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"Diese Wahrheit ist leise": 100 Bürgerinnen und Bürger gedenken der Opfer des Holocaust und der Reichspogromnacht

"Wir brauchen unter uns Menschen jüdischen Glaubens"

Obernkirchen (rnk). 100 Bürger sind gestern Abend dem Aufruf der Stadt und der Kirchen gefolgt und haben bei der Gedenkfeier der Opfer des Holocaust und der Ereignisse der Reichspogromnacht 1938 gedacht. Am Gedenkstein für die ehemalige Synagoge betonte Pastor i. R. Hermann Müntinga die Wichtigkeit dieser Erinnerung undhob zwei Orte besonders heraus: die Synagoge und den Friedhof.

Trotz bitterer Kälte sind rund 100 Menschen zur Gedenkfeier geko

Die Pastoren Wilhelm Meinberg und Herbert Schwiegk sowie Pfarrer Norbert Mauerhof hatten zuvor sechs Kerzen angezündet - für sechs Millionen Menschen, die im Holocaust, in der Shoa ermordet wurden. Es sei wichtig, so Schwiegk, auf das Unrecht und die Ermordung der Menschen des jüdischen Volkes hinzusehen, weil so "etwas lebendig gehalten und nicht vergessen wird, und damit dasselbe Unglück nicht noch einmal geschieht". Es sei wichtig, ja notwendig, das Gedenken an den 9. November wach zu halten, sagte anschließend Müntinga. Es könne hier, bei der Erinnerung an die Reichspogromnacht, nicht gelten: Einmal muss doch Schluss sein. Ganz im Gegenteil. Das Gedenken gehöre sich, um an das organisierte Anzünden der jüdischen Synagogen in Deutschland durch die Nazis zu erinnern, dem bald die systematische Ermordung von Millionen jüdischer Menschen in diesem Land und in vielen anderen Ländern gefolgt sei. Schlimm sei es dagegen, dass es den Nachgeborenen, den Jüngeren und Jungen, immer schwerer fällt zu verstehen, was damals geschah. Und manche würden auf die alten und neuen Nazi-Parolen hereinfallen und ließen sich zum Hass und zur Gewalt verführen. Müntinga: "Was aber setzen wir dagegen?" Müntinga sah sich gestern Abend als Protestant - nicht im konfessionellen, sondern im ursprünglichen Sinn des Wortes: Jemand, der für eine erkannte Wahrheit eintritt, die gelte, auch wenn sie keine Schlagzeilen mache und nicht auf den Straßen lärme. "Diese Wahrheit ist leise, und sie verträgt keine allzu großen Worte." Die Wahrheit, die Müntinga meint, lautete: "Wir brauchen unter uns Menschen jüdischen Glaubens, Denkens und Feierns. Wir brauchen Synagogen und Friedhöfe. Wir brauchen sie, weil sie uns Deutschen - gerade uns Christen - helfen, der Erde treu zu bleiben, wie es ein Philosoph gesagt hat." Man sei froh und dankbar, dass es so viele von ihnen nach dieser schrecklichen Vergangenheit wieder in unserem Lande gibt, erklärte Müntinga: "Wir wollen alles dafür tun, dass sie in Schutz und Frieden mit uns leben können." An zwei Punkte wollte Müntinga besonders erinnern. An die Synagoge, die einst an dem Platz stand, an dem sich gestern Abend die Menschen getroffen haben, und an den Friedhof. Die Synagoge sei im jüdischen Leben der Ort des Lehrens und des Lernens: Thora, die fünf Bücher Mose mit den Zehn Geboten und den Weisungen Gottes an sein Volk. Müntinga: "Gottes Gebote zu verstehen und zu halten, dafür strengte schon ein Kind seine Kräfte und seinen Willen an." Er zitierte einen jüdischen Rabbi: Die Welt werde nur erhalten durch den Atem der Schulkinder. Der Friedhof - im Judentum das "Haus der Ewigkeit" oder ein "guter Ort" - müsse gepflegt und geschützt werden. "Auch um unserer selbst willen. Wir brauchen auch für uns und in unserem Zusammenleben gute Orte, die uns daran erinnern: Nichts haben wir in die Welt gebracht - und nichts werden wir wieder mitnehmen." Gute Orte, wo nicht mehr der Profit und der Nutzen zählt, nicht mehr der Spaß und das Vergnügen, sondern ein Ort, wo Menschen still werden und die ihnen Mut machen, den Weg der Versöhnung, mindestens aber den des Verstehens zu gehen: "Gute Orte - wir können sie suchen, finden, und selber an ihnen mitbauen." Gute Orte, die helfen gegen den Schrecken, der von bösen Orten ausgehe: Zu den bösen Orten gehörten sicher die Häuser, in denen die Neonazis ihren Hass pflegen und ihre Überfälle planen und vorbereiten. Zu den guten Orten aber zählten alle, an denen man sich um Aussteiger aus der Nazi-Szene bemüht. "Synagoge und Friedhof - gute Orte auch für uns", schloss Müntinga: "Orte des Lernens. Zum Lernen ist es nie zu spät."

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