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„Wir bieten den Schülern einen Neustart“

Es ist ein echtes Schloss der Weserrenaissance, das Realschul-Internat im Dörfchen Varenholz. Türme mit spitzen Dächern umstehen einen gepflasterten Innenhof, dickes, dunkles Fachwerk und zwei Meter tiefe Fensterbänke prägen die Innenräume, und in den verwinkelten Gängen wird sich jeder Neuling erst einmal verlaufen. Einst lebten hier die wehrhaften Grafen zu Lippe, jetzt sind es 200 Schüler aus ganz Deutschland, für die das Schloss mit dem großen Parkgelände ringsum ein zweites Zuhause geworden ist. Für viele von ihnen sind diese geschützten Mauern die letzte Chance auf den Realschulabschluss.

Autor:

Cornelia Kurth

„Die meisten unserer Schüler haben eine Leidensgeschichte durchgemacht und tragen ihr eigenes Schultrauma mit sich herum“, sagt Reinhard Tramitzke. Er ist der stellvertretende Schulleiter, ein lockerer Typ, der breit lächeln kann, aber auch ganz schön herumpoltern, wenn es nötig ist. „Wir bieten den Schülern einen Neustart, egal, was vorher gewesen ist.“

Was vorher gewesen ist, das waren Geschichten, die insgesamt wohl härter sind als die Schülergeschichten in vielen anderen Internaten. Außer dem Schlossinternat Varenholz gibt es nur noch ein weiteres reines Realschulinternat in Deutschland. Eltern, die so viel in den Schulabschluss ihrer Kinder investieren, seien meist auf das Abitur aus, so Tramitzke.

Diejenigen aber, die selbst kein Abitur haben, kämen oft gar nicht auf die Idee, dass eine Privatschule die Rettung für ihr Kind sein könnte. So sei das Internat eigentlich eine Art Gesamtschule mit sehr unterschiedlichen Schülern. „Wir haben hochbegabte Kinder ebenso wie solche, die ohne intensive Unterstützung wohl nur zur Hauptschule gehen könnten“, meint er. Was fast allen gemeinsam ist: Dass sie an den öffentlichen Schule als „ausgeschult“ galten.

„Das Wichtigste ist reden, reden, reden“, sagt Erzieherin Isabelle Schertel. Der Kontakt zwischen Schülern und Lehrern in Varenholz ist eng und persönlicher als auf anderen Schulen. Fotos: cok

Die Gründe? Manche wurden so gemobbt, dass sie die Schule verweigerten. Andere kamen mit ihren Adoptiveltern nicht mehr klar. Oft führte ein Todesfall in der Familie dazu, dass die Schulkarriere aus dem Ruder lief, oft auch waren es Verhaltensstörungen und spezielle Lernprobleme, die ein Internat angesagt sein ließen.

Etwa die Hälfte aller Schüler kommt über die Jugendhilfe nach Varenholz, ihr Aufenthalt wird dann vom Land finanziell unterstützt. Die anderen stammen entweder aus relativ wohlhabenden Familien oder aus Familien, wo sich die Verwandtschaft an den Kosten beteiligt.

Wenn man über das verwunschen wirkende Gelände wandert, begegnet man diesen Schülern, kleinen Zehnjährigen, Cliquen von Teenies und auch fast erwachsenen Jungs und Mädchen, die die blaue Internatskleidung tragen und Besucher meistens freundlich grüßen.

Man merkt, dass sie alle irgendwie zusammengehören, dass wohl schnell eine Gemeinschaft entsteht, wenn man rund um die Uhr die Zeit miteinander verbringt. Tatsächlich ist es als Internatsschüler kaum möglich, ein Privatleben zu führen. Auf den Zimmern im Schloss und in den Gebäuden vom „Grabbe“-Internat, von der „Felsenburg“ und der „Engelsburg“ wohnen immer zwei oder drei Schüler zusammen, Einzelzimmer sind die große Ausnahme.

„Mir macht das nichts aus“, sagt die 16-jährige Schülerin Mira-Louise. „Man einigt sich eben mit den anderen und nimmt Rücksicht, wenn jemand mal allein sein will. Was man für sich selbst verlangt, das muss man auch geben.“ Das klingt ziemlich vernünftig für eine Achtklässlerin, die zu Hause sehr unter der Scheidung ihrer Eltern litt, sich mit ihrer überbesorgten Mutter ganz fürchterlich über Schulangelegenheiten stritt und nur noch weg wollte von den Eltern, vom Stiefvater, von den ewigen Schulproblemen.

Im Internat gehört sie nun zu den 15 Mädchen, die im Schloss eine eigene Wohngruppe bilden, betreut von drei jungen Erzieherinnen, deren gemütliches Büro jederzeit offen steht. Innerhalb kürzester Zeit wurde sie zur Schulsprecherin und zu einer ausgezeichneten Schülerin, die sogar überlegt, ob sie eine Klasse überspringen sollte. „Ich will beweisen, dass ich etwas kann!“ sagt sie.

Die freundlich-energische Erzieherin Isabelle Schertel und auch Internatsleiter Peter Kübler bremsen das Mädchen da eher und sehen sehr wohl, dass die Gefahr besteht, sie könne sich selbst viel zu sehr unter Druck setzen und dem dann psychisch gar nicht gewachsen sein.

Andere Schüler aber brauchen den Druck, müssen an die Hand genommen werden, um zu einem geordneten Schulalltag zurückzufinden, Vokabeln zu lernen, ein Referat vorzubereiten und die Schultasche aufzuräumen. „Klar übernehmen wir eine Art Elternrolle“, meint Isabelle Schertel. „Und das Wichtigste dabei ist: reden, reden, reden!“

So sieht das auch Peter Kübler. Vor zehn Jahren war er selbst noch als Erzieher tätig, bevor er die Leitung des Schlossinternats übernahm und fast ununterbrochen Gespräche führt, mit Eltern und Schülern, mit dem wackeren Koch Mario Detert, der die 200 hungrigen Jungs und Mädchen in den beiden Speisesälen mit immer neuen Gerichten überrascht, mit der netten „Hausdame“ Lioba von Detten, die für Ordnung auf den Zimmern sorgt und die die Internatskleidung unter Kontrolle hat, und natürlich mit den Erziehern.

„Ich weiß immer, wo was los ist“, sagt Internatsleiter Peter Kübler. Wenn das Notfall-Telefon nicht klingelt, dann sei im Internat alles okay. „Ja, ja – die Schüler sind hier ziemlich umstellt!“

Und sie brauchen das auch, das „Umstelltsein“. Die fünf Sechstklässler zum Beispiel, die im Speisesaal immer am selben Tisch zusammensitzen, Kai und Lukas, Jarne, Jan und Jeremy. „Im Internat passen sie viel mehr auf einen auf“, sagt der 12-jährige Jeremy. „In meiner vorigen Schule, in Magdeburg, war es nicht gut. Die Lehrer haben mich gar nicht bemerkt. Aber jetzt gehe ich richtig gern zur Schule.“ Er blickt auf die Jungs am Tisch: „Das sind meine allerbesten Freunde!“

Die anderen grinsen und nicken. Der blonde Lukas ist erst seit ein paar Monaten in Varenholz. Er kam, weil er so gemobbt wurde, dass es nicht mehr zum Aushalten war. „In der ersten Zeit habe ich sehr viel geweint“, erzählt er. „Ich wollte nach Hause, aber ich wusste ja, dass es dort nicht geht.“ Auch die anderen geben zu, dass sie manchmal Heimweh haben, dass sie sich immer sehr auf die Heimfahrts-Wochenenden freuen. „Ich vermisse meine Familie. Und meine drei Katzen“, sagt Jeremy. „Aber wenn ich hier bin, dann denke ich einfach nicht dran.“ Dann springen die Jungs auf, um den Tisch abzuräumen. Sie sind heute mit Küchendienst dran und gleich kommen die Großen, die immer eine halbe Stunde später als die Unterstufenschüler essen.

Tjark ist dabei, 16 Jahre alt, er geht in die neunte Klasse und ist nach schulischen Katastrophenjahren heilfroh, dass er in allen Fächern eine ganze Note besser geworden ist und dass er jetzt einen richtigen Freund gewonnen hat, seinen Zimmergenossen, mit dem er oft bis spät in die Nacht redet. „Meine Eltern sahen, dass es mir nicht gut geht und fragten, ob ich ins Internat will – ich fand es cool“, meint er. „Jetzt nervt es nur noch, dass sie mir oft vorhalten, wie teuer das alles für sie ist.“ Aber vielleicht lassen diese Vorhaltungen bald nach. „Ich will unbedingt einen guten Abschluss bekommen und dann nach Neuseeland gehen. Vielleicht schaffe ich da auf der Highschool auch das Abitur.“

In Varenholz gibt es keine Schularbeiten, wohl aber die nachmittäglichen „Lerninseln“, wo jeder Schüler individuelle Hilfe bekommt. Die meisten haben sich durch diese Unterstützung schnell sehr verbessert. „Es ist eher selten, dass jemand nicht den erweiterten Realschulabschluss bekommt“, so Peter Kübler. Das liegt nicht daran, dass hier der Abschluss „gekauft“ würde, sondern daran, dass erfahrene Lehrer in kleinen Klassen unterrichten, jeden einzelnen Schüler im Auge haben können und im ständigen Kontakt mit den Erziehern stünden. Im Notfall wird Nachhilfe organisiert. Mira-Louise zum Beispiel und auch andere Schüler übernehmen solche Verantwortung.

Trotzdem kann es auch mal schief gehen. Besonders schwer haben es Kinder, die adoptiert wurden und sich dann erneut abgeschoben fühlen, wenn sie ins Internat gehen sollen. Normalerweise werden nur Kinder aufgenommen, die damit einverstanden sind, nach Varenholz zu kommen. „Wenn jemand sich total verweigert, wissen wir auch nicht, was wir tun sollen“, sagt Kübler. „Wir können dann nur hoffen, dass die insgesamt förderliche Atmosphäre mit der Zeit auch auf solche Schüler einwirkt.“

Ist es dann aber soweit, dass die Abschlusszeugnisse vergeben werden und alle dabei eine Rose und einen Erinnerungsring erhalten, „ja, da hat man dann schon mal Tränen in den Augen“, sagt Erzieherin Isabelle Schertel. „Dieses Gefühl macht einen glücklich. Es ist einfach so sinnvoll, hier zu arbeiten.“




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