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Wie Bad Münders Betriebe die Wirtschaftslage einschätzen

BAD MÜNDER. Ein anhaltender Wirtschaftsaufschwung, niedrige Arbeitslosenzahlen und immer mehr sozialversicherungspflichtige Arbeitsplätze: Die Gesamtbilanz der Exportnation Deutschland fiel im letzten Jahr sehr positiv aus. Doch wie entwickelte sich die Wirtschaft im ländlichen Bereich wie Bad Münder?

Die Näherei der Firma Wilkhahn in Eimbeckhausen – hier arbeiten die Mitarbeiter für eine positive Entwicklung. Foto: Wilkhahn
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Juliet Ackermann Volontärin zur Autorenseite

„Für die Region und insbesondere auch für Bad Münder ist die Sogwirkung der Landeshauptstadt Hannover auf Arbeitnehmer bezeichnend“, sagt Dr. Dorothea Schulz, Leiterin der Industrie- und Handelskammer-Geschäftsstelle in Hameln.


Schwächen und Stärken der Region

Als Schwächen im Landkreis sieht Schulz das Lohnniveau sowie die Infrastruktur: „Sicher finden international aufgestellte Unternehmen wie Hytera Mobilfunk, Wilkhahn oder Haworth eher noch geeignete Arbeitnehmer. Kleinstunternehmen und Handwerksbetriebe können allerdings das Lohnniveau nicht zahlen.“ In puncto verkehrliche Anbindung sei Bad Münder zwar noch relativ gut aufgestellt, anders jedoch im Bereich der IT-Infrastruktur. Stichwort Breitband: Hier bestehe dringender Handlungsbedarf, warnt Schulz, da viele Einzelunternehmer und der Mittelstand auf schnelle IT-Verbindungen angewiesen seien. Zudem lägen in diesem Bereich wichtige Potenziale der Wirtschaftsentwicklung.

Die Stärke des Landkreises zeige sich vor allem in Krisenzeiten, sagt die IHK-Vertreterin – so wie im Jahr 2008/2009, als klein- und mittelständisch geprägte Unternehmen, vielfach inhabergeführt, dank solider Finanzlage der Entwicklung trotzten.


Rückblick auf das Jahr 2017

Mit der Entwicklung des vergangenen Jahres zeigt sich Schulz zufrieden: „2017 war wieder ein Wachstumsjahr mit guter Auftragslage und hohen Exporten.“ Deutlich zurückhaltender ist da Wilkhahn-Sprecher Burkhard Remmers. Zwar liege der Jahresabschluss noch nicht vor, die Tendenz aber kennt er: „Im vergangenen Jahr konnten unsere Erwartungen nicht erfüllt werden. Zwar entwickelte sich der deutsche Markt gut, auch in Österreich und der Schweiz waren die Auslastungen zufriedenstellend. Doch in West- und Südeuropa, in den USA und in Asien waren die Entwicklungen nicht so positiv.“ Grund für die Rückgänge waren externe Faktoren – etwa die Inflation beim britischen Pfund durch den Brexit. Oder auch die Katalonien-Krise im Oktober, die Spanien in eine Schockstarre versetzte.

Wilkhahn produziert an der Fritz-Hahne-Straße in Eimbeckhausen – und gleich gegenüber befinden sich zwei weitere Unternehmen, die für die wirtschaftliche Entwicklung der Stadt von Bedeutung sind: Hytera Mobilfunk und Bielei. Lutz Leisebein, Geschäftsführer von Bielei, zeigt sich mit den Entwicklungen des letzten Jahres zufrieden. Sein Unternehmen, das sich auf Formteile aus Gummi und Silicon spezialisiert hat, konnte einen Umsatzzuwachs von sieben Prozent verzeichnen.

Die Probleme der Möbelbranche waren auch am münderschen Deisterbahnhof zu spüren – beim zweiten großen Büromöbelhersteller der Stadt, Haworth, waren zu Beginn des vergangenen Jahres Rückgänge zu verzeichnen. Aber: „Durch den Gewinn eines Großkunden und ein starkes letztes Quartal konnte jedoch beinahe das Vorjahresniveau im Umsatz erreicht werden“, heißt es aus der Geschäftsleitung.


Exporte – wichtiger Faktor

Das deutsche Haworth-Werk in Bad Münder ist nicht ausschließlich von Kunden im deutschen Markt abhängig, sondern hat eine europäische Lieferfunktion innerhalb der Unternehmens-Gruppe. Und auch bei Wilkhahn spielt der Export eine zentrale Rolle: Allein im Jahr 2015 betrug der Exportanteil der Eimbeckhäuser rund 72 Prozent. Dementsprechend gravierend können sich Negativentwicklungen in den ausländischen Märkten bemerkbar machen. Durch erfolgreiche Vorjahre, in denen große Projekte realisiert werden konnten, habe im letzten Jahr die Akquise gelitten, erklärt Remmers.. Hinzugekommen seien „projektbedingte Rückgänge“, etwa durch Umstrukturierungen von Wilkhahn Asia Pacific am Standort Sydney. „Nachdem wir in den letzten Jahren sehr erfolgreich waren, kam es im letzten Jahr zu einem Rückschlag“, fasst der Leiter internationale Kommunikation zusammen.


Der Blick aufs laufende Jahr

„Wir haben gegengesteuert“, macht Remmers deutlich und blickt entsprechend optimistisch auf das noch junge Jahr. Das Wilkhahn-Ziel: ein Wachstum von zehn Prozent.

Verhalten positiv äußert sich die Haworth-Geschäftsleitung: „Für 2018 gehen wir davon aus, dass das wirtschaftliche Umfeld in Deutschland, aber auch in Europa, stabil bleibt. Dies wird helfen, zusammen mit Produktneuerungen den Umsatz stabil zu halten oder sogar leicht zu steigern – was für die Auslastung des Werks in Bad Münder wichtig ist.“

Bei Bielei gibt sich Lutz Leisebein erwartungsvoll und spricht von einem „vielversprechenden Start“. Sorge bereitet ihm allerdings die Gewinnung neuer Mitarbeiter: „Es ist schwierig, Personal zu finden.“


Fachkräftemangel

Der bundesweit beklagte Fachkräftemangel ist ein Problem, dass auch IHK-Vertreterin Schulz mehr und mehr in der Region beobachtet. Und sie sieht es mit Sorge: „In der Konjunkturumfrage der IHK Hannover gaben 54 Prozent der befragten Unternehmen an, dass der Fachkräftemangel zum größten Risiko in der Geschäftsentwicklung wird. Leider erleben wir immer häufiger, dass Stellen unbesetzt bleiben, weil die qualifizierte Arbeitskraft nicht am Markt akquiriert werden kann.“

Das Problem setzt sich ihrer Erfahrung nach auch im Ausbildungsbereich fort: „Betriebe lassen Ausbildungsplätze unbesetzt, wenn es keinen geeigneten Kandidaten gibt.“


Ausbildungssituation

Schulz kennt aber auch erfolgreiche Gegenmaßnahmen: Bei der Akquise hätten Betriebe ein spezielles Ausbildungsmarketing entwickelt: „Ein Beispiel hierfür ist die Ardagh Glass Group mit ihrem Werk in Bad Münder. Der Ausbildungsbetrieb ist mit dem Zertifikat ‚Best Place to Learn’ ausgezeichnet worden.“ Ardagh pflege enge Kooperationen zu allgemeinbildenden Schulen und Berufsschulen. Zudem sei er auf Ausbildungsmessen präsent sowie in sozialen Netzwerken aktiv. „So werden die neuen Medien zur Kundenansprache genutzt, selbstverständlich werden auch Geflüchtete ausgebildet“, so Schulz. Dass sich die langjährigen intensiven Bemühungen auszahlen, erkenne man daran, dass der Glashersteller in den vergangenen Jahren mit bundes- und landesbesten Azubis glänzen konnte. Dies setze sich in der Weiterbildung der Mitarbeiter auf Meisterlehrgängen fort.


Mehr Start-ups gewünscht

Wünschenswert sei nach Schulz eine agilere Start-up-Szene im Landkreis. „Aufgrund der guten wirtschaftlichen Situation ist die Neigung zur Selbstständigkeit aber eher unterentwickelt, obwohl es Förderungen gibt und Beratungsangebote vor Ort in Anspruch genommen werden können“, so die IHK-Fachfrau. Allerdings gebe es auch Gegenbewegungen, die Mut machten – etwa die regionale Initiative „Start-up Hameln-Pyrmont“, die sich für Selbstständige einsetzt.

„Für die Region und insbesondere auch für Bad Münder ist die Sogwirkung der Landeshauptstadt Hannover auf Arbeitnehmer bezeichnend“, sagt Dr. Dorothea Schulz, Leiterin der Industrie- und Handelskammer-Geschäftsstelle in Hameln.

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