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Die neue Jahreszeit beginnt für die Landfrauen auf dem Pilgerweg.

Wenn nichts mehr geht, geht man los

REHREN/RINTELN. An einer Weggabelung, kurz nach Rannenberg, hat er einmal einen Engel aus Glas aufgestellt, der die hier vorbeikommenden Wanderer und Pilgerer schützen sollte, erzählt Herrmann Meier.

Kleine Geschichten und etwas für die Besinnung bietet Pilgerbegleiter Hermann Meier den Landfrauen an. FOTO: Frank Westermann
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Frank Westermann Redakteur zur Autorenseite

Anderthalb Jahre stand der Engel dort, dann wurde er von jemanden mitgenommen. Zuerst, sagt der Pilgerbegleiter, hat er sich geärgert, natürlich, aber dann hatte er doch ein Einsehen, denn: „Wer einen Engel klaut, der wird ihn wohl auch bitter nötig haben.“

Meier ist Pilgerbegleiter der allerersten Stunde, nachdem der Weg von Volkenroda nach Loccum geöffnet wurde, und Schnurren kann er mehr als genug erzählen, im Laufe der Jahre sammelt sich ja einiges an, wenn man immer wieder mit Menschengruppen unterwegs ist. Am ersten Sommertag pilgert er mit den Landfrauen Rinteln/Hessisch Oldendorf von Rehren nach Rohdental, weil die Landfrauen an jedem ersten Tag einer neuen Jahreszeit in die Natur aufbrechen, um sich bewusst zu machen, dass nun, genau heute, eine neue Jahreszeit beginnt.

Den Unterschied zwischen Pilgern und Wandern erklärt Meier in der Kapelle Rehren, wo mit einer kleinen Andacht begonnen wird: „Aus den Tretmühlen des Alltags das Empfinden für das Gute stärken und erkennen, was für uns wichtig ist“, das sei Pilgern, mit den Füßen beten; die innere und äußere Unruhe eine Zeit lang abstreifen und aufs Neue staunen lernen, bei sich selbst ankommen – alles ist möglich, sagt Meier, „wir können es vielleicht beeinflussen, aber nicht vorherbestimmen“. Wenn nichts mehr geht, dann geht man los, und auch darin liegt die Faszination des Pilgerns. Der Weg wird Antworten auf die ganz persönlichen Fragen des Lebens bereithalten.

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Die Pilgersöckchen FOTO: Frank Westermann

Über 300 Kilometer lang ist der Weg, den 1163 zwölf Mönche und ein Abt gingen, und der durch das Eichsfeld, den Vogler und Solling und das Wesergebirge führt, aber hier, im Auetal, mit Blick auf Kath-rinhagen und den Bückeberg, hier im Wesertal, „da ist er am schönsten“, erklärt Meier anfangs, „ich sag es euch“.

In Rehren gibt es einen Wegbegleiter, denn seit 2012 können Pilgerer kleine selbst gestrickte Segenssöckchen mitnehmen; so ist selbst jemand, der den Weg nur für sich geht, nicht ganz allein.

Dreimal wird auf dieser kleinen Etappe gesungen, einmal wird für eine längere Zeit geschwiegen, allein hängt man beim Abstieg durch den lichtgesprenkelten Wald den Gedanken nach, und genau dies hatte Meier zuvor angeregt: auch mal nach innen hören.

Auch der große Reformator wird unterwegs erwähnt. Martin Luther war kein Freund des Pilgerns, sagt Meier, denn Pilgern war im 16. Jahrhundert etwas, dass man auf sich nahm und anschließend war alle Schuld vergeben; Pilgern sei ein „Narrenwerk“, hatte Luther erklärt, denn allein durch die Gnade Gottes erfährt der Mensch das Heil: Da hilft keine Wallfahrt – und läuft der Pilger noch so weit.

Und vielleicht geht es heute auch darum, auf dem Weg zu erahnen, dass hier seit Jahrhunderten Menschen unterwegs waren, die ganz ähnlich gefühlt haben wie die Landfrauen im Juni 2017, dem ersten Tag einer neuen Jahreszeit.



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