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Modell-UN-Sitzung im Ernestinum: Superintendent Andreas Kühne-Glaser referiert zu Sterbehilfe

"Wie ein Kongress - und das in der Schule"

Rinteln (cok). "Man kommt sich vor wie auf einem Kongress - und das in der eigenen Schule!" Reinhold Lüthen, Schulleiter des Gymnasiums Ernestinum, ist sichtlich beeindruckt von seinen Schülern, die - in perfekter Businesskleidung - für zwei Tage eine Sitzung der Vereinten Nationen simulierten und dabei unterschiedlichste Themen in englischer Sprache in der Rolle jeweils eines Länderdelegiertendiskutierten.

Die beiden "Chairs" des Sozialrates verabschieden den Referenten

MUN, "Model United Nations", heißt das Projekt, das in vielen Ländern der Erde immer wieder von Studenten und Schülern durchgeführt wird, um ihr Wissen über politische Entscheidungsfindungen innerhalb der Vereinten Nationen zu vertiefen. Im "Sozialrat", der neben Wirtschafts- und Sicherheitsrat am Ernestinum tagte, ging es dabei unter anderem um das Thema "Sterbehilfe" und darum, eine international verbindliche Grundnorm zu finden, wie sich die Staaten als Mitglieder einer Weltgesellschaft zu diesem heiklen Thema stellen wollen. Als Referent zu Gast war Superintendent Andreas Kühne-Glaser. Der nun hielt vor der Schülerversammlung einen umfassenden und anspruchsvollen Vortrag zum Thema, in den er die Schüler mit geschickten Fragestellungen einbezog und spürbar beeindrucken konnte. Obwohl er durchaus in seiner Rolle als Vertreter der evangelischen Kirche im Landkreis sprach, ließ er jede Menge Denkmöglichkeiten zu, lenkte die "Delegierten" dann aber doch in eine Richtung, die eindeutig gegen staatlich sanktionierte "aktive" Sterbehilfe Position bezog. Dazu begann er mit einer ganz grundsätzlichen Frage, ohne deren Beantwortung - das wurde schnell klar - gar keine durchdachte Stellungnahme zum Sterbehilfe-Thema möglich sein würde, nämlich diejenige nach dem Menschenbild, das einer Staatsverfassung zugrunde liegen soll. "Wie viel ist ein Mensch wert?", fragte er dann ganz konkret, und obwohl die Schülerantworten sehr weise formulierten, dass das Leben eines Menschen keinen "Preis" haben könne, belehrte er sie zunächst des Gegenteils: "Ihr ,Verpackungswert' zum Beispiel ist heute sicher recht hoch", meinte er in Anspielung auf die ausgesuchte Kleidung, die alle als Delegierte trugen. Und kam dann auf den "Gebrauchswert" von Menschen zu sprechen, der höher liegt, je stärker, klüger, besser ausgebildet sie sind, auf den "Verkaufswert", den sie als Arbeits- oder Sexsklaven haben können oder gar den schlichten "Materialwert" des Körpers. Das alles tat er vor dem Hintergrund der Geschichte eines querschnittsgelähmten Mannes, der nicht mehr leben will und, da er sich nicht selbst das Leben nehmen kann, Sterbehilfe sucht. Als weitere Illustration wählte er einen Ausschnitt aus Friedrich von Bodelschwinghs Biographie, in der der spätere Leiter des diakonisches Werkes Bethel beschreibt, wie er als junger unerfahrener Mann ein elend verdrecktes, schwerstbehindertes Kind waschen soll und vor Ekel fast fallen lässt, bis er begreift, dass es seinen ganz eigenen Zugang zum Leben hat. "Unwertes Leben" zu beenden, das war auch im 20. Jahrhundert nicht erst eine Erfindung der Nazis, sondern wurde schon Jahrzehnte vorher politisch diskutiert, immer unter dem Gesichtspunkt, dass ein Leben Wert haben müsse, nicht nur für denjenigen, der es lebt, sondern auch für die Gesellschaft, in der es leben soll. Aus Kühne-Glasers Argumentation heraus nun wurde nach und nach unabweisbar deutlich, dass sich die Frage nach der Haltung eines Staates zur Sterbehilfe nicht an der Kategorie des "Wertes" orientieren soll. Am Beispiel der Liebe selbst vieler Erwachsener zu ihrem abgegriffenen Kuscheltier aus Kindertagen wendete er den Gedankenweg zum Philosophen Immanuel Kant und seinem Diktum, dass "was über allen Preis erhaben ist", Würde habe. "Und", so Kühne-Glaser: "Einen Menschen nur als Mittel zum Zweck zu betrachten, das ist unter der Würde." Dass es Sterbehilfe geben soll, sei auch der Standpunkt der Kirche, machte er weiterhin klar. Doch es müsse, wie es ja bisher auch im deutschen Staat Gesetz sei, bei einer Hilfe "im Sterben", nicht "zum Sterben" bleiben. Einem todkranken Menschen durch "passive" Sterbehilfe das Sterben zu erleichtern, sei weit entfernt davon, einem Sterbewilligen den Tod geben zu dürfen. "Was wäre es für ein Staat, in dem aktive Sterbehilfe erlaubt wäre?", fragte er in Hinblick auf unkontrollierbare Missbrauchsmöglichkeiten. Sehr nachdenklich gingen die Schüler in ihre Sitzungspause, während Stephanie Jungnitz und Sabrina Niepelt als "Chairs" des Sozialrates den Referenten verabschiedeten, der außerdem von Olga Reimchen, Organisatorin der Finanzen und Betreuerin der Gastredner, formvollendet ein Geschenk überreicht bekam. "Ich bin wirklich stolz auf unsere Schüler", so Schulleiter Reinhold Lüthen. "Es ist die Idealform von Schule, wenn sie solche anspruchsvollen Projekte in eigener Regie auf die Beine stellen können."



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