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Schulkinowochen: Buchverfilmung "Der Herr der Diebe" als Unterrichtsthema

Wenn Schüler mal Kritiker sein dürfen

Rinteln (cok). Dass man im Deutschunterrichtüber einen Kinofilm redet, den wirklich alle Schüler gesehen haben, das kommt sehr selten vor. In der letzten Woche aber schien es in ganz Niedersachsen - und so auch in Rinteln - der normale Schulalltag zu sein. Während der vierten "Schulkinowochen" bot das Kinocenter der Familie Ruhs eine breite Palette von Spielfilmen für jedes Alter an. Etwa 2000 Schüler kamen, darunter auch die Klasse 6c der Hildburg-Realschule.

Die Deutschlehrerin Heidegret Eikmeier hatte ihre Schüler in die Verfilmung von Cornelia Funkes "Der Herr der Diebe" begleitet, die Geschichte zweier elternloser Brüder, die voneinander getrennt werden sollen und bei einer jugendlichen Diebesbande in Venedig Unterschlupf und Unterstützung finden. Der "Herr der Diebe", Sohn eines reichen, aber gefühllosen Vaters, verwickelt sie in allerlei phantastische Abenteuer, die am Ende dazu beitragen, dass Kinder und Erwachsene sehr viel mehr über sich und ihre Gefühle wissen als zu Beginn. "Zuerst war ich gar nicht so von der Vorstellung begeistert, dass die Kinder einen Film sehen würden, in dem das Klauen eine so wichtige Rolle spielt", sagt die Lehrerin. "Ich war mir nicht sicher, ob der Film wirklich schon für Sechstklässler geeignet ist." Da es aber der Sinn der Schulkinowochen ist, sich zunächst gemeinsam auf einen Kinobesuch vorzubereiten und danach über den gesehenen Film zu unterhalten, war sie doch sehr neugierig darauf, wie ihre Schüler die Thematik aufnehmen würden. Die waren alle sehr angetan von Regisseur Richard Claus' Verfilmung und keineswegs, wie sich im Unterrichtsgespräch herausstellte, in Gefahr gewesen, das Diebesleben zu verherrlichen. "Ich würde niemals klauen", sagte einer der Jungen. "Schließlich ist es nicht meine Lieblingsvorstellung, in den Jugendknast zu wandern." Nur im allergrößten Notfalldürfe man auch mal was stehlen. So wie zum Beispiel der ältere Bruder im Film, der aus der Not heraus überlegt, ob er eine für seinen kleinen Bruder lebenswichtige Medizin aus der Apotheke mitgehen lassen soll. "Schließlich ist das Leben eines Menschen wertvoller als diese Medizin", meint ein Mädchen. Die meisten Schüler kannten das Jugendbuch von Cornelia Funke nicht, aber sie hatten gemeinsam eine Leseprobe gehört und sprachen nun in der Nachbereitung darüber, ob sich die Bilder, die sie sich von den Hauptpersonen gemacht hatten, im Film wiederfinden ließen. Dafür Worte zu finden, war gar nicht so einfach. Viel spannender erschien es den Schülern, über das schwierige Vater-Sohn-Verhältnis, das im Film thematisiert wird, zu sprechen. "Es war eine Geschichte, die traurig ist und über die man gleichzeitig lachen konnte", sagt ein Mädchen und hat damit sicherlich erfasst, was die meisten wirklichberührenden Erzählungen ausmacht. Es war ein erstaunlich ruhiges, konzentriertes Gespräch im Klassenraum, das einfach dadurch gesteuert wurde, dass der Schüler, der zuletzt gesprochen hatte, einen anderen der sich meldenden Schüler drannahm. "Ach, bei uns ist es eigentlich immer so ruhig und gut", meint Heidegret Eikmeier. Sie hatte ihren Schülern dieses Filmerlebnis sehr gegönnt, auch wenn sie dadurch etwas in Verzug kam, was das Lehrplanthema in der Klasse betrifft: "Vorgangsbe- schreibung" steht als Thema der nahenden Klassenarbeit an. "Das ist ganz schön schwierig", sagen einige der Schüler. Aber sie werden es schon schaffen...




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