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Wie sich vier Freunde in Hachmühlen ein Refugium bauten

HACHMÜHLEN. Vier Jungs, eine Clique. Und wie es sich Mitte der 1970er- Jahre noch gehörte, brauchte eine Clique auch einen Rückzugsort, das Treffen auch fernab elterlicher Kontrolle ermöglichte. Für Oliver Herrmann und seine Freunde Mathias Alpers, Klaus Döring und Bernhard Fischer war das viele Jahre lang „die Hütte“.

Viel Handarbeit steckte in der „Hütte“, die die vier Jugendlichen zusammennagelten, das Dach verlängerten und eine Terrasse anbauten – Oliver Herrmann erinnert sich heute noch gerne daran zurück. fotos: Rathmann/Herrmann
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Jens Rathmann Redakteur zur Autorenseite

„Das war unter anderem die Mofa-Zeit, aber die begann eigentlich schon ohne Mofa“, erinnert sich Herrmann schmunzelnd zurück. „Irgendwann so um 1975 muss das gewesen sein. Wir waren da so 12 oder 13 Jahre alt“, sagt der Hachmühler. Wann immer sich die vier Freunde draußen aufhielten – also fast immer –, wurden Buden gebaut. Und dass Werner Alpers, der Vater von Mathias und Onkel von Oliver Hermann, am Ortsrand von Hachmühlen ein großes Areal samt Kiesgrube sein eigen nannte, machte die Sache einfacher. „Das war im Prinzip wie ein riesengroßer Abenteuerspielplatz für uns. Wir waren in den Ferien von morgens bis abends draußen, und in der Schulzeit auf jeden Fall nachmittags“, erinnert sich Herrmann. Viel Zeit auch für größere Projekte, und eines entwickelten die vier Freunde kontinuierlich weiter: Ein eigenes Domizil musste her. Schön solide, ebenso, dass auch darin übernachtet werden konnte. „Onkel Werner“ gab grünes Licht, und die Jungs organisierten sich eine Hütte – eine Zuwendung von einem damals ortsansässigen Bauunternehmen –, wie sie zur damaligen Zeit zur Lagerung von Baumaterialien verwendet wurde. „Wir haben sie zusammengenagelt, das Dach verlängert, eine Terrasse angebaut, fertig war unsere Hütte. Und einen Fahnenmast gab es auch“, erinnert sich Herrmann an die Anfänge. Der Weg zur Hütte wurde befestigt, ein Fahrradständer entstand – jede Menge Arbeit für die vier Jugendlichen. Dass später keiner der vier Akteure einen Bau-Beruf ergriff, verwundert noch heute – als Steuerberater, Kfz-Betriebswirt, Physiker und IT-Architekt arbeiteten die Jugendfreunde später.

In der Hütte hatte jeder eine eigene Koje, an den Wochenenden und in den Ferien wurde darin auch übernachtet. Lange Abende am Lagerfeuer mit Stockbrot und Würstchen gehörten selbstverständlich dazu. Als dann die ersten Mofas die Mobilität erhöhten, wurden „Ham-Pom-Feten“ gefeiert. „Einer wurde ausgeguckt, der dann aus Bad Münder Hamburger und Pommes holen musste.“

Beim Blick zurück ist Herrmann ein „Abenteuer“ der vier Freunde in besonderer Erinnerung. Während einer großen Nato-Übung überließen sie ihre Hütte britischen Offizieren als Quartier. Als Dank gab’s Schokolade und auch ein T-Shirt. „Hell on Wheels steht auf meinem, ich hab’s noch heute“, lacht Herrmann. Damals ließen sich die Jungen von den Kriegsspielen der Erwachsenen anstecken. Holzgewehre vor der Brust robbten sie sich durch einen Graben an britische Soldaten heran, die am Katzberg während einer Übung Posten bezogen hatten. „Eigentlich total beknackt, wenn man heute drüber nachdenkt. Aber wir waren Jungs“, sagt Herrmann. Es kam, wie es kommen musste: Die Briten, die auf einen Überfall einer anderen Einheit vorbereitet waren, reagierten professionell: „Sie kamen mit sieben Mann, die Knarren im Anschlag. Dann hieß es ‚Stand up‘ und ‚Put your guns away‘ und dann haben die uns da mit erhobenen Händen abgeführt.“ Für die Jungs ein einschneidendes Erlebnis, auch wenn die Briten sie schnell wieder laufen ließen.

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Mit der Hütte waren aber auch erste Erfahrungen der vier Freunde mit der Bürokratie verbunden. Als um 1980 das Schützenhaus in Hachmühlen in der Nähe der Hütte gebaut wurde, fiel einem eifrigen Mitarbeiter der Baubehörde des Landkreises Hameln-Pyrmont auf, dass das Domizil der Jungs etwas zu groß war, um ohne Baugenehmigung stehen zu dürfen. Er nahm sich dieses Verstoßes an und erreichte, dass die amtliche Abrissverfügung des Landkreises folgte. Des einen Freud, der anderen Leid: Die vier Freunde mussten ihre „Hütte“ selbst demontieren. „Das war bitter“, erinnert sich Herrmann. Schließlich hatten sie sich dem Bau immer sehr verbunden gefühlt. „Wenn es zuhause Zimmer aufräumen hieß, war das eine Katastrophe. Aber in der Hütte war sich keiner zu schade, eben mal den Besen zu nehmen und durchzufegen.“

Nach dem Abriss sorgten die Freunde für Ersatz – ein Bauwagen rückte an die Stelle der Holzhütte, jederzeit zu bewegen – dafür bedurfte es keiner Baugenehmigung – und mit einem Ofen ausgestattet, der auch im Winter wohlige Wärme garantierte. „Dieser Bauwagen wurde später auch als Jugendtreff in Hachmühlen genutzt. Für uns vier Gründer verlagerten sich die Interessen.“ Insbesondere Berufsausbildung, Studium und private Verbindungen kamen für die vier Freunde hinzu. Damit verlor der Bauwagen seine Bedeutung; er wird aber allen vier Gründern immer in positiver Erinnerung bleiben.


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