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Alte Werte neu entdeckt: Heidrun Kuhlmann erklärt, warum die Familie wichtig ist - und warum Knigge Recht hatte

"Wer eine Garantie haben will, soll einen Toaster kaufen"

Rolfshagen. Sprechen wirüber Werte. Wie Aristoteles, der schon vor 2000 Jahren beklagte, dass die Jugend so faul, so bequem und so aufmüpfig sei. Oder über einen Ratgeber, der etwas später, nämlich 1956, Frauen als Rezept für eine glückliche Ehe riet, ihren Gatten mit einem warmen Lächeln und frisch geschminkt zu empfangen und ihm vor allem zuzuhören, bevor sie selbst den Mund öffne. Doch bevor die männliche Leserschaft jetzt schenkelklopfend "Werteverfall" ruft: Ein bisschen subtiler ist das Weltbild, das Heidrun Kuhlmann bei ihrem Vortrag "Alte Werte neu entdeckt" vermittelt, denn doch. Nach den Tagen, als am Sonnabend die Familien der Reihe nach ein Bad in der Zinkwanne in der Waschküche im gleichen Wasser nahm, sehnt sie sich nämlich keineswegs zurück. Denn früher war nicht alles gut, und heute ist nicht alles schlecht, erklärt sie auf dem Gemeindenachmittag der Kirche Kathrinhagen/Rolfshagen. Schließlich habe noch vor 100 Jahren der Ehemann das Recht der körperlichen Züchtigung seiner Frau innegehabt und auch ausgeübt.

Heidrun Kuhlmann

Autor:

Frank Westermann

Die Großfamilie: Das war nicht immer heile Welt, erklärt die Auetalerin, "da gab es auch Streit und Zoff". Aber entscheidend sei, wie gestritten wird: "Das lernt man in der Familie." Denn gute Manieren, das sei der Kitt zwischen den Menschen. Knigge habe einst seine Benimmregeln aufgestellt, damit der Mensch Respekt vor seinem Nebenmann habe. Die Würde des anderen Menschen achten - das wollte Knigge umgesetzt haben, erklärt Kuhlmann. Und: "Was Hänschen nicht lernt, das muss Hans in teuren Seminaren nachholen", unterstricht sie den noch heute (oder heute wieder) allgemein gültigen Aspekt des Respekts. Gute Manieren alsästhetischer Ausdruck einer Moral, das ist die eine Seite der Medaille. Die andere, das ist die durch nichts zu ersetzende Nähe eines Menschen. Hut aufgehoben zu sein, wenn man alt und krank sei, darauf habe der Mensch ein Recht: "Wir müssen einfach wissen, wo wir hingehören." Ob Großfamilie oder Alleinerziehende mit Kind: Es gibt durchaus verschiedene Wege, Familie zu gestalten, erklärte Kuhlmann: Eva Hermann, Ursula von der Leyen, Alice Schwarzer - "irgendwo dazwischen liegt für eine Frau der goldene Mittelweg." Das schließe eine Karriere keineswegs aus, ganz abgesehen davon, dass es schon eine "Karriere" sei, dieses Leben überhaupt zu meistern. Ehrenamt, Nachbarschaftshilfe, sich Zeit für die Familie und sich selbst zu nehmen: Kuhlmann spannt einen weiten Bogen bei den Werten, der sie sogar zum Mensch-ägrere-dich-nicht-Spiel führt: Hier würden schon die Kleinsten spielerisch lernen, dass man im Leben nicht immer nur gewinne. Zur erfolgreichen Lebensbewältigung gibt es keinenFahrstuhl. "Man muss die Treppe nehmen", erklärte Kuhlmann, denn das Leben sei bunt, vielfältig - und unvorhersehbar. Eine Garantie gibt es im Leben nicht, führte die Auetalerin aus und zitierte den US-Schauspieler Clint Eastwood: "Wer eine Garantie haben will, soll sich einen Toaster kaufen."

Ob Großfamilie, Alleinerziehende Mutter, die sorgende Patentante
  • Ob Großfamilie, Alleinerziehende Mutter, die sorgende Patentante oder auch nur die Nachbarin: Wichtig ist, dass der Mensch sich gut aufgehoben fühlt. Fotos: rnk
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