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Wie im Spiel: 36-Jährige speckt 70 Kilo ab

Wer in der Fastenzeit vor Ostern auf Süßigkeiten, Fett und alkoholische Getränke verzichtet, hat dabei oft nicht nur eine Art seelischer Reinigung im Sinn, sondern das ganz konkrete Ziel, ein paar Winterpfunde abzuspecken. Menschen wie Sandra Weinreich (36) aus Eisbergen aber wäre nichts damit geholfen gewesen, lediglich drei, vier Kilo weniger auf die Waage zu bringen. Die 1,67 Meter große Frau wog bis vor etwa anderthalb Jahren an die 150 Kilo. Was beinahe unglaublich scheint: Es gelang ihr tatsächlich, fast 70 Kilo abzunehmen.

Autor:

Cornelia Kurth

Wer in der Fastenzeit vor Ostern auf Süßigkeiten, Fett und alkoholische Getränke verzichtet, hat dabei oft nicht nur eine Art seelischer Reinigung im Sinn, sondern das ganz konkrete Ziel, ein paar Winterpfunde abzuspecken. Menschen wie Sandra Weinreich (36) aus Eisbergen aber wäre nichts damit geholfen gewesen, lediglich drei, vier Kilo weniger auf die Waage zu bringen. Die 1,67 Meter große Frau wog bis vor etwa anderthalb Jahren an die 150 Kilo. Was beinahe unglaublich scheint: Es gelang ihr tatsächlich, fast 70 Kilo abzunehmen. „O ja, einige Bekannte, die mich ein Jahr nicht gesehen hatten, erkannten plötzlich nur noch meinen Mann“, sagt sie. „Manchmal kann ich es selbst noch gar nicht fassen, dass ich jetzt nahe am Normalgewicht bin.“

Schon als kleines Mädchen galt Sandra Weinreich als „kräftig“. Wenn sie etwas hasste, dann das Geräteturnen im Schulsportunterricht. „Mannschaftssport wie Volleyball oder Handball, das machte mir sogar Spaß“, erzählt sie. „Aber Reck, Barren, Sprungbrett, das war eine Tortur. Ach, und Bodenturnen – ich wusste immer, dass ich mich dabei vor den anderen zum Clown mache.“ Im Nachhinein allerdings war die Schulzeit, was das Körpergewicht betraf, noch eher harmlos. „Richtig zugenommen habe ich, als meine Lehre zur Einkaufsassistentin begann. Ich fuhr mit dem Auto zur Arbeit, saß im Büro, machte gar keinen Sport mehr und aß immer so zwischendurch, wie es sich ergab.“

Schnell wog sie weit über 100 Kilo und wie von selbst wurde sie immer dicker. „Eigentlich war das gar nicht so schlimm“, meint sie. „Meine Freunde akzeptierten mich und auch mein Mann hat mich ja so kennengelernt. Ich sagte mir einfach: ,Ich bin eben zehn Zentimeter zu klein, was soll’s.‘“

Dass sie sich im Café immer erst umsah, ob es da Stühle ohne Armlehne gab – „in andere passte ich ja gar nicht rein“ – oder dass sie im Freizeitpark die meisten Fahrgeschäfte nicht nutzen konnte, weil man da nicht schwerer als 120 Kilo sein darf, solche Alltags-Behinderungen verdrängte sie ebenso wie das blöde Gefühl, in Bus oder Zug den Platz für zwei einzunehmen oder spöttische Blicke auf sich zu ziehen, wenn sie sich ein großes Eis mit Sahne in der Eisdiele holte. „Doch irgendwann begannen die körperlichen Probleme.“

Die Puste kann einem schon ausgehen, wenn man 150 Kilo Eigengewicht drei Stockwerke hochschleppen muss. Die Knie tun fast immer weh, der Blutdruck steigt bei jeder Bewegung, man kauft nur noch Schuhe ohne Schnürsenkel, weil das Herunterbücken so anstrengend ist – und überhaupt werden auch kleine Betätigungen zum Kraftakt. Ihr wurde klar, dass etwas geschehen musste.

So begann für Sandra Weinreich die Zeit der unzähligen Diäten. „Und da brauche ich eigentlich nur ein Stichwort zu nennen“, sagt sie. „Jo-Jo-Effekt!“

Zuerst versuchte sie es mit dem berühmten „FdH“, also „Friss die Hälfte“, dazu möglichst viel Fahrradfahren. Die ersten zehn Kilo verschwanden schnell. „Aber ich hatte den ganzen Tag Hunger, ich dachte nur ans Essen.“ Noch während sie Diät hielt, spürte sie, dass sie die Sache niemals durchhalten würde. „Der Sport bei Brot und Apfel, das machte mich fertig.“ Schleichend nahm sie wieder zu und wog nachher noch ein paar Kilo mehr als zuvor.

Bei allen anderen Diätformen, die sie durchprobierte, erging es ihr nicht anders. Ob Trennkost, Low Carb, Brigitte-Diät mit Kalorienzählen – anfänglicher Euphorie folgte die niederschmetternde Erkenntnis, dass vielleicht alles für immer so bleiben würde, wie es war. Die Kalorienzählerei lag ihr einfach nicht. „Wenn ich nur daran dachte, habe ich gleich zwei Kilo zugenommen!“ Keine Nudeln mehr, keine Kartoffeln, nicht nach 17 Uhr essen, nicht mehr mit Freunden ins Restaurant gehen. „Ich wusste ja, dass ich mein gesamtes Leben ändern müsste. Aber ich bin nun mal nicht der Typ, der abends hungrig ins Bett geht. Im Grunde war ich total ratlos.“

Sie lacht übrigens viel, während sie ihre Geschichte erzählt, und wirkt überhaupt sehr entspannt. Der schöne Teil kommt ja noch, nämlich der Bericht darüber, wie sie endlich eine Art der Diät entdeckte, die ihrem Typ entgegenkam. Sie raffte sich noch einmal auf und ging – durchaus mit Vorbehalten – zu einem Treffen der Weight Watchers. „Ich esse zum Beispiel so gerne Mettwurst, und niemand kann mir das verbieten! Wenn die dort wieder gesagt hätten: ,Das und das darfst du nicht‘ – ich wäre gleich umgekehrt.“

Die Weight Watchers arbeiten allerdings nicht mit Verboten. Die besondere Methode, das Abnehmen zu erleichtern, besteht darin, jedem Lebensmittel eine bestimmte Punktzahl zuzuordnen. Je nach Körpergröße, Gewicht und Lebensalter darf man innerhalb einer Woche eine festgelegte Menge an „Points“ verbrauchen. Obst, Gemüse, mageres Fleisch und Fisch zählen viel weniger als Süßigkeiten oder kalorien- und fetthaltige Nahrungsmittel. „Was meine Mettwurst betrifft, so habe ich eben die Wahl zwischen einer Scheibe Wurst oder vier Scheiben magerem Schinken. Erstaunlich, wie gut unter solchen Bedingungen auch Schinken schmecken kann.“

Sandra Weinreich kam die Weight-Watchers-Methode fast wie ein Spiel vor. Es machte ihr Spaß abzuwägen, ob sie jetzt wirklich lieber einen Riegel Schokolade essen will, statt sich eine richtige Mahlzeit zuzubereiten. Zusammen mit ihrer Mutter entdeckte sie ganz neue Rezepte, alle mit dem Punktesystem bewertet, und war erstaunt, wie viel Lachsbraten oder Kasseler man essen darf, wenn man dafür auf Rollbraten und Schweinehaxe verzichtet. „Die Punktetabelle lernte ich auswendig – ungefähr so, wie man Vokabeln einer neuen Sprache paukt.“

Zuerst glaubte sie nicht, dass sie es schaffen würde, ihr Leben so grundsätzlich umzustellen. Doch als auf den wöchentlichen Treffen der Weight Watchers festgestellt wurde, wie sie kontinuierlich abnahm, als es ihr langsam in Fleisch und Blut überging, ein Tagebuch zu führen und für eine Woche im Voraus einen Speiseplan zu machen, und als sie schließlich sogar Vollkornnudeln lecker fand, da wusste sie, dass sie sich auf den richtigen Weg gemacht hatte. „Zu den Treffen kommen auch Leute, die vier oder fünf Kilo abnehmen wollen, seltsam, das klappt oft nicht. Wahrscheinlich lassen die Dünneren sich gar nicht richtig auf die große Umstellung ein.“

Die große Umstellung beginnt im Kopf. Das betonen sowohl der Allgemeinmediziner und Ernährungsspezialist Dr. Otfried Müller als auch Gitta Vonscheidt, eine Heilpraktikerin und Ernährungsberaterin. „Es hat wenig Sinn, irgendeiner Modediät zu folgen, die mit der eigenen körperlichen Verfassung nichts zu tun hat“, so Otfried Müller. „Der erste Schritt sollte darin bestehen, zu analysieren, was für ein Ernährungstyp man ist und welche Hilfsmittel dann aufgrund einer solchen Analyse sinnvoll eingesetzt werden können.“ Gitta Vonscheidt sieht das ähnlich: „Wer wirklich viel abnehmen will, sollte ein Blutbild erstellen lassen, dem man entnehmen kann, welche Nahrungsmittel man gut verträgt und welche nicht. Bei falschen Dingen verlangsamt sich der Stoffwechsel, und man nimmt zu, obwohl man vielleicht gar nicht so viel isst.“

Für die meisten Menschen sei es der richtige Ansatz, den Umgang mit den Kohlehydraten zu verändern. „Es ist gerade mal 20 000 Jahre her, dass es den Ackerbau gibt“, so Vonscheidt. „Die ersten Menschen waren Jäger und Sammler, sie ernährten sich von Wurzeln, Früchten, von Fleisch und Fisch. Die Verdauung von Kohlehydraten, wie man sie in Form von Kartoffeln, Nudeln oder Süßigkeiten zu sich nimmt, das sind die Dickmacher. Sie werden vom Körper eigentlich gar nicht gebraucht.“

Auch Gitta Vonscheidt hat die Weight-Watchers-Methode ausprobiert. „Man nimmt damit ab, wenn man das Punktezählen befolgt“, sagt sie. „Ich kann aber nicht gutheißen, dass man trotzdem Dinge zu sich nimmt, die ungesund sind.“ Eigentlich sei das Abnehmen ganz einfach: „Wer tagsüber den Stoffwechsel durch Bewegung anregt – ein langer Spaziergang reicht da schon aus – und abends die Kohlehydrate weglässt, der verliert sein Übergewicht und unterstützt den Körper darin, seinen Stoffwechsel umzustellen. „Natürlich gehört dazu Geduld. Ein Kilogramm pro Monat zu verlieren, ist angemessen. Das schnelle Abnehmen funktioniert nur selten auf Dauer.“

Auch Otfried Müller setzt bei seinen Patienten auf Einsicht und Wissen. „Die physiologischen Zusammenhänge zu durchschauen, kann ein großer Motivationsschub sein“, sagt er. „Einfach nur weniger zu essen, das hält kaum einer durch. Man muss wissen, was für den eigenen Körper das Richtige ist.“ Die Weight Watchers betrachtet er als eine Art Selbsthilfegruppe. „Sich mit anderen zusammenzuschließen, das kann, wie bei jedem Suchtproblem, sehr hilfreich sein und uns Ärzte unterstützen.“

Zwischen diesen beiden Fotos liegen knapp 70 Kilo – und jede Menge Lebensqualität: Sandra Weinreich (36) aus Eisbergen hat mit der Weight-Watchers-Methode in anderthalb Jahren beinahe ihr Normalgewicht erreicht. Auf das sommerliche Grillen verzichtet die 36-Jährige übrigens auch jetzt nicht: „Aber es kommen eben andere Sachen auf den Grill …“ Fotos: tol/pr




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