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Vor 70 Jahren wurde die Nordwestdeutsche Philharmonie gegründet / Dr. Walter Stöver führte Musiker-Elite zusammen

Wie Pyrmont Sitz bedeutender Orchester wurde

Autor:

Titus Malms
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So ist zunächst daran zu erinnern, dass bei den Musikfesten, die 1930 und 1931 von der deutschen Sektion der „Internationalen Gesellschaft für Neue Musik“ in Pyrmont veranstaltet wurden, unter anderen Walter Stöver die Dresdner Philharmoniker dirigierte.

Die Zeitungen im ganzen Reich berichteten darüber, der berühmte Kritiker Alfred Einstein schrieb für das Berliner Tageblatt: „Wir sitzen erwartungsvoll in dem schönen, hellen, modernen Pyrmonter Konzerthaus und denken beim Warten, wie froh wir wären, wenn wir einen solchen Raum in Berlin hätten.“ Obwohl Stöver glänzende Kritiken, unter anderem auch vom „Völkischen Beobachter“, bekam, wurde er aber dennoch Ende 1933 vom Nazi-Bürgermeister als „Freimaurer und Kulturbolschewist“ geächtet und verlor für zehn Jahre seine Pyrmonter Stellung. Nach dem Krieg bescherte ihm das Schicksal eine Rolle, die bisher hier noch niemand – auch er selbst in seinen Erinnerungen nicht – mit seinen verblüffenden Facetten vollständig beschrieben hat. Denn ausgerechnet er führte die Musiker-Elite des Dritten Reiches wieder unter seiner Stabführung zusammen. Hier sollen einmal diese bisher unbeachteten Fakten kurz dargestellt werden.

Im Jahr 1942 kündigten sich im von Hitler enteigneten Augustiner Chorherrenstift St. Florian bei Linz große Veränderungen an. Vom Reichsintendanten des Großdeutschen Rundfunks, Dr. Heinrich Glasmeier, erging ein Aufruf an die besten Musiker Deutschlands: „Das Bruckner-Stift St. Florian des Großdeutschen Rundfunks soll der Sitz eines Spitzenorchesters werden. Der Führer hat diesem Plan seine Zustimmung gegeben. Im Auftrage des Herrn Reichsministers [Goebbels] stelle ich aus den ersten Kräften der Orchester des Rundfunks und der Philharmonien den Florianer Klangkörper zusammen. Er wird am 1. April 1943 in Linz an der Donau zusammentreten. Zunächst wird das Bruckner-Orchester durch einen Dirigenten allerersten Ranges ein ganzes Jahr lang geschult, um am Geburtstag des Führers 1944 zum ersten Male vor die Öffentlichkeit zu treten.“

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Foto: Archiv Titus Malms

Das in seinem Heimatgau angesiedelte und von ihm so benannte „Linzer Reichs-Bruckner-Orchester“ sollte als „Orchester des Führers“ das beste des Großdeutschen Rei-ches werden und zusammen mit dem unter Thomaskantor Günter Ramin gegründeten „Bruckner-Chor St. Florian“ das „Musikwerk des Groß-deutschen Rundfunks“ in Linz bilden. Nach dem „Endsieg“ sollte es als Zentrum eines gesamteuropäischen Rundfunks den deutschen kulturellen Führungsanspruch repräsentieren.

Im April 1943 waren die aus ganz Deutschland rekrutierten Musiker am Bruckner Sarkophag bei Fackelschein feierlich vereidigt worden, und es kam zunächst zu lokalen Aufführungen des Orchesters unter ihrem Chefdirigenten Georg Ludwig Jochum. Ab 1944 widmete man sich ganz der Aufgabe, das symphonische Programm des Großdeutschen Rund-

funks auf höchstem Niveau zu gestalten. Umjubelte berühmte Gastdirigenten waren Wilhelm Furtwängler, Herbert von Karajan, Karl Böhm, Hans Knappertsbusch, Joseph Keilberth und Carl Schuricht. Noch am 1. 4. 1945 ging das 28. und letzte derartige Funk-Konzert über den Sender.

Die amerikanische Besatzungsmacht löste dieses Or-chester dann sofort auf. Viele Mitglieder des Bruckner-Chors verschlug es nach Stuttgart, die dort das neue Vokal-ensemble des Südwestrund-funks bildeten. Der Dirigent Eugen Jochum, der ältere Bruder von Georg Ludwig, und der Brite Jack Bornoff haben zum Aufbau des NWDR-Orchesters dann einige Musiker von Linz nach Hamburg geholt. Zugleich kam es auch zu einem Exodus von 25 Linzer Musikern, der sie nicht zufällig ausgerechnet nach Bad Pyrmont führte! Als sei es die natürlichste Sache der Welt, dass die bislang zu Repräsentanten der deutschen Musikkultur in Europa ausersehenen Tonkünstler nun ersatzweise in einem Kurort aufspielen.

Und als wäre das ganz selbstverständlich, trafen hier noch mehrere Musiker eines gleichfalls singulären Spitzen-Orchesters des „Großdeutschen Reiches“ ein. Auf Anordnung von Minister Goebbels war 1939 unter Joseph Keilberth die „Deutsche Philharmonie“ in Prag gegründet worden, deren Mitglieder sich 1945 nämlich gleichfalls als Flüchtlinge nach einer neuen Heimat umsehen mussten, die sie zumeist als „Bamberger Symphoniker“ in Bamberg, aber eben auch hierzulande fanden. Redlicherweise muss man anmerken, dass alle diese Musiker ihre Positionen nicht etwa als Parteigenossen, sondern erst nach einem strengen künstlerischen Ausleseverfahren bekommen hatten.

Im Haus „Niedersachsen“ logierten bei Stöver seinerzeit einige Mitglieder des Linzer Orchesters, und es liegt nahe, dass er, der zum Beispiel auch Eugen Jochum und Günter Ramin kannte, eine Kontaktstelle zu Musikern des Reichs-Bruckner-Orchesters gewesen ist. Deren ursprüngliche Vorstellung, in Detmold und dann in Bad Pyrmont wieder ein neues Bruckner-Orchester zusammenzustellen, soweit seine ehemaligen Mitglieder erreichbar und gewillt waren, in das Orchester einzutreten, konnte nicht realisiert werden. „Um die Tradition Pyrmonts als Musik- und Festspielstadt fortzusetzen“, wurde im Herbst 1946 aber die „Nordwestdeutsche Philharmonie“ als „e. V.“ gegründet. Der stellvertretende Bürgermeister Christian Zetzsche wurde Vorsitzender des Vorstands mit Stadtdirektor Dr. Schulze, Architekt Heinrich Mogk, Kurdirektor Stoltze und Generalmusikdirektor Walter Stöver, der Namensgeber und bis 1950 Chefdirigent war. Bis auf Schulze kannten sich alle unter anderem auch als Freimaurer.

Es ist schon eine ganz besondere Pointe, dass Stöver, der am Anfang unter braunem Druck seine Pyrmonter Positi-on räumen musste, am Ende mit den etwa 45 herausragenden Musikern aus Linz und Prag etwas Neues aus der künstlerischen Konkursmasse des Dritten Reiches ins Leben rief. Bereits 1946 rühmten die „Hannoverschen Neuesten Nachrichten“, Stöver dirigiere mit ruhiger Überlegenheit. Hervorgehoben wurde „die weiche Fülle der singenden Holzbläser und eine Elastizität und Wärme des Geigentons, der in den Orchestern des deutschen Nordens selten ist“.

Nach der Währungsreform lehnte die Landesregierung in Hannover jegliche Unterstützung des Orchesters ab. Zetzsche und der Stadtdirektor von Paderborn verhandelten daher mit Regierungspräsident Dra-ke in Detmold und Kultusministerin Teusch in Düsseldorf und boten es dem Land NRW an. Das griff 1950 zu. So wurde Herford neuer Sitz dieser „Städtebund-Symphoniker“. 1951 gestattete der Pyrmonter Verein, dieses Orchester dürfe weiter den Namen „Nordwestdeutsche Philharmonie“ führen. Leider hat sie auf ihrer Internetseite diese Vorgeschichte arg amputiert. 1950 (!) gilt als Gründungsjahr und der eigene erste Generalmusikdirektor und verantwortliche Taufpate wird nicht einmal erwähnt! Die Herkunft von den vormals staatstragenden Klangkörpern aus Linz und Prag wird auf ein sogenanntes „Bruckner-Orchester St. Florian“ reduziert. Doch auch in Pyrmont war es (zum Beispiel in der Chronik) bislang nicht opportun, diese Ursprünge zu beschreiben. Es ist gleichwohl hohe Zeit, die frappanten und unbenannten Zusammenhänge der Geschichte vollständig und angemessen darzustellen.

Kriegsbedingt hatten in der Badestadt auch die Reste des „Niedersächsischen Sinfonieorchesters“ Unterschlupf gefunden, das Otto Ebel von Sosen 1929 in Hannover gegründet hatte. Er wurde 1948 der Pyrmonter Veranstaltungsleiter und hegte leider schon deshalb eine Abneigung gegen Stöver, weil der „sein“ Orchester in Pyrmont bereits ab 1943 geleitet und sofort nach Kriegsende wieder zu einem konzertreifen und überregional sehr erfolgreichen Klangkörper geformt hatte. Dieses Orchester ging dann natürlich 1948 wieder zurück an den neu gegründeten Sender in Hannover, blieb aber jeweils in der Saison bis 1955 ständig und bis 1964 noch gelegentlich unter Stövers Stabführung dem Staatsbad mit ganz herausragenden Sinfoniekonzerten verbunden. Aus diesem Orchester ging die heutige „NDR Radiophilharmonie“ hervor. So hat das Musikbad Pyrmont einen unverzichtbaren Anteil an der Geschichte von zwei bedeutenden Sinfonieorchestern.

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