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Auf der Suche nach dem kleinsten Weingarten in der Hauptstadt Österreichs

Wien und das Versteck des „Gemischten Satzes“

Wien. Wie an jedem späten Nachmittag wälzt sich der Menschenstrom achtlos an ihm vorbei. Morgens schlängeln sich die Besucher zum Haupteingang des Schlosses Schönbrunn, abends ist die Gegenrichtung eine gefühlte Einbahnstraße. Mittlerweile balanciert die Sonne knapp über dem Horizont, goldfarbene Strahlen erreichen nur noch die Spitzen der Rosensträucher, hinter denen er sich versteckt. Die Kastanienallee signalisiert das Ende des Sommers und dann – endlich – werden sie ihm Beachtung schenken. Denn in diesem Herbst kommen die Winzer zur ersten Lese in den kleinsten Weingarten Wiens direkt vor dem berühmten Schloss Schönbrunn.

Autor:

Brigitte Bonder

Nur wenige Reihen mit Rebstöcken haben die fünf Winzer der Kooperation WienWein vor der meistbesuchten Sehenswürdigkeit der österreichischen Hauptstadt angelegt. Zwischen Haupteingang und U-Bahn-Station leuchten die Trauben des mittlerweile salonfähigen „Wiener Gemischten Satz“. Wie im Mittelalter üblich wurden hier vor drei Jahren verschiedene Rebsorten angepflanzt, Grüner Veltliner, Riesling und Burgunder werden in diesem Jahr das erste Mal gemeinsam geerntet.

Heute lassen fünf Winzer die alte Tradition aus Überzeugung aufleben. „Der Wiener Gemischte Satz ist heuer der wichtigste Weißwein Wiens“, schwärmt Rainer Christ. Der 37-Jährige übernahm vor mehr als zehn Jahren das Weingut seines Vaters am Bisamberg und verkauft heute über 120 000 Flaschen Wiener Wein bis nach New York. Gelegentlich arbeitet er im winzigen Weinberg am Schloss Schönbrunn. „An der Orangerie im Park gibt es noch mehr Trauben.“

Der Weinbau hat Tradition in der österreichischen Hauptstadt. Schon die Römer kultivierten die Reben innerhalb der Stadtmauern, im Mittelalter lag der Pro-Kopf-Verbrauch bei einem Liter pro Tag. „Aber das war eher ein saurer Heckenkletscher“ – Lisa Zeiler verzieht das Gesicht. Die Fremdenführerin hat sich auf Kulinarik spezialisiert und kennt die Hintergründe. „Der Wein war im Vergleich zum verunreinigten Wasser die gesündere Alternative.“ Noch bis in die 1980er Jahre wurde Masse produziert, nach dem Glykol-Skandal stand die Qualität des Rebsaftes im Vordergrund. „Heute ist es ’in‘, Wiener Wein zu trinken“, weiß Nikolaus Gräser von Wientourismus, der selbst die Pfeffrigkeit des Grünen Veltliners schätzt. Viele Weinflächen wurden rekultiviert, die Hausberge der Stadt sind nahezu ausgebucht. Mehr als 700 Hektar werden von über 230 Winzern am Kahlenberg, Bisamberg und Nussberg bewirtschaftet. Damit produziert Wien als einzige Hauptstadt weltweit Wein in nennenswerter Menge.

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Mehr als nur nett ist das Bukett: Weinprobe beim jungen Winzer Rainer Christ (rechts) in seiner Design-Verkostungslounge in Jehdersdorf

Traditionell wird der Wiener Wein beim Heurigen getrunken. Das Buschenschankrecht aus dem 18. Jahrhundert erlaubt es Winzern, Wein aus eigener Erzeugung auszuschenken. Während die „Touristenheurigen“ das ganze Jahr über geöffnet sind, weisen Föhrenbuschen und „Ausg’steckt“-Tafeln auf echte, gelegentlich offene Wiener Heurigenlokale hin. Die Betreiber sprechen sich ab. „Schon seit den 1950er Jahren schenken wir in den ungeraden Monaten aus“, erzählt Rainer Christ. Dann bietet er eigenen Wein und typische Schmankerl vom Buffet, gelegentlich gibt es klassische Heurigenmusik.

Wiener Wein ist überall in der Stadt zu finden. Die beliebte Kette Wein&Co. vertreibt eine große Auswahl an Rebsäften zum Mitnehmen, auch die urigen Wiener Beisl haben neben Schnitzel den „Gemischten Satz“ auf der Karte. „Sogar im Nordturm des Stephansdoms wurde der Kalk mit Wein abgelöscht“, weiß Lisa Zeiler. Die Wienerin kennt die kleinen Weinberge der Stadt und spaziert weiter zum Schwarzenbergplatz am Schloss Belvedere. Unscheinbar hinter einem Mäuerchen direkt an der Tramstation versteckt sich ein winziger Weingarten mit 60 Rebstöcken. Jedes Jahr ist es ein großes Ereignis, wenn der Bürgermeister die Trauben erntet. Es sind immer genügend da, denn genau wie am Schloss Schönbrunn eilen die Touristen an der schnörkeligen Mauer vorbei. Morgens Richtung Schloss Belvedere und abends wieder zurück. Der kleine Weingarten hat sich gut versteckt.

Mehr Informationen über Wien gibt es bei WienTourismus, Albertinaplatz / Maysedergasse, 1010 Wien, Mail: info@wien.info

Internet: www.wien.info

Umfangreiche Tipps zu Sehenswürdigkeiten und lokalen Spezialitäten Wiens gibt es zu lesen im Dumont Reise-Taschenbuch Wien, Verlag: MAIRDUMONT, 16,99 Euro

Mehr zur Kooperation WienWein, Stammersdorfer Straße 80, 1210 Wien, +43 1 290 10 12 per Mail: welcome@wienwein.at oder im Internet unter www.wienwein.at

Über die Dächer Wiens schweift der Blick vom beliebten Stephansdom bis zu den Weinbergen der Stadt.




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