×
Eine Reise durch das Innere Frankreichs

Wer Ruhe sucht, wird sie in der Auvergne finden

Das Abenteuer liegt an der kurvenreichen Landstraße: Knapp zwei Kilometer vor dem Wallfahrtsstädtchen Orcival muss man in den Waldweg abbiegen und so lange durch die fast 300 Jahre alte Lindenallee fahren, bis kein Handy mehr klingeln kann und das schmiedeeiserne Tor vom Château de Cordès zum Parken zwingt. Noch ignorieren übliche Reiseführer das Schloss Cordès und seinen Park. Das könnte sich aber bald ändern. Denn Bernard Montel und seine Frau Valérie, seit einem Jahr stolze Besitzer des einzigartigen Anwesens, haben Großes mit der historischen Idylle vor. Sie wollen das majestätische Ensemble als „Ort der Reflexion“ gestalten.

Autor:

Alexandra Glanz

Nachdenken lässt sich auf den sieben Kilometern durch die labyrinthischen Wege der barocken Gartenanlage selbstverständlich vorzüglich – ein Lustwandeln auf angenehmstem Niveau. Geplant sind auch Konzerte und Lesungen, sogar Feste mit Feuerwerk, wie sie im fernen Versailles üblich waren. Denn der Gartenbaumeister in Versailles ist derselbe wie der in Cordès: Es handelt sich um den königlichen Landschaftsgärtner André Le Nôtre; den Garten für das mittelalterliche Schloss in der Auvergne gestaltete er fünf Jahre vor seinem Tod, im Jahr 1695. Schlossbesitzer Montel, der aus der Region stammt, in der Textilbranche reich wurde und federnden Schrittes auf die 60 zugeht, möchte – so sagt der Philanthrop – dieses historische Kleinod nicht für sich und seine Frau Valérie, „sondern für die Zukunft“ sichern. Schon jetzt lohnt sich für passionierte Gartenliebhaber der Blick auf die Website: www.chateau-cordes-orcival.com.

Und Zukunft hat das vulkanische Bergmassiv im Südwesten von Clermont-Ferrand mehr als nötig. Die ländliche Auvergne ist nämlich dünn besiedelt. Ein mittelalterliches Dorf wie Charroux war noch vor drei Jahrzehnten vom Aussterben bedroht. Inzwischen verlockt seine Ferme St. Sébastien die Feinschmecker von der Autobahn 71, die von Clermont-Ferrand nach Paris führt, zum unwesentlichen Umweg und geradewegs zur hohen Kultur der französischen Küche. Der Senf für den Kaninchenbraten von Ferme-Chefköchin Valérie Saugnie kommt aus der Mühle in Charroux. Vor knapp 20 Jahren hat die resolute Simone Maenner den Handwerksbetrieb wieder in Betrieb genommen. Jetzt lässt Madame die Senfkörner vor den Augen der Touristen, die sich durch den kleinen Verkaufsraum drängeln, von dem schweren Steinrad zerdrücken.

Zuschauen schafft Vertrauen, das wissen die regionalen Produzenten inzwischen und damit lässt sich wuchern. Am Ende der Route des Fromages AOC, der Käsestraße durch die Auvergne, weiß nicht nur jedes Kind, dass der Käse aus der Auvergne keine Löcher hat, sondern auch, wie viel sorgfältige Handarbeit sich in so einem kompakten Käselaib verbirgt.

Die Ferme Bellonte in Saint-Nectaire hat aus ihrer Käseherstellung beispielsweise eine ganze Erlebniswelt gestaltet. Zuerst schaut man den Bäuerinnen zu, wie aus der Milch von Boudoudou, Rita und den anderen gut 110 Kühen (jede hört auf einen vielversprechenden Namen) jeden Tag ungefähr 90 Saint-Nectaire-Käse entstehen. Danach führt ein multimediales Spektakel in den vulkanischen Grotten unmittelbar hinter den Bauernhäusern der Familie Bellonte in die „Geheimnisse von Farges“ ein, wie die dörfliche Ansiedlung heißt.

Seit sieben Generationen stellen die Bellontes diesen kompakten Rohmilchkäse mit seiner erdigen Kruste her. Um ihn als sämige Soße über einem Kartoffelgratin zu probieren, empfiehlt sich der wohlbeleibte Alphonse, einer der drei Brüder der Ferme Bellonte: Er serviert in seiner ausgebauten Scheune einen superben Mittagstisch, wo zwar nicht alles, aber vieles Käse ist.

Das beschauliche Saint-Nectaire liegt – wie das Bergdorf Orcival mit seiner romanischen Basilika – mitten im Naturpark der Vulkane der Auvergne. Mehr als 395 000 Hektar umfasst die Bergregion mit den typisch abgeschliffenen Kegeln. Für Reisende, die das Individuelle bevorzugen, ist hier rund ums Jahr Saison. Reiten, Biken, Wandern, für alles gibt es ausgewiesene und garantiert nicht überlaufene Routen. Im Massif du Sancy liegt das Skigebiet Super-Besse. La Bourboule ist ein liebenswürdiger Badeort, der seine illustre Zeit in der Belle Époque hatte. Und wer ein Ferienhaus für maximal sieben Personen abseits aller Hektik und mit atemberaubend schöner Aussicht sucht, dem sei das Ecogîte von Yves und Martine Brocard in Bessoles-les-bois empfohlen. Monsieur ist Herr über 50 Ziegen, Madame Biologielehrerin, und ihr einst als Scheune benutztes Feriendomizil kostet in der Saison 560 Euro pro Woche – inklusive der Pilze, die im nahen Wald wachsen.

Zum Schluss ein Hinweis auf ein in Frankreich immer weiter verbreitetes Gütezeichen: die Station Verte, die Grüne Station. Das Emblem für die vor 45 Jahren gegründete Vereinigung zeigt zwei tanzende Kinder in einem grünen Kreis. 600 Stations Vertes gibt es inzwischen in Frankreich; in der Auvergne befinden sich 61. Eine Station Verte meint immer ein Urlaubsziel, in dem sich alles um die Natur dreht und der Erholungssuchende von den Besonderheiten des Landes beeindruckt werden soll. Und dafür darf im tiefsten Herzen Frankreichs, im Tal des Sioulet, als Vorspeise auch schon mal eine dicke Scheibe Gänsestopfleber auf einer dünnen Scheibe Gewürzkuchen serviert werden. Wie das schmeckt? Eben so, dass der berühmte Gott in Frankreich nichts zu meckern hat.

Anreise: Eine ländliche Region wie die Auvergne hat einen Nachteil: Das Auto ist unerlässlich, um all die touristischen Kleinode zu erreichen.

Literatur: Michelin Auvergne Berry: „Der Grüne Reiseführer Auvergne“, 392 Seiten, 19,90 Euro, ISBN: 978-3834289827.




Anzeige
Weiterführende Artikel
    Anzeige
    Kontakt
    Redaktion
    Telefon: 05041 - 78932
    E-Mail: redaktion@ndz.de
    Anzeigen
    Telefon: 05041 - 78910
    Geschäftsanzeigen: Anzeigenberater
    Abo-Service
    Telefon: 05041 - 78921
    E-Mail: vertrieb@ndz.de
    Abo-Angebote: Aboshop

    Keine Zeitung bekommen? Hier zur Zustell-Reklamation.
    X
    Kontakt