×

„Wie soll der Rest der Belegschaft das bloß schaffen?“

Landkreis (crs). Ihre Angst, ihre Verunsicherung und ihren teils lautstarken Unmut haben die Bediensteten der Kreiskrankenhäuser am Mittwochnachmittag ins Kreishaus getragen. Im Vorfeld eines internen Gesprächs zum Personalentwicklungs- und Sanierungskonzept zwischen Pro Diako, Landkreis und Personalrat forderten rund 200 Mitarbeiter nachdrücklich konkrete Zahlen zum geplanten Stellenabbau im Zuge der Fusion – vor allem die Mitarbeiter mit befristeten Arbeitsverträgen bangen schon jetzt um ihren Job. Mit den erhofften Details allerdings wollte die Pro-Diako-Geschäftsführung auch nach der Sitzung nicht dienen: Bei einem erneuten Zusammentreffen in spätestens zwei Wochen soll der Personalrat näher informiert werden.

Der Druck der Krankenhaus-Mitarbeiter wächst. Dabei ist am Mittwoch insbesondere Christian von der Becke mächtig unter Beschuss geraten, der sich dem Gespräch mit den Bediensteten stellte. „Das ist klasse, was Sie hier machen, super“, zeigte sich der Geschäftsführer der „Krankenhaus Projektgesellschaft Schaumburger Land mbH“ zu Beginn noch beeindruckt vom Engagement der Krankenhaus-Mitarbeiter.

Die aber sparten in aufgeheizter Atmosphäre nicht mit heftiger Kritik, an erster Stelle zur künftigen Personalsituation. „Wir wollen eine vernünftige Patientenversorgung sicherstellen“, sagte etwa Siegfried Knitter, Personalratschef im Kreiskrankenhaus Rinteln. „Wie das aber gehen soll, wenn die Verträge auslaufen – das weiß ich nicht.“ Schon jetzt hätten beide Krankenhäuser Probleme, ihre Dienstpläne zu schreiben – in Rinteln hätten sich gut 2000 Überstunden angehäuft, in Stadthagen gar 5000. Knitter befürchtete: „Der Personalabbau beginnt, ohne dass ein Konzept dahinter steht.“

„Bei mir liegen Menschen, die werden nicht gut versorgt, und ich gehe nach Hause und heule“, schilderte Krankenschwester Andrea Drosdek den Pflegealltag auf der Station 1 im Kreiskrankenhaus Stadthagen. Und verlieh ihrer Sorge Ausdruck, dass die befristeten Arbeitsverträge etlicher Mitarbeiter nicht verlängert würden: „Wie soll der Rest der Belegschaft das dann bloß schaffen?“

Auch Björn Müller von der OP-Abteilung im Kreiskrankenhaus Stadthagen befürchtete, bei nicht verlängerten Zeitverträgen keine sichere Pflege mehr gewährleisten zu können: „Ich jedenfalls möchte dann kein Patient in unserem Krankenhaus sein!“

Als von der Becke erwiderte, es gehe aktuell nicht allein um Personalabbau, sondern auch darum, zum Beispiel Pflegepersonal aufzustocken („eine halbe Kraft im Katheter-Labor“), da erntete er allein spöttisches Lachen von den versammelten Mitarbeitern. Und verteidigte doch tapfer seine Position: „Wir können uns nicht davor drücken, Defizite abzubauen.“

Nach der emotional aufgewühlten Atmosphäre im Vorfeld verlief die beinahe vierstündige Sitzung deutlich ruhiger: Beide Seiten sprachen im Anschluss von einer insgesamt sachlichen Auseinandersetzung – bei naturgemäß gegensätzlichen Standpunkten. Viel Neues allerdings ist dabei unterm Strich nicht herausgekommen. Die wohl interessanteste Erkenntnis: Offenbar gibt es höhere Einsparpotenziale als bislang angenommen. Wobei Gesamtpersonalratschefin Gabriele Walz befürchtete, „dass auch das wieder zu Lasten der Mitarbeiter geht“. Sie kritisierte: „Outsourcing, Outsourcing, Outsourcing – viel anderes haben wir nicht gehört.“

Um die Mitarbeitervertreter detaillierter zu informieren, ist ein erneuter Termin in spätestens zwei Wochen angesetzt. Dann soll der konkrete Weg vom Ist-Zustand über die notwendige Übergangssituation bis zum Zielklinikum vorgestellt werden.

Pro-Diako-Geschäftsführer Claus Eppmann und Landrat Heinz-Gerhard Schöttelndreier sehen eine „realistische Möglichkeit“, betriebsbedingte Kündigungen auf ein Minimum zu reduzieren – so könnte zum Beispiel beim Outsourcing bestimmter Bereiche eine Klausel zur Mitarbeiter-Übernahme vereinbart werden. Und sollten Ressourcen im aktuell nur zu 75 Prozent ausgelasteten Rintelner Haus frei werden, könnten die Stellen ins „exzellent ausgelastete“ Krankenhaus Stadthagen verlagert werden. Im Übrigen werde jeder befristete Arbeitsvertrag im Einzelfall geprüft, wie es auch bislang schon Praxis sei, sagte Eppmann: „Wir brauchen die Mitarbeiter, um die Patienten zu versorgen.“

Unterdessen hat auch die Stiftung Bethel die Pläne für ein gemeinsames Schaumburger Klinikum abgesegnet. Die Zustimmung aus Bückeburg hatte sich wegen Unklarheiten bei den wechselseitigen Beteiligungsverhältnissen verzögert (wir berichteten) – insbesondere die Berechnung der sogenannten Werthaltigkeit der Beteiligungen durch die Wirtschaftsprüfer hatte länger gedauert als erwartet. Jetzt liegt das Ergebnis vor: Die Stiftung Bethel erhält mehr als 20 Prozent an Pro Diako, umgekehrt hält Pro Diako 70 Prozent des Stammkapitals der „Bethel gGmbh“. Mit großer Mehrheit hat der zwölfköpfige Vorstand der Stiftung Bethel in seiner Sitzung am Dienstag diesem Gesamtkonzept zugestimmt. „Ausgesprochen erfreut“ ist Eppmann über dieses Resultat, das die Einhaltung des Zeitplans gewährleistet: „Wie geplant können wir am 8. Juni den Vertrag beim Notar unterschreiben“, sagt Schöttelndreier.

Zu kleineren Verzögerungen kommt es gleichwohl: Einige Workshops, die mit der Mitarbeiterseite verabredet waren, mussten um vier bis sechs Wochen verschoben werden. Denn hierfür ist auch die Bückeburger Beteiligung notwendig – obwohl der Fokus naturgemäß eher auf den Häusern mit Defizit liegen wird.

Aufgeheizte Atmosphäre: Christian von der Becke (l.) im Gespräch mit Krankenhaus-Bediensteten. Vor allem die Mitarbeiter mit befristeten Verträgen bangen um ihren Arbeitsplatz – die Schilder um ihren Hals zeigen, wann ihr Vertrag endet.




Anzeige
Weiterführende Artikel
    Anzeige
    Kontakt
    Redaktion
    Telefon: 05041 - 78932
    E-Mail: redaktion@ndz.de
    Anzeigen
    Telefon: 05041 - 78910
    Geschäftsanzeigen: Anzeigenberater
    Abo-Service
    Telefon: 05041 - 78921
    E-Mail: vertrieb@ndz.de
    Abo-Angebote: Aboshop

    Keine Zeitung bekommen? Hier zur Zustell-Reklamation.
    X
    Kontakt