weather-image
25°

Wenn Medikamente zum Problem werden

Bad Münder. Die Zahlen sind alarmierend: Rund 400 000 Menschen in Deutschland im Rentenalter haben ein Alkoholproblem. Und noch deutlich höher – nach Schätzungen von Experten vier Mal so hoch – ist die Zahl derer, die problematisch mit Medikamenten umgehen. Tendenz steigend. Die Diakonie in Bad Münder nimmt sich jetzt des Tabu-Themas an: Sie startet ein Pilotprojekt zum Thema „Sucht im Alter“.

270_008_6765450_lkbm101_2911diakonie_Sucht025.jpg

„Erst die Rente. Sich drei Monate wie im Urlaub gefühlt, dann kam die große Leere – und dann war Alkohol als der große Tröster da.“ Bernhard Fischer, kommissarischer Leiter der Fachstelle für Sucht und Suchtprävention in Hameln, kennt viele Lebensläufe dieser Art. Seit Jahren setzt sich der Sozialarbeiter gemeinsam mit seiner Kollegin, der Psychologin Daniela Funck, mit dem Suchtverhalten älterer Menschen auseinander. Sie begleiten die Projektidee, die aus dem münderschen Arbeitskreis Diakonie, in dem alle sieben evangelischen Kirchengemeinden der Stadt, der Pfarrgemeinderat und Mitarbeiter des Diakonischen Beratungszentrums organisiert sind, stammt. Die sieben Gemeinden sind es auch, die aus ihren Diakoniemitteln ein Drittel der Kosten des Projektes übernehmen, zwei Drittel übernimmt das Diakonische Werk der Landeskirche Hannovers. „Wir wollen das Suchtverhalten älterer Menschen auch in Bad Münder zum Thema machen und in den Fokus der Menschen rücken, die mit und für ältere Menschen arbeiten“, macht Pastorin Frauke Kesper-Weinrich für den Arbeitskreis Diakonie deutlich.

Ansprechpartnerin in Bad Münder ist Hildegard Wüstefeld, sie wird in den kommenden drei Jahren im Diakonischen Beratungszentrum an der Angerstraße mit zehn Wochenstunden für das Projekt zuständig sein. Dabei geht es zu einem großen Teil auch darum, durch Vernetzung und Sensibilisierung von Beratungsdiensten, Sozialdiensten, medizinischen und pflegerischen Diensten und Kirchengemeinden im münderschen Raum das Bewusstsein für Suchtgefahren im Alter zu wecken.

„Der Körper von älteren Menschen verändert sich. Alkohol und Medikamente werden nicht mehr so gut abgebaut wie bei jüngeren Menschen“, erklärt Daniela Funck. Ein Umstand, auf den sie in der Beratung immer wieder hinweist: der schnelle Schritt in eine Abhängigkeit. Schon nach relativ kurzer Zeit, sechs bis acht Wochen, kann bei Einnahme von Schmerz- oder Beruhigungsmitteln eine Abhängigkeit eintreten.

Ein anderes Problem: der „schädliche Gebrauch“ von Alkohol. „Menschen können über Jahre ihre zwei Biere trinken, doch ab dem 60. Lebensjahr baut sich der Körper um. Mehr Fett, weniger Muskeln – und wenn dann die gleiche Menge konsumiert wird, gibt es an den Organen größere Schädigungen“, erläutert Bernhard Fischer.

In dem Projekt soll es aber ganz explizit nicht darum gehen, das Suchtverhalten einzelner Menschen anzugreifen – es sollen Hilfestellungen aus der Sucht heraus gegeben werden, das Bewusstsein für die Problematik in einer breiten Öffentlichkeit geweckt werden. Entwickeln könnte sich aber auch eine Selbsthilfegruppe, wie es sie in Hameln bereits gibt.

Hildegard Wüstefeld ist freitags unter 05042/503447 sowie per Mail unter hildegard.wuestefeld@evlka.de zu erreichen.jhr

Anzeige
Weiterführende Artikel
    Anzeige
    Anzeige
    Kommentare