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Lampadius, ein Säulenheiliger der Bergakademie Freiberg, wurde in Hehlen geboren

Wie das Leuchtgas auf das Festland kam

VON KLAUS SCHUBERT

Im Jahre 2012 wird die Technische Universität Bergakademie Freiberg in Sachsen in einer mehrtägigen Veranstaltungsreihe einen ihrer hervorragenden Professoren ehren. In seiner Heimat, zu der er sich stets verbunden fühlte, ist er außer in Hehlen, kaum bekannt.

Wilhelm August Eberhardt Lampadius wurde am 8. August 1772 in Hehlen, Herzogtum Braunschweig, geboren. Sein Vater, der Lieutenant Christoph Ernst Lampadius, kämpfte im Dienste Englands gegen die nordamerikanischen Kolonien und blieb verschollen. Taufpaten waren der Graf und die Gräfin von der Schulenburg im Schloss Hehlen. Seine Mutter Justine Christiane Charlotte, geborene Henrici, zog bald mit ihren Kindern nach Boffzen. Hier wuchs der junge Lampadius im Hause seines Onkels, des Pastors Johann Christoph Friedrich Prössel, der die dortige Pfarrstelle von 1761 bis 1803 innehatte, auf. Der Pfarrer Prössel, der ihn wahrscheinlich in Latein unterrichtet hat, soll frühzeitig die Neigungen seines Neffen für Naturwissenschaften erkannt haben. Seine Mutter bestimmte für ihn den Apothekerberuf. Daher trat Lampadius 1785 als Lehrling in die Jordansche Rathsapotheke in Göttingen ein.

So zählen die Pharmazeuten den späteren Professor für Chemie und Hüttenkunde noch heute zu den ihren. Schon während der bis 1790 dauernden Lehrzeit soll er naturwissenschaftliche Vorlesungen an der erst 53 Jahre alten Alma Mater besucht haben. Physik studierte er bei dem heute noch durch seine Aphorismen bekannten Georg Christoph Lichtenberg (1742-1799). Lichtenberg hat sich auch um die Elektrizitätslehre verdient gemacht. Auf ihn geht die Bezeichnung der Pole mit Plus und Minus im Gleichstromkreis zurück. Bei ihm lernt Lampadius auch die Verbrennungstheorie des Lavoisier kennen. Erstmalig erwähnt Lichtenberg Lampadius in einem Brief vom 31. August 1792, wie beide einen Frosch präpariert hätten und dabei die Nerven mit Blei, Silber, Gold und anderen Metallen berührt hätten, also die Versuche Galvanis (1737-1798) mit unterschiedlichem Erfolg nachvollzogen haben. In einem Brief an den berühmten Schriftsteller und Verlagsbuchhändler Christoph Friedrich Nicolai (1733-1811) in Berlin schreibt er mit folgenden Worten: „Er heißt Lampadius und ist ganz für Naturlehre und Chemie geboren, und überhaupt von einem Fleiß und einer Tätigkeit, dergleichen ich, bei meinem langen akademischen Leben, noch selten bei einem jungen Menschen angetroffen habe.“ Lichtenberg empfiehlt seinen jungen Kollegen dem Physiker und Mineralogen Joachim Graf von Sternberg als Begleiter auf einer Reise durch Russland. Die Reise endete zwar vorzeitig in St. Petersburg, aber Lampadius lernte dort bei dem Chemiker Tobias Lowitz (1757-1804) dessen Arbeiten zur Adsorption kennen. Das ist die Anlagerung von Gasen oder gelösten Stoffen an der Oberfläche von festen Stoffen. Eine für die Metallhüttenkunde wichtige Erscheinung.

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Lampadius Taufpaten waren der Graf und die Gräfin von der Schulenburg im Schloss Hehlen. Foto: wal

Der Graf von Sternberg stellt Lampadius in seinem Eisenwerk in Radnitz in Böhmen als Chemiker im Laboratorium ein. Hier lernt er die Praxis des Hüttenwesens kennen, für die er bald die wissenschaftlichen Grundlagen schaffen wird. Seine ersten größeren Abhandlungen sind „Die Beobachtungen über die Elektrizität und Wärme der Atmosphäre“ und „Kurze Darstellung der vorzüglichen Theorien des Feuers“. Über den Grundsatz seiner Tätigkeit hat er sich später in den Freiberger Gemeinnützigen Nachrichten folgendermaßen geäußert: „Soll die Chemie also nützlich angewendet werden, so muss der Chemiker aus seinem Laboratorio, wo er im kleinen arbeitet, in die Fabriken und Manufakturen übergehen, um dort Anwendung zu machen, die Wissenschaft muss den Praktikern populär vorgetragen werden.“

Mit der Besetzung des Lehrstuhls für metallurgische Chemie an der Bergakademie Freiberg in Sachsen (gegründet 1765) hatte man sich große Mühe gegeben, galt es doch für Christlieb Ehregott Gellert (1713-1795), einem Bruder des bekannten Fabeldichters und Literaturprofessors Christian Fürchtegott Gellert, einen würdigen Nachfolger zu finden. Die Wahl fiel auf Lampadius. So wurde er im Alter von 22 Jahren zum Professor und zum Chemiker beim Oberhüttenamt berufen.

Um 1810 gelang Lampadius die Erfindung des „Thermolampenofens“, einer Anlage, die zugleich Heiz-und Beleuchtungszwecken diente. In seinem Haus in der Fischergasse in Freiberg betrieb er eine Gaserzeugungsanlage und speiste damit im Jahre 1811 auch eine Straßenlaterne. Sie gilt als die erste Straßenlaterne auf dem Kontinent.

1815 übersetzt er das Buch von Accum ins Deutsche und gibt es heraus. Die zweite Auflage erscheint 1819: „Praktische Abhandlung über das Gaslicht, eine vollständige Beschreibung des Apparates und der Maschinerie, um Straßen, Häuser und Manufakturen damit zu beleuchten, enthaltend, von Friedrich Accum. Aus dem Englischen übersetzt und mit Anmerkungen und neuen Kupfertafeln vermehrt, von W. A. Lampadius, Königlich Sächsischem Bergcommsionsrathe, der Chemie und Hüttenkunde Professor an der Freiberger Berg-Akademie, Oberhüttenamts-Assessor, mehrerer gelehrten Gesellschaften Mitgliede.“

Er zitiert darin einen Brief eines Herrn Hartmann, den er als berühmten Eisenhüttenmann vom Braunschweigischen Eisenwerke Zorge am Harze beschreibt, folgendermaßen: „Einen Gasapparat habe ich in meinem Laboratorio zur Beleuchtung des Faktoreigebäudes hieselbst auch angelegt, erbitte jedoch, da ich Herrn Accums tragbaren Apparat nachmachte, ein ziemlich dunkles Licht, bis ich die Abänderung mit dem Kühlapprate, wie sie Ew. in Ihrem neuen Erfahrungen I. und II. vorschreiben, traf. Das Gaslicht leuchtet uns nun vortrefflich.“

Im Hüttenwerk (Amalgierwerk) Halsbrücke bei Freiberg richtet er 1816 die erste größere Gasbeleuchtung auf dem Kontinent ein. Er war Berater bei der Anlage der Gasanstalt der Stadt Dresden. Der Chemiker Lampadius verliert nie den Bezug zur Praxis. Mit dem im Kokereibetrieb anfallenden Teer tränkt er Pappe und erfindet so die Teerpappe. Die Dachdecker erwähnen ihn gelegentlich in ihren Jubiläumsschriften. Dachpappe ermöglicht auch die Isolierung von Gebäuden gegen den Erdboden. Andere Nebenprodukte des Hüttenprozesses verwendet er als künstliche Düngemittel. Zuckergewinnung aus Rüben und deren Züchtung sind ein Teil seiner Experimente. Um seine Gartenanlagen hat ihn Goethe bei seinen Besuchen in Freiberg beneidet. Er entwickelt chemische Mittel zur vorbeugenden Brandbekämpfung und erfindet ein optisches Pyrometer zur Messung hoher Temperaturen.

Als Hochschullehrer führt er als erster an einer deutschen Hochschule Vorlesungen über angewandte technische Chemie ein und lässt die Studenten selbsttätig im Labor arbeiten. Der große Naturforscher Alexander von Humboldt saß bei ihm über chemischen Experimenten.

Er entdeckt den Schwefelkohlenstoff. Als Verfasser zahlreicher Beiträge und Bücher war er sehr erfolgreich. Man zählt 171 Arbeiten. Aber auch die Allgemeinbildung kam nicht zu kurz: „Chemische Briefe für Frauenzimmer von Bildung und Häuslichkeit“ sind der Inhalt zweier kleiner Bände. Als er im Jahre 1806 seine Frau verloren hatte und an einem elfmonatigen Nervenfieber litt, fand er Genesung in während eines längeren Aufenthaltes in Godelheim und schrieb „Das Bad zu Godelheim an der Weser“. Als er seine Schwestern besuchte entstand die umfangreiche Beschreibung mit dem Titel „Die Reise zu den sieben Schwestern“.

In den Jahren 1796 und 1803 hat der Hüttenmann den Harz bereist und Hütten in Altenau, Lautenthal, St. Andreasberg, Mansfeld, Eisleben, Sangerhausen und Lauterberg besichtigt.

W. A. Lampadius verstarb am 13. April 1842 in Freiberg. Auf dem Gelände der TU Bergakademie Freiberg ist sein Name allgegenwärtig. Der große Lampadius-Bau beherbergt heute in der Gustav-Zeuner-Straße 7 das Institut für Maschinenbau sowie das Institut für Wärmetechnik und Thermodynamik und der Fakultätsrat lädt zu Sitzungen in die Lampadius-Klause ein.

In Boffzen ehrt man ihn mit einem Straßenschild als Erfinder des Leuchtgases.

Wilhelm August Lampadius verdankt seinen klangvollen Familiennamen einem Juristen. Der am 21. November 1593 als Sohn des Bauern Peter Lampe in Heinsen an der Weser geborene Jakob Lampe war nach Besuch der Schulen in Hameln und Hildesheim sowie nach Studien in Helmstedt, Marburg, Gießen und Heidelberg schließlich Geheimer Rat im Herzogtum Braunschweig-Lüneburg geworden. Als dessen Vertreter nahm er am Westfälischen Friedenskongress zu Osnabrück (1643-1648) teil. Den Namen Lampe hatte er als Student in Jakobus Lampadius in die damals gebräuchliche lateinisierte Form geändert.

Auf dem Postwertzeichen, einer Briefmarke (links) aus dem Jahre 1998, „350 Jahre Westfälischer Friede“ ist er in der unteren Reihe als Dritter von rechts zu erkennen.




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