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Einblicke in die Entwicklung der heimischen „Alternativheilkunde“

Wenn man öfter davon nehmet…

So eine Person in Ohnmacht oder gleichsam in Zügen liegt, so muss man solcher den Mund mit Gewalt aufmachen, und einen Teelöffel voll eingeben, sie wird in etlichen Minuten so gegenwärtig sein, daß sie entweder wiederum genesen, oder auf das wenigste zur Entfernung der letzten heiligen Sakramente gelangen kann“ heißt es in einem vor 100 Jahren hierzulande verteilten Werbeprospekt. Darin wurde die „Kraft und Wirkung des Englischen Wunder-Balsam nebst dessen inner- und äußerlichem Gebrauch“ gepriesen. Laut Beschreibung war die bei Bäcker Dreier in Scheie erhältliche Mixtur äußerst vielseitig einsetzbar. „Wenn man öfter davon nehmet, oder daran in die Nase schnupft, und den Wirbel auf dem Kopf damit schmieret, so vertreibt solches die Hauptschmerzen und stärkt zugleich das Gehirn, vertreibt den Schwindel, stärkt das Gedächtnis, und heilet auch den Rauden in der Nase.“

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Autor:

Wilhelm Gerntrup

Der Wunder-Balsam war nur eines von zahlreichen, wahrhaft wundersamen Arzneimitteln, die damals hierzulande auf dem Markt waren. Fürs handwerkliche Auskurieren von Leiden und Gebrechen bot jeder Art bot sich ein Heer selbst ernannter Sachverständiger an. Das Geschäft mit „Alternativ-Medizin und -Heilkunst“ blühte. Hauptzielgruppe waren die Leute auf dem Land. Das hatte nicht nur mit dem dort noch besonders ausgeprägten Sinn fürs Übersinnliche, sondern auch mit der medizinischen (Unter-) Versorgung der Dorfbewohner zu tun. Studierte Mediziner und gelernte Arzneimittelhersteller gab es bis in die Zeit nach dem Zweiten Weltkrieg hinein nur in Städten.

Auslöser des gegen Ende des 19. Jahrhunderts einsetzenden Laien-Mediziner-Booms war die Lockerung der Handels- und Gewerbevorschriften. Mit Einführung einer neuen Gewerbeordnung 1869 hatte man auch die meisten der bis dato in puncto Heilkunde und Heilmittel geltenden Verbote gekippt. Die neue „Kurierfreiheit“ rief eine immer größere Zahl nichtstudierter Heilsprediger und Wunderheiler auf den Plan. Nicht alle waren vorrangig am Wohl ihrer Linderung suchenden Kundschaft interessiert. Im Gegenteil. Die Akten des Bückeburger Staatsarchivs sind voll von Klagen, Beschwerden, polizeilichen Untersuchungsberichten und Gerichtsprotokollen. Als Sammelbegriff für die neue Heiler-Zunft bürgerte sich der Begriff „Kurpfuscher“ ein.

Einer ihrer ersten und bekanntesten heimischen Vertreter dieser Zunft war Heinrich Voigt aus Heeßen bei Bad Eilsen. Voigt hatte bis 1902 mit Kohlen gehandelt. Dann erweiterte er sein Sortiment um „Drogen, Hausmittel und nützliche Haushaltungsartikel“. In einer über Schulen und Vereine im Schaumburger Land verteilten Liste waren mehr als 400 Einzelartikel aufgeführt. Die Palette reichte vom Alaunpulver („zum Gurgeln, außerdem zu Fußbädern“) bis zu Zahnkitt („zum Selbst-Plombieren der Zähne“). Außerdem waren in Heeßen, neben Kohlen, unter anderem auch Fliegenpapier, Gichtringe, Hühneraugentalg, Monatsverband für Damen, Mottentot und/oder Silberofenschwärze zu haben. Das in den amtlichen Gewerbelisten als „Heinrich Vogt, Drogerie und Kohlenhandlung“ registrierte Geschäft erwies sich als Goldgrube. Schon bald konnte das Unternehmen zu „Voigt’s Natur-Heilanstalt“ erweitert werden.

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Neben ambulanter Behandlung wurden Langzeitkuren auf „allopathischer“ Grundlage angeboten. Betreiber Voigt sah sich in der Folgezeit etlichen Schadenersatzklagen ausgesetzt. Auch der anfangs als ärztlicher Direktor eingestellte Dr. Friedrich Hey. der zuvor mehrere Jahre als Missionsarzt in Afrika gearbeitet hatte, geriet später mit umstrittenen, in Bückeburg produzierten Heilpräparaten in die Schlagzeilen. In Voigts Naturheilanstalt ging er mittels Lichtheilverfahren und Vierzellenbädern gegen Lungenleiden, Rheumatismus und Knochentuberkulose vor.

Mit dem stetig zunehmenden Marktanteil der „Alternativ-Medizin“ wuchs auch die Kritik. Besonders lautstark meldeten sich die studierten und examinierten, seit 1873 im „Deutschen Ärztevereinsbund“ organisierten Mediziner zu Wort. „Es ist eine bedrückende Erfahrung, dass in einer Zeit, in welcher die medizinische Wissenschaft so gewaltige Fortschritte gemacht und glänzende Beweise ihres Könnens abgelegt hat, der Wasser- und Kräuterdoktor, der Homöopath und der Magnetiseur eine gläubige Menge leidender Menschen um sich zu sammeln versteht“, hieß es in einer Anfang des 19. Jahrhunderts im kaiserlichen Deutschland gestarteten Aufklärungskampagne. In die gleiche Kerbe schlug der „Deutsche Verein für Volks-Hygiene“. Und auch die hiesigen Zeitungsredakteure waren um Aufklärung bemüht. „Das sogenannte Naturheilverfahren bildet in den meisten Fällen weiter nichts als die Maske für den dreisten und unerhörten Schwindel der Kurpfuscher, die ihr Geschäft mit falschen Vorspiegelungen und mit Einwirkungen auf Aberglauben und Einfalt machen“, war in einer groß aufgemachten Artikelserie im Mai 1907 in der Schaumburg-Lippischen Landes-Zeitung zu lesen. „Es ist unter der Sonne nichts zu dumm, es findet doch sein Publikum“.

Noch mehr als Appelle an die Vernunft wirkten die zahlreichen und oft haarsträubenden Presseberichte über von Kurpfuschern zu Tode behandelte Patienten. Sowohl die kaiserliche Berliner als auch die seit 1918 amtierende demokratische Weimarer Regierung unternahmen mehrere Anläufe, um den ausufernden Missbrauch durch Einschränkung der Kurierfreiheit zurückzufahren. Doch daraus wurde nichts. Gefragt sei vor allem beharrliche Aufklärungsarbeit, war aus den Reihen der liberalen Reichstagsparteien zu hören. Im Übrigen dürfe und müsse man dem gesunden Menschenverstand der Bürger vertrauen. Auch die Hobby- und Wunderheiler-Zunft wehrte sich heftig gegen jedwede Einschränkung ihrer Tätigkeit. Die Naturheilkunst könne sich auf Jahrtausende alte Erfahrungen stützen und sei deshalb um ein Vielfaches weiser und wirksamer als die einstudierte wissenschaftliche Lehre, so die schon damals gern und oft verbreitete These.

1933 setzte das NS-Regime dem Glaubenskrieg ein Ende. Die neuen Machthaber standen aufgrund ihres ideologischen Selbstverständnisses einer aus „völkischem Wissen und Brauchtum“ gespeisten Heilkunst von Anfang an positiv gegenüber. „Es gibt Heilmethoden, die nicht im Einklang mit der Schulmedizin stehen, aber dennoch Erfolge aufweisen und der an der Universität gelehrten Medizin häufig sogar überlegen sind“, machte Reichsärzteführer Wagner im Oktober 1933 im „Deutschen Ärzteblatt“ den Standpunkt der neuen Regierung klar.

Zunächst ging man – wie bei Ärzten, Hebammen und allen anderen, mit Medizin und Hygiene befassten Berufsgruppen – daran, das Gesundheitswesen zu „säubern“. Ausbildung, Prüfung und Zulassung wurden dem „Heilpraktikerbund Deutschlands“ (später „Deutsche Heilpraktikerschaft“) übertragen. Wer über die „nötige politische und sittliche Eignung“ verfügte, arisches Blut in den Adern hatte und dem Regime zugetan war, konnte auf der Grundlage des 1939 auf den Weg gebrachten „Gesetzes über die berufsmäßige Ausübung der Heilkunde ohne Bestallung“ unter der offiziellen Bezeichnung „Heilpraktiker“ weitermachen. Die Richtung gab ein „Reichsheilpraktikerführer“ vor. Künftig dürften „nur noch fachlich und moralisch geeignete Personen die Heilkunde ausüben“, ließ die Schaumburger Zeitung ihre Leser wissen. Die seit 1869 gesetzlich garantierte Kurierfreiheit habe dazu geführt, „dass sich auch Personen dem Heilberuf zuwandten, die weder Heilbegabung noch Heilfähigkeit besaßen“.

Das während der NS-Zeit entwickelte Berufsmodell lebte nach 1945 fort. Mehr noch. Neuartige, aus Homöopathie, Anthroposophie, Spagyrik und anderen Heilslehren abgeleitete Anwendungsformen haben eine schier unübersehbare Fülle von Anbietern und Angeboten entstehen lassen. Kritiker wittern – heute wie damals – hinter all’ dem eine gehörige Portion Hokuspokus. Auch den Englischen Wunder-Balsam gibt es noch.

Erfolgreich aber umstritten: Voigt’s Natur-Heilanstalt in Heeßen bei Bad Eilsen – hier ein 1907 aufgelegter Werbeprospekt.gp (3)

Eine der zahlreichen, 1906 vom „Deutschen Verein für Volks-Hygiene“ herausgegebenen Aufklärungsschriften mit dem Titel „Kurpfuscherei und Aberglaube in der Medizin“.

Zu den absonderlichsten Wunderheilern und Wanderpredigern in der ersten Hälfte des vorigen Jahrhunderts gehörte ein gewisser Gustav Nagel, der zeitweise in Erdhöhlen und dichten Wäldern hauste, 1907 auch für längere Zeit am Steinhuder Meer kampierte und dort zu seinen von weit her anreisenden Jüngern predigte.

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