×
Große und kleine Katastrophen durch Regenfluten, Gewitter, Dürren und Erdbeben

Wetterunbilden anno dazumal

Gebannt verfolgen jeden Tag Millionen von Fernsehzuschauern und Zeitungslesern die Wetterprognosen. Dank moderner Satelliten, Mess- und Übertragungstechnik lassen sich Wind, Regen, Sonne und Temperaturentwicklung nahezu punktgenau vorhersagen.

Autor:

Wilhelm Gerntrup

Von solchen Möglichkeiten hätten unsere Altvorderen nicht einmal zu träumen gewagt. Sie mussten alle „Wetterunbilden“ und sonstigen Naturgewalten ohne Vorwarnung und Vorbereitungsmöglichkeit über sich ergehen lassen. Heute selbstverständliche Schutzeinrichtungen wie Deiche, Feuerlöscher und Notrufzentralen gab es noch nicht. Auch an Rettungshubschrauber, Atemmasken, Krankenwagen oder Outdoorbekleidung wagte noch keiner zu denken. So konnten selbst aus heutiger Sicht eher harmlos anmutende Stürme, Hochwasser sowie Schnee- und Dürreperioden zur tödlichen Gefahr werden.

Erstaunlicherweise ist über Ausmaß, Häufigkeit und Jahreszahlen solcher Ereignisse nur wenig bekannt. Über die Opfer von Naturkatastrophen und „Wetterphänomenen“ liegen, anders als bei den im Kriegsgetümmel umgekommenen Schaumburgern, kaum Nachrichten vor. Regelmäßige Meldungen darüber tauchen erst mit dem Erscheinen der Zeitungen auf. In den Dokumenten aus den Jahrhunderten davor geht es hauptsächlich um Schicksal und Heldentaten der adligen Obrigkeiten.

Das Alltagsleben und -leiden der Untertanen wurde in den damaligen Schriften, wenn überhaupt, nur am Rande erwähnt.

2 Bilder
„Narrisch unsinnisch geleuffe“ - gegen „böses Wetter“ und andere Gottesstrafen half nach mittelalterlicher Auffassung auch und vor allem ein Bußgang zu einer geheiligten Pilgerstätte. Laut Spangenberg machten sich 1516 „auff einen Tag von Rintelen 220 Menschen Jung und alt“ nach Wißnack (Bad Wilsnack) auf den Weg. Hier die Darstellung eines Pilgerzugs des Frankfurter Malers Jakob Fürchtegott Dielmann (1809-1885) aus dem Jahre 1845.

Als Ausnahme darf das Buch „Chronicon und historische Beschreibung der löblichen alten Graffschaft Schaumburg“ des Historikers Cyriacus Spangenberg (1528-1604) gelten. Den Auftrag zur Erarbeitung des Werks hatte der seit 1601 amtierende schaumburger Graf Ernst gegeben. Er soll beim Lesen des Manuskripts nicht sonderlich begeistert gewesen sein. Für die spätere Geschichtsforschung hingegen war und ist die Arbeit Spangenbergs ein Glücksfall. Dank seiner Recherchen sind Informationen aus heute nicht mehr zugänglichen Quellen erhalten geblieben. Darüber hinaus hat der seinerzeit hoch geschätzte Theologie-Professor auch Hinweise auf Ereignisse im Leben der kleinen Leute hinterlassen.

Die aus heutiger Sicht spektakulärste naturkundliche Nachricht ist der Bericht über ein offenbar heftiges und folgenschweres Erdbeben. „Anno 1496 am Tage Laurentij (10. August) im Mittage“ habe es „im Stifft Minden und in der benachbarschafft herumb ein sehr grawsames schreckliches Wetter von Donner und Blitzen, Hagel und Regen“ gegeben, „und darunter zugleich auch ein Erdbidem bey einer Stunden lang und so geschwinde, das auch etzlich Heuser und Beume umbgefallen“.

16 Jahre später wurde die hiesige Region erneut von gewaltigen Wetterunbilden heimgesucht. „1512 war ein grosse Dürre von Walpurgis (30. April) an biß in October“, heißt es im Chronicon. „Dann fieng ein schneller kalter Winter an mit Schne und hartem frost, welches auch also bestundt biß auff Pauli bekehrung Tag (25. Januar) ging. „Da war grosse klage umb Wasser, denn man konnte nirgents zumahlen bekommen in der ganzten Graffschaft Schawenburg gieng nicht mehr den (außer) eine(r) Mühle zu Exter“. Doch das war noch nicht alles. „Darnach im angehenden Newen Jahr (1513) fing ein Ta(u)wetter an, da ging das Eyß mit gewaldt ab, und wuchsen die wasser über alle massen, führeten alle Brücken hinweg und theten auch sonst schrecklichen schaden“.

Auch sonst scheint in der ersten Hälfte des 16. Jahrhunderts eine Menge los gewesen zu sein. „Anno 1515 war die Eichel Mastung gar herlich und reichlich, aber an S. Michaelis Tag (29. September) kam ein harter frost und Verderbte es alles miteinander“. Noch heftiger traf es die hiesige Gegend 1536. „Ein Ungewittter mit Regen, Schlossen (Eisregen) und Hageln, davon sich die Wasser ober allemasse ergossen“, habe „trefflichen Schaden in der Graffschaft Schawenburg gethan“. Die größten Schäden gab es laut Spangenberg „in der Hulßder (Hülseder) Borde und in der Wesers Borde vor Oldendorff, Hemeringe, Haverbecke (Ansiedlung bei Fischbeck), Lachem, Vißbecke (Fischbeck), wo „viel Viehes und auch etzliche Mensche ertruncken“.

Mangels wissenschaftlich begründeter meteorologischer Kenntnisse und Fakten hielt man „böse Wetter“ – genauso wie Pest, Hexerei und Söldnerüberfälle – für Teufelswerk. Eine Erlösung von solchen Übeln werde es nur durch tätige Reue geben, flößten Vertreter der Papstkirche den von Unwissenheit, Ängsten und Aberglauben geplagten Leuten ein. Besserung und Aussicht aufs ewige Seelenheil sei nur durch Kirchenschenkungen, Ablasszahlungen und Wallfahrten möglich.

Vor allem die Aufforderung zum Bußgang scheint auf fruchtbaren Boden gefallen zu sein. „Anno 1516 im Anfang des Juli“ habe ein „Narrisch und Abgöttisch geleuff nach Wißnack (gemeint ist das brandenburgische Bad Wilsnack, damals einer der bekanntesten Wallfahrtsorte Europas) zum vermeinten und erdichteten heiligen Blut“ begonnen, beschreibt Spangenberg den damals einsetzenden Pilgerboom. „Es lieffen auff einen Tag von Rintelen 220 Menschen Jung und alt denselben weiten Weg, unter welchen auch Kinder waren von Zehen Jahren“.

Nur wenig später konnten die hierzulande lebenden Leute ihre Bittgebete auch vor Ort vortragen. „Anno 1517 am Pfingstdingstage wardt die Kirche der Heiligen „Catharinen Ehre“ auff dem Luderberge (Luhdener Berg) ober Rintelen geweihet, welche an demselben Orte grosse wunder thun sollte, woraus dan abermahl ein Narrisch unsinnisch geleuffe und Abergleubisch walfahrten worden“. Spangenberg, ein entschiedener Anhänger der damals von Luther auf den Weg gebrachten Reformation, kommentierte das Geschehen so: „Darauß kann man zusehen, wie Aberglaube wircket bey denen, welche Gott in Irthumb gerathen lesset“.




Anzeige
Weiterführende Artikel
    Anzeige
    Kontakt
    Redaktion
    Telefon: 05041 - 78932
    E-Mail: redaktion@ndz.de
    Anzeigen
    Telefon: 05041 - 78910
    Geschäftsanzeigen: Anzeigenberater
    Abo-Service
    Telefon: 05041 - 78921
    E-Mail: vertrieb@ndz.de
    Abo-Angebote: Aboshop

    Keine Zeitung bekommen? Hier zur Zustell-Reklamation.
    X
    Kontakt