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2000 Jahre Varusschlacht: Im Fundgebiet bei Kalkriese kommen Überreste des Geschehens aus dem Boden

Wer? Wann? Wie? Archäologen finden Antworten

Als sein Metallsuchgerät im Sommer 1987 plötzlich zu piepsen begann, konnte der britische Hobbyarchäologe Tony Clunn nicht ahnen, welche Lawine sein Erkundungsmarsch durch die Kalkrieser-Niewedder Senke in der Folge lostreten würde. Sein Waffenfund deutete auf ein Schlachtfeld hin, ein römisches zudem, mitten im damals noch nicht von Römern besetzten Teil Germaniens gelegen. Gezielte Untersuchungen begannen noch 1987, die Aufnahme archäologischer Grabungen wurde im Sommer 1989 beschlossen, sie begannen im Herbst desselben Jahres. Es ist frappierend, was die Forscher seither aufgedeckt haben: zumeist passgenaue archäologische Gegenstücke zu einem unvollständigen Geschichtspuzzle, das römische Geschichtsschreiber vor 2000 Jahren gelegt haben. Deren Thema: die Varusschlacht.

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Autor

Thomas Meinecke Redakteur zur Autorenseite

Inzwischen ist die Indizienkette lang, und sie ist erdrückend dicht. Das Fundgebiet zieht sich fast 20 Kilometer hin und erstreckt sich über 30 Quadratkilometer Fläche. Der von Wiehengebirge und Moor gebildete schmale Engpass ist wie geschaffen zum Anlegen eines Hinterhaltes. Tatsächlich haben die Archäologen einen Hinterhalt in Gestalt eines 400 Meter langen, einst knapp zwei Meter hohen Walles an strategisch besonders günstig gelegener Stelle dokumentiert. Das Kampfgeschehen zwischen Römern und Germanen vor und an diesem Wall ist durch Fundstücke und Befunde vielfach belegt. Berichtet der Chronist Tacitus von einer Bestattungsaktion sechs Jahre nach der Schlacht, so passt dazu das Entdecken von bislang acht Knochengruben. Einige Schädel weisen tödliche Kampfverletzungen auf, die Knochen haben Jahre an der Erdoberfläche gelegen, bevor sie begraben wurden.

Heereszug samt Tross wurde vernichtet

In Kalkriese nachgewiesen ist die Anwesenheit einer kompletten römischen Armee mit all ihren Truppenteilen (wie überliefert), eines Trosses (wie überliefert), von Zugtieren (wie überliefert) und sogar Frauen (wie überliefert). Bände spricht nicht allein die Zahl der Fundstücke, sondern auch deren Beschaffenheit: Mehr als 5000 römische Artefakte sind bislang geborgen worden, viele weisen Kampf- oder Plünderungsspuren auf. Auffallend hoch ist der Anteil an Fundstücken, die als wertvoll oder sogar luxuriös beschrieben werden können und die man daher nur bei einer Armee erwarten würde, die sich nicht auf einem regulären Kriegszug befand.

Schon vor mehr als 300 Jahren gab es im Schloss Barenau eine Sammlung mit 127 römischen Münzen, die alle in der Gegend gefunden worden waren. Wenige Jahre nach Grabungsbeginn wurde der Münzbestand – und damit der Fundkomplex – nach der gängigen Methode anhand der bis dahin vorliegenden 400 Exemplare datiert. Die Schlacht konnte frühestens 7 n. Chr., spätestens 10/11 n. Chr. geschlagen worden sein. Bis heute hat sich der Münzbestand mehr als vervierfacht. Die Datierung steht auf viel breiterer Basis – das Ergebnis ist das gleiche. Verglichen mit anderen römischen Fundorten ist nicht nur die Zahl der Münzen insgesamt, sondern auch der Anteil wertvoller Münzen aus Gold und Silber ungewöhnlich hoch.

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Dieses und vieles mehr erlaubt die Schlussfolgerung: Die Gegend rund um Kalkriese ist Schauplatz der Varusschlacht. Der Schauplatz? Ein Schauplatz? Das ist eine offene Frage.

Derweil geht die Forschung weiter. Die im Boden verborgenen und durch die Archäologie aufgedeckten Quellen geben zum einen Auskunft über die Fragen nach dem Wer und Wann. Und was ist mit dem Wie? Dazu möchte man gerade bei Schlachtfeldern mehr erfahren. Hier setzt eine erst wenige Jahrzehnte junge Methode innerhalb der Archäologie ein, die es ermöglichen soll, etwas über die Abläufe des einstigen Geschehens zu erfahren oder, sofern diese überliefert sind, derartige Schilderungen zu überprüfen.

Besondere Befundumstände brachten die in Kalkriese tätigen Wissenschaftler schon früh darauf, sich auch mit den Fragen nach dem Wie eingehend zu befassen. Gerade die spektakulären „Großfunde“ wie etwa die Reitermaske oder mehrere (fast) vollständig erhaltene Maultierskelette blieben nur deshalb 2000 Jahre im Boden erhalten, weil erst bestimmte Geschehensabläufe während oder kurz nach der Schlacht dafür gesorgt haben. Der Einsturz von Teilen der Wallanlage hat die heute zu findenden Großobjekte überdeckt, weshalb sie beim nach der Schlacht einsetzenden Plündern oder Fleddern übersehen wurden.

Wertstoff-Recycling auf dem Schlachtfeld

Die Sieger haben das Schlachtfeld systematisch nach Beute abgesucht und nahmen alles mit, das ihnen wertvoll erschienen: Münzen, Schilde, Speere, Lanzen, Schwerter, Dolche, Kettenhemden, Panzerrüstungen und vieles mehr. Daher finden sich davon jenseits des Wallversturzes fast nur noch kleine und kleinste, zumeist fragmentierte Reste. Zeigt allein schon das Fehlen von Großobjekten das Plündern an, so lassen viele Spuren an den zerstörten Kleinstfunden ebenfalls in unterschiedlicher Weise auf Plünderungsprozesse schließen. Den auf dem Kampfplatz liegenden, von den Plünderern nicht zu übersehenden Gefallenen wurden die Rüstungen vom Leib gerissen; dabei konnten kleinste Rüstungsteile wie Verschlusshaken, Scharniere oder Verbindungsniete abreißen und von den Plünderern übersehen werden.

Aus all dem können die Ausgräber mehrere Schlussfolgerungen ziehen. Wo die Kämpfe intensiv tobten, wo es viele Tote gab, wurde das Schlachtfeld intensiv geplündert. Deshalb blieben dort nur wenige, in der Regel kleinste Teile zurück. An den Fundorten solcher Rüstungsfragmente lagen tote Soldaten. Die weiträumige Verteilung solche Kleinstfunde auf dem Kampfplatz zeigt an, dass die Toten nach der Schlacht nicht „eingesammelt“, sondern an Ort und Stelle gefleddert wurden.

Auf Interesse stoßen verschiedene Bereiche, wo Kleinstfunde bestimmter Metallarten in auffällig hoher Zahl gefunden werden. Deutung der Wissenschaftler: Die Plünderer haben metallene Hinterlassenschaften aus Silber und Bronze, die sie nicht direkt weiterverwenden konnten, an getrennten Orten für den Abtransport gesammelt, um sie anschließend weiterverarbeiten zu können. Tatsächlich wurde wenige Kilometer westlich des Hauptkampfplatzes eine germanische Siedlung entdeckt, in der aus der Schlacht stammender Metallschrott nachweislich eingeschmolzen und weiterverarbeitet worden ist. Eine weitere Schlussfolgerung, die sich aus dem Vorhandensein dieser Sammelplätze ziehen lässt: Eine hohe Funddichte an unterschiedlichen Bereichen des Kampfplatzes zeigt nicht zwingend an, dass die Kämpfe dort intensiv getobt haben.

Knochenfunde zeigen: Armee in Auflösung

Auch zur Interpretation der Knochenfunde steuert die Schlachtfeldarchäologie interessante Gedankenansätze bei. Gefunden worden sind Knochen von Menschen, Maultieren und Pferden. Zum einen lagen die Knochen in den acht bislang entdeckten Knochengruben. In ihnen war der Anteil menschlicher Knochen deutlich höher als der von Tieren. Andererseits wurden einzelne Knochen in weiter Streuung auf dem gesamten Kampfplatz gefunden, wobei hier der Anteil der Maultier- und Pferdeknochen deutlich überwiegt. Der höhere Anteil von Menschenknochen in den Gruben und ihr geringerer Anteil auf dem Kampfplatz deuten an, dass auf dem Kampfplatz gezielt die Reste von Leichen eingesammelt worden sind, um sie zu bestatten.

In den Gruben nicht gefunden wurden komplett erhaltene Skelette. In einer Grube jedoch befanden sich Knochenensembles, beispielsweise zusammengehörige Hand- und Unterarmstrukturen. Diese „Zusammenfunde“ stammten von Körperzonen, die im Kampf leicht verletzt werden können. Plausible Erklärung: Verbände um diese verletzten Körperpartien könnten verhindert haben, dass die darin enthaltenen Knochen von Wildtieren in alle Richtungen zerstreut wurden, weshalb sie letztlich im Verbund in die Gruben gelangten. Ist diese Vermutung richtig, so ist eine weitere Schlussfolgerung möglich: In Kalkriese sind Soldaten zu Tode gekommen, die in vorangegangenen Gefechten der sich über Tage hinziehenden Schlacht verletzt und anschließend medizinisch versorgt worden waren. Darüber hinaus gewährt dieser schaurige Fund einen erschütternden Einblick in die brutale Intensität, mit der die Kämpfe an diesem Ort tobten: Zuletzt waren die Römer nicht mehr in der Lage, ihre Verletzten zu bergen – Hinweis auf einen Armeeverband, der sich auflöst.



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