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Aus Liebe zur Musik

Wesertekk – Wie 20 junge Leute Tausende nach Rinteln locken

RINTELN. Eine Gruppe von knapp 20 jungen Rintelnern lockt Jahr für Jahr bis zu 2000 Besucher in die Weserstadt. Das gelingt ihnen mit einer Musik-Party, die sie selbst auf die Beine stellen: „Wesertekk“. Damit wollen sie den Leuten das bieten, was sie vor Ort selbst vermissen: elektronische (Techno-)Musikveranstaltungen. Was sie verbindet, sind ihre Liebe zur Musik, ihre Freundschaft und – wer hätt's gedacht – ihre Heimatverbundenheit. Unsere Zeitung hat einen Blick hinter die Kulissen von Wesertekk geworfen.

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Autor

Philipp Killmann Reporter zur Autorenseite
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Es ist Sonntagabend, die Temperaturen sind immer noch schweißtreibend. Und während sich über Rinteln die Abendstille legt, die Menschen sich das Grillfleisch schmecken lassen oder den Tatort einschalten, herrscht im Industriegebiet Süd in der Halle in der Braasstraße 32 große Umtriebigkeit. Einer bohrt, ein anderer hämmert, einer bastelt, ein anderer sitzt vorm Computer. Alles sieht schwer nach Baustelle aus. Bis zum kommenden Samstag muss alles fertig sein, die DJ-Booth, die Waschbecken für die Dixi-Klos, die Hinweisschilder, die Dekoration der drei Dancefloors, einer davon unter freiem Himmel… Dann steigt hier die nächste Wesertekk-Party.

Der junge Mann mit dem Vollbart vor dem Computer ist Steffen Rörtgen. Er ist 26 Jahre alt und damit der älteste im Wesertekk-Team. Rörtgen kümmert sich um die „administrativen Aufgaben“: Er macht die Pressearbeit, schließt mit den DJs, die bei der Wesertekk-Party auflegen, die Verträge ab, erstellt die Veranstaltungsbeschreibung und das Sicherheitskonzept für die Stadt.

Eigentlich studiert Rörtgen in Göttingen Philosophie und Latein auf Lehramt, jobbt nebenbei im Kino. Aber wie die meisten anderen auch aus dem Wesertekk-Kollektiv hat sich der Rintelner für die „heiße Phase“ der Vorbereitungszeit extra freigenommen. „Manche opfern fast ihren ganzen Jahresurlaub“, sagt er und wirft schmunzelnd einen Blick auf einen seiner Mitstreiter. Levent Stein (23) legt ein verschmitztes Lächeln auf. „Das ist für die Freundin schon manchmal doof“, antwortet er.

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Levent Stein (v.l.), Steffen Rörtgen und Yannick Scheermann kümmern sich um organisatorische Aufgaben. Foto: pk

Levent Stein hat in der Nacht auf Sonntag noch als DJ aufgelegt. Beim Aero 371-Festival im benachbarten Bösingfeld. „Deshalb habe ich hier heute etwas später angefangen“, sagt er. Mehrere Mitglieder von Wesertekk veranstalten nicht nur Partys, sie machen auch selbst Musik oder legen Musik auf. Einer von ihnen ist der 22-jährige Arne Rörtgen, Steffens Bruder. Er lernt gerade Industriekaufmann bei Polyform. Mit dem Auflegen klappt es noch ganz gut. „Aber handwerklich habe ich zwei linke Hände“, sagt er.

Aber die Wesertekk-Crew ist ein bunter Haufen. „Wir haben Tischler, Industriemechaniker, Abwassertechniker, Schlosser, Industriekaufleute, Studenten und Azubis“, zählt Steffen Rörtgen auf. Irgendeiner könne immer das, was gerade gebraucht wird.

Und wieso der ganze Aufwand? Selbst feiern können sie auf ihren Partys schließlich nicht, stattdessen müssen sie für einen reibungslosen Ablauf sorgen. „Wir wollen den Rintelnern die elektronische Musikkultur näherbringen, aber auch denjenigen vor Ort etwas bieten, die vielleicht nicht genug Geld haben, um für solche Veranstaltungen nach Hannover oder Bielefeld zu fahren“, erklärt Steffen Rörtgen. „Außerdem wollen wir den Leuten Gelegenheit geben, selbst zu erleben, was man gemeinsam schaffen kann.“

Die jährliche Wesertekk-Party, deren Idee vor Jahren auf einer Geburtstagsfeier entstand, schweißt zusammen. „Was uns alle vereint, ist die Liebe zur Musik. So haben wir zusammengefunden und uns erweitert“, erklärt Rörtgen.

Aber da ist noch etwas, das die rund 20 Freunde vereint: Rinteln. Sie alle sind sehr heimatverbunden. Auch wenn sie es so wahrscheinlich nicht ausdrücken würden. „Ich find Rinteln eigentlich ganz schön“, antwortet etwa Simon Friedrichs (23) geradezu bescheiden auf die Frage, warum er nach seinem Maschinenbaustudium in Hannover zurück in die Weserstadt will. Auch Steffen Rörtgen will nach seinem Studium zurück in die Region, „wenn auch nicht unbedingt ans Ernestinum“, sagt er mit einem Augenzwinkern.

Deutlicher wird Levent Stein: „Ich bin in Rinteln aufgewachsen und habe es hier immer schön gefunden“, sagt der bei Stüken angestellte Industriemechaniker geradeheraus. „Die Leute sind im Sport- oder Schützenverein, das bindet sie an den Ort.“

Und dann sind da vor allem noch die Freunde und Familien, die diese jungen Leute in ihrer Heimatstadt halten. „Ich will wegen meiner Freunde und meiner Familie zurück, wegen meines Fußballvereins (TSV Eintracht Exten) und natürlich wegen dem hier!“, sagt Marvin Hantke und meint damit „Wesertekk“. Der 22-Jährige studiert Wirtschaftsingenieurwesen in Wolfsburg.

Dabei dient die Wesertekk-Party nicht nur den „Wesertekkern“ als verbindendes Element. „Viele sind nach der Schulzeit in Rinteln einfach für immer weg. Aber viele kommen auch extra aus Berlin zu unserer Party für einen Besuch zurück“, sagt Arne Rörtgen.

Darüber hinaus werden neue Kontakte geknüpft. Auch das sei ein wichtiger Aspekt von Wesertekk. „Wir wollen die Leute aus der Region miteinander vernetzen“, sagt Yannick Scheermann (22). Und Arne Rörtgen ergänzt: „Wir wollen die verschiedenen Kollektive (Musik- und Veranstalter-Teams; Anm. d. Red.) aus Hameln und dem Extertal, aus Rinteln und der Region zusammenbringen.“ Dass dieses erklärte Ziel auf fruchtbaren Boden fällt, lässt sich am Veranstaltungsflyer ablesen: Neben Rintelner DJs wie Mark Deutsche & Musoe, artGenerator (alias Arne Rörtgen) und Lucas Scheermann legen auch Jotho & Monaco aus Bösingfeld, Jan Krone und Roque Rodriguez aus Hameln, aber auch Hit-DJ Lützenkirchen („3 Tage wach“) aus Neuss am kommenden Samstag auf.

Seit der ersten Wesertekk-Party sind die Veranstaltungen von Jahr zu Jahr angewachsen: von 650 Besuchern im Jahr 2013 auf 2000 Besucher im vergangenen Jahr im Steinzeichen Steinbergen. Doch eben darin besteht für die Wesertekk-Crew auch das größte Problem: einen geeigneten Veranstaltungsort zu finden. In Rinteln wohlgemerkt. „Wir würden nicht nach Stadthagen gehen“, merkt Arne Rörtgen an. In diesem Jahr hatten die Lokalpatrioten noch mal Glück. Der Besitzer des Gebäudes des einstigen Möbelhauses Avanti hat den jungen Rintelnern nach 2014 abermals die Halle überlassen.

Aber größer werden, das wollen sie. Das Ende der Fahnenstange sei noch nicht erreicht. An diesem Samstag hoffen sie auf rund 2500 Besucher. „Ein Traum wäre ein Festival“, sagt Arne Rörtgen.

Kurz vor Sonnenuntergang packen die Wesertekker ihre Sachen langsam zusammen. „Morgen früh um acht Uhr wieder hier“, wirft Steffen Rörtgen schließlich in die Runde. „Um 9?“, entgegnet Levent Stein mit seinem verschmitzten Lächeln. Die Party von Samstagnacht steckt ihm doch noch etwas in den Knochen. Und die nächste Party kommt bestimmt. Am kommenden Samstag.

Einlass ist ab 20 Uhr, Eintritt: 10 Euro im Vorverkauf, 15 Euro an der Abendkasse.

Weitere Informationen gibt es auf www.facebook.com/wesertekk/




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