Telefon: 05041 - 78910
    Geschäftsanzeigen: Anzeigenberater
    Abo-Service
    Telefon: 05041 - 78921
    E-Mail: vertrieb@ndz.de
    Abo-Angebote: Aboshop

    Keine Zeitung bekommen? Hier zur Zustell-Reklamation.
    X
    Kontakt