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Aus der Chronik milder Winter

Winter weich, Kirchhof reich

Alle reden (wieder einmal) vom Wetter. Milde Temperaturen, grüne Felder und bunte Frühlingsblumen wollen so gar nicht zu den althergebrachten Erfahrungen und Vorstellungen von der „kalten Jahreszeit“ passen. Nach Aussage der Wetterfrösche werden wir auch in Zukunft immer weniger Eis und Schnee erleben. Der Trend gehe zu immer kürzeren und immer milderen Wintern, ist zu hören. Ursache sei die schleichende, anhand von Messdaten nachweisbare Erderwärmung. Die Folgen werden nach Einschätzung der Fachleute auch die hierzulande lebenden Leute zu spüren bekommen. In den meisten Prognosen ist von „extremen Wetterkapriolen mit dramatisch zunehmender Sturm- und Orkantätigkeit“ die Rede.

Autor:

Wilhelm Gerntrup

Blick in althergebrachte Überlieferungen

Wann, wo und wie sich das im Einzelnen abspielen wird, ist schwer zu sagen. Wissenschaftlich verwertbare globale Langzeitbeobachtungen gibt es nicht. Auch Messdaten über das heimische Wettergeschehen wurden erstmals 1906, also vor gut hundert Jahren, erhoben. Angesichts von so viel Ungewissheit lohnt vielleicht ein Blick in althergebrachte Überlieferungen und Geschichtsbücher. Die frühesten Hinweise findet man in den nach Erfindung des Buchdrucks im Laufe des 16. und 17. Jahrhunderts in beträchtlicher Zahl auf den Markt gekommenen Chroniken. Erwähnt und beschrieben werden vor allem spektakuläre und/oder wundersame, überregional wahrgenommene Erd- und Himmelserscheinungen. Eine durchgängige und sachliche Darstellung vom Wechselspiel von Sonne, Regen, Hitze und Kälte liefern erst die hierzulande seit Mitte des 19. Jahrhunderts erscheinenden Tageszeitungen. Alle Quellen belegen: „Wetter-Anomalien“ hat es zu allen Zeiten gegeben. Das gilt auch und gerade für warme und milde Winter.

„Anno 1186 war im Anfang umb das Newe Jar so schönes und warmes Wetter, daß die Bäume im Jenner (Januar) anfingen zu blühen, und im Hornung (Februar) waren die Epfel allbereit so groß, wie zimliche Welsche Nüsse“, heißt es in dem 1599 gedruckten Geschichtsbuch des Chronisten Johann Bange. „Gleicher Gestalt blühten der Wein und das Getreide auch gar zeitlich, und weil keine Kälte noch Frost darauf folget, sondern immer ein fein beständig und fruchtbares Wetter, war es der Frucht halben ein sehr gutes Jahr“. Hauptanliegen des Werks war nach Darstellung des Autors die chronologische Auflistung „von allerhand denckwürdigen Sachen, Thaten und Händeln, so sich in dero Welt anfang biß auff gegenwertige Zeit begeben und zugetragen“.

Noch ungewöhnlicher als 1186 ging es laut Bange hundert Jahre später zu. „Der letzte gelinde Winter des 13. Jahrhunderts stellte sich 1289 ein, denn in den beiden letzten Monaten dieses Jahres blühten Bäume und Rosenstöcke, und in Franken haben sich auch die Kinder auff Weihnachten in kalten Wasser-Flüssen gebadet, wie sonst im Sommer von Ihnen zu geschehen pflegt“. Besonders milde Temperaturen habe es im Elsässischen gegeben. Zu Weihnachten seien „Mädchen mit frischen Blumenkränzen ins Gotteshaus“ gekommen, und zu Januarbeginn hätten „manche Vögel gebrütet“.

Bange ist nicht der Einzige, der der Nachwelt mittelalterliche Wetter-Informationen hinterlassen hat. Noch mehr und noch ausführlichere Nachrichten über besonders „ausgefallene“ kalte Jahreszeiten kann man in einem gut 15 Jahre später erschienenen Buch seines Kollegen Johann Binhard nachlesen. Die Situation 1427/28 schildert Binhard in seiner mehrbändigen Chronik so: „Der Winter ist gar gelinde fürgefallen, und so warm gewesen, daß man umb S. Nicolaitag (6. Dezember) blawe Kornblumen im Felde und andere Blümlein in Gärten gesehen hat. An etlichen orten haben die Pfirsingbäwm geblüet, und ist in summa den ganzen Winter über gar kein Frost gewesen, daß auch kein Mensch dergleichen Winter gedencken konnte.“

Veilchen haben Kränze getragen

Ähnliche Verhältnisse wusste Binhard auch aus 1537/38 zu berichten: „Umb Martini (11. November) trat eine solche beständige Wärme ein, die wehret durch den ganzen Winter, also daß die Jungfrawen auf das neue Jahr und Heiligen Drei Königen Tag (6. Januar) von Violen (Veilchen), Kornblumen, Stiefmütterlein und anderen Blumen haben Kränze getragen.“

Auch sonst scheint es mit den „kalten Jahreszeiten“ im Laufe 16. Jahrhundert nicht weit her gewesen zu sein. 1540 konnte die Frauen den Chronisten zufolge im Januar ihre Wäsche an der Sonne trocknen. 1552 blühten am Luzientage (13. Dezember) die Rosen. Und auch 1557, 1558, 1562, 1584, 1585 und 1591 „brachten fast alle Winter keinen Schnee mit sich, doch desto mehr regnerische Tage“.

Aus heimischer Sicht besonders interessant ist das 1614 gedruckte „Chronicon der Grafen von Holstein-Schaumburg“ des Theologen und Historikers Cyriacus Spangenberg (1528-1604). Der größte Teil des Werks ist – dem Auftrag entsprechend – dem Leben und Wirken der „Hochgebornen Uhralten Graffen Zü Holstein Schaümbürgk, Sternberg und Gehmen“ gewidmet. Darüber hinaus hat der Verfasser jedoch auch – genauso wie seine Zeitgenossen Bange und Binhard – eine ganze Menge wetterkundlicher Informationen einfließen lassen. So erfahren wir unter anderem, dass die hiesige Region vor gut 500 Jahren von einem Erdbeben heimgesucht wurde. „Anno 1496 war im Stifft Minden und in der benachbarschafft herumb am Tage Laurentij gleich im Mittage ein sehr grawsames schreckliches Wetter von Donner und Blitzen, Hagel und Regen und darunter zugleich auch ein Erdbidem bey einer Stunden lang geschwinde, das auch etzliche Heuser und Beume umbfallen.“

Im März zeigte das Thermometer 27 Grad

Aus einem 1912 in der Landes-Zeitung abgedruckten Beitrag mit dem Titel „Aus der Chronik milder Winter“ wird deutlich, dass es auch in der jüngeren Vergangenheit immer wieder Wetterkapriolen gegeben hat. „Im Jahre 1815 folgte auf einen milden Winter ein außergewöhnlich warmer Lenz, denn schon im März zeigte das Thermometer 27 Grad“, ist zu lesen. Auch vier Jahre später sei das winterliche Wetter „sehr gelinde“ gewesen, „so daß im Januar sogar Schnitter in manchen Gegenden Deutschlands (bei der Grasmahd) beobachtet wurden“. Und ähnliche Verhältnisse habe es 1834, 1841, 1849, 1855, 1860 und 1890 gegeben, war zu lesen.

Pestilenzisch Sterben im Gefolge

Offenbar haben hohe Temperaturen während der so genannten „kalten Jahreszeit“ den Menschen nicht nur Entlastung gebracht. In nahezu allen historischen Unterlagen findet sich der Hinweis, dass warme Winter ein böses Ende genommen hätten. „807 erfreute man sich in ganz Deutschland eines weichen und warmen Winters, der jedoch ein mörderisches Pestilenzisch Sterben im Gefolge hatte, das gewaltig unter der geängstigten Menschheit aufräumte“, ist in der Bange-Chronik zu lesen. Ähnlich sei es 1514/15 gewesen, „denn wenn der Januar viel Regen bringt, dann werden die Gottesäcker gedüngt“. Auch zwei Jahre später habe man „in fast allen Teilen Deutschlands die gleiche Erfahrung“ gemacht. Es sei „den ganzen Jänner über so schön Wetter gewesen, als es je nach Ostern sein können, darüber aber das Sterben nicht ab-, sondern mehr zugenommen hat“. Auch aus den Zeitungsberichten wird deutlich, dass „Tiere und Menschen nicht gerade von schlaffen Wintern erbaut“ waren. „Weiche Winter und Sommerflüsse bringen Armut“, heiße es in Rußland, „und eine deutsche Wetterregel reimt kurz und bündig: Winter weich, Kirchhof reich“.




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