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Wie Gartenkresse Mörder überführen kann

Ein Krümel Erde wurde dem Täter zum Verhängnis. Er hatte behauptet, niemals in dem Waldstück gewesen zu sein, wo seine Frau ermordet aufgefunden wurde. An seinen Stiefeln allerdings hafteten Bodenspuren, die das Gegenteil bewiesen, und dazu eine tote Ameise einer Art, die nur selten vorkommt, aber nahe dem Tatort ein Nest besaß. Mitarbeiter der Spurensicherung des Bundeskriminalamtes (BKA) hatten durch diese Analysen dazu beigetragen, dass im Jahr 1998 Pastor Klaus Geyer in einem aufsehenerregenden Prozess als Mörder verurteilt wurde. Solche Mitarbeiter in der Forensik sind Biologen, Botaniker und Mineralogen, wie sie aus ganz Deutschland und aus Österreich gerade in Hameln zu einem einwöchigen forensischen Workshop zusammenkamen, in der Landwirtschaftlichen Forschungs- und Untersuchungsanstalt (LUFA), wo sie sich mit einem weiteren Spurenmaterial beschäftigten: Pflanzensamen, die an Tatorten oder an der Kleidung von Tätern und Opfern gefunden werden.

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Autor

Cornelia Kurth Reporterin zur Autorenseite

Nicole Risse, in der LUFA Leiterin der Abteilung für Saatgutprüfung, und Laborbereichsleiter Dr. Axel Goeritz haben beide normalerweise nichts mit Kriminalfällen zu tun. Ihre vorrangige Aufgabe ist es, landwirtschaftliches Saatgut auf Sortenreinheit hin zu überprüfen. Allerdings sind sie fasziniert von der Schönheit und Vielfalt der Pflanzensamen und hüten einen Fundus, der an die 1700 verschiedene Samen aus 25 Pflanzenfamilien enthält und in breiten Schubladen mit unzähligen Kästchen aufbewahrt wird. Vor allem Nicole Risse, seit über 20 Jahren in der Saatgutuntersuchung tätig, ist eine Expertin darin, die zum Teil winzig kleinen Samen aller nur denkbaren Pflanzenarten zu identifizieren. Wie man dabei vorgeht und vor allem, wie man Verwechslungen vermeiden kann, das war ein wichtiges Thema während des Workshops.

Als säßen sie im Biologieraum einer Schule, so verteilen sich die etwa 20 Männer und Frauen aus BKA und Landeskriminalämtern (LKA) an Arbeitstischen mit Mikroskopen, unter denen sie Samenkügelchen untersuchten, deren Abbilder zugleich vergrößert an die Wand projiziert wurden. An einzelnen Beispielen kann man gut erkennen, wie leicht eine Verwechslung zweier Samenarten möglich ist. Da freut man sich vielleicht, den Samen der Gartenkresse an seinem typischen weißen Fleck identifiziert zu haben und bedenkt nicht, dass auch der Schleifenblumensamen eine solche Verfärbung aufweist. Im Fall des Falles kann das zu einer verfehlten Beurteilung eines Verbrechens führen.

„Unsere Untersuchungen dienen in den meisten Fällen der Entlastung eines Verdächtigen“, sagt eine der Teilnehmerinnen am Workshop, die Biologin Dr. Marlies Steiner (Name von der Redaktion geändert). „Fand ein Verbrechen in Wald und Wiese statt, am Beschuldigten aber lassen sich keinerlei Pflanzenteile finden, die zur Umgebung vor Ort passen, ist das ein starkes Entlastungsargument.“ Andererseits bringt Leugnen wenig, wenn ein eh durch Indizien Belasteter außerdem noch an seiner Kleidung genau den Pflanzensamen aufweist, wie er auch massenweise am Tatort zu finden ist. „Täter versuchen ja durchaus, ihre Schuhe, Hosen, Jacken zu reinigen. Aber die Samen sind oft so winzig, die können sich in jeder kleinen Falte, auch im Haar, verstecken.“

Marlies Steiner arbeitet seit 17 Jahren für das LKA Nordrhein-Westfalen. Dass sie einmal zur Kriminalpolizei gehören würde, wäre ihr während des Studiums nicht im Traum eingefallen. „Die meisten meiner Kollegen sind in der Pharmaindustrie gelandet. Und ich habe durch eine Anzeige zufällig den Job entdeckt, den ich schon immer machen wollte, obwohl ich gar nicht wusste, dass es ihn gibt.“ Ähnlich geht es vielen Kollegen im Saal. Thomas Regner (Name geändert) aus Bayern ist von Haus aus Mineraloge, zuständig vor allem für die Analyse von Bodenproben. „Bisher habe ich immer nur allgemein festgestellt, dass da auch mal Moos oder Samen enthalten sind“, sagt er. „Ich will aber in Zukunft genauer bestimmen können, was ich da vor mir habe.“

Die Wissenschaftler sind selten selbst vor Ort, um Spuren zu sichern. Ihr Arbeitsplatz bleibt das Labor. Die Österreicherin Susanne Sperl (Name geändert) zum Beispiel hat überwiegend mit Drogendelikten zu tun. Was auf ihrem Arbeitstisch anlandet, sind Pflanzenteile aller Art, unter denen sie psychoaktive Substanzen entdecken will. Wenn die Streifenpolizisten bei Verdacht auf Drogen aus einer Wohnung alles mitnehmen, was nur irgendwie nach Botanik aussieht, auch die Topfpflanze von der Fensterbank und das Gewürzbord aus der Küche, ist ein breites Wissen gefragt, das auch geographische Grenzen überschreitet: Afrikaner, Kurden, Asiaten, sie können Drogen schmuggeln, die aus Pflanzen hergestellt sind, deren Form man hier nicht unbedingt kennt. Während des Workshops lernen die Teilnehmer auch, wie man Pflanzenfamilien einkreisen kann, um sich dann zur näheren Bestimmung vorzutasten.

Das sei auch deshalb so schwierig, weil es keinen einheitlichen Bestimmungsschlüssel für Pflanzen gäbe, sagt Nicole Risse. Jedes Lehrbuch habe da ein eigenes System, keine Pflanzenfamilie besäße absolut feststehende Charakteristika. „Es ist eben lebendiges Material!“ Um es den Forensikern etwas einfacher zu machen, erfindet sie lustige Beschreibungen für einzelne Samen, die sich oft leichter einprägen als streng wissenschaftliche Vokabeln: Rapssamen sieht auf der Oberfläche aus wie eine Netzstrumpfhose, Senfsamen wie ein Golfball, Ackerhellkrautsamen wie ein Fingerabdruck und Katzenminze mit zwei weißen „Augen“ wie ein „Autoskooter mit Licht!“

Außerdem bietet die LUFA jederzeit Hilfestellung an. Schwer identifizierbare Samen können eingeschickt werden, Samenproben zum Vergleich angefordert werden. Zwar besitzen BKA und einige LKA auch einen eigenen Samenfundus, doch die können mit dem wohl deutschlandweit größten Fundus der LUFA Hameln nicht mithalten. Nur die Samen von Bäumen und Sträuchern sind hier nicht zu finden.

Wenn es nur immer so einfach wäre wie bei dem Samen des Bockshornklees, der unverkennbar nach Curry duftet, oder dem Steinkleesamen mit seinem Duft nach Waldmeister. Die unzähligen Grassamen, die in dem Schubladenfundus der LUFA gelagert sind, sie sehen auch beim zweiten Blick einer wie der andere aus. Was während der Arbeit am Mikroskop faszinierend sichtbar wird: die Schönheit und Eigenartigkeit vieler Samen, die man mit bloßem Auge kaum wahrnehmen kann. Auch wer sich davon faszinieren lässt, hat einen weiteren Anhaltspunkt zur richtigen Einordnung parat.

Insgesamt stellt die Suche nach Pflanzensamenspuren nur einen kleinen, speziellen Teil der Spurensuche und -analyse dar. Mineraloge Thomas Regner untersucht nicht nur Bodenproben, um Verdächtige und Tatort zusammenzubringen oder einen Zusammenhang für unwahrscheinlich zu erklären, er entdeckt und analysiert auch Fasern und Asbest, er kennt sich mit der Interpretation von Schmauchspuren aus, weiß, wie Glas zersplittert oder wie man Blut- und Spermaspuren sichtbar macht. Biologin Marlies Steiner erzählt von einem Fall, wo mehrere Männer beschuldigt wurden, ein Mädchen in einem Waldstück vergewaltigt zu haben. Da zählen nicht nur Boden- oder Pflanzenproben, sondern etwa auch die Art, wie sich Schmutz am Körper des Opfers, zum Beispiel am Knie, eingerieben hat und ob das zur Tatbeschreibung passt.

So standen zwar die Pflanzensamen im Mittelpunkt des forensischen Workshops, doch besuchte die Gruppe auch das zur LUFA gehörende Bodenlabor und sie unternahmen eine Wanderung zum Ohrberg, wo diesmal nicht Nicole Risse und Axel Goeritz die Spezialisten waren, sondern einige der Biologen, die mit traumwandlerischer Sicherheit Hölzer, Blätter und Früchte den entsprechenden Bäumen und Sträuchern zuordnen konnten. So eine Bestimmungssicherheit bei den Pflanzensamen erreichen zu können, es dürfte unmöglich sein.

Für die Forensiker vom Bundeskriminalamt sind bei Ermittlungen kleinste Spuren von größter Bedeutung. Mal ist es die Erde unter Stiefeln, mal eine Ameise an Kleidungsstücken, die Täter überführen können. Manchmal sind es auch Pflanzensamen, die zur Lösung eines Falls beitragen. Einen Überblick über die Sortenvielfalt verschaffen sich die Experten vom BKA in der Hamelner LUFA.

Saatgut nur ein kleiner Teil der Spurensuche

In unzähligen Kästchen wird in der LUFA verschiedenstes Saatgut aufbewahrt. Nicole Risse gibt einen Überblick über die Vielfalt der Sorten.




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