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Wenn Haustiere auf der Strecke bleiben

Allein von Ende Mai bis September werden jedes Jahr bundesweit etwa 70 000 Tiere ausgesetzt, in der Wohnung zurückgelassen oder offiziell abgegeben, damit der Reise nichts im Wege steht. Oder Hunde, Katzen und andere Vierbeiner werden als gefunden ausgegeben, obwohl sie den angeblichen Findern in Wirklichkeit selbst gehören. Ein beliebter Trick, der offenbar so häufig vorkommt, dass man ihn beim Deutschen Tierschutzbund in Bonn „den Klassiker“ nennt, wobei der bittere Unterton kaum zu überhören ist. Über den Prozentsatz der Trickser lassen sich höchstens Vermutungen anstellen.

Autor:

Stefan Lyrath

Ein ganz normaler Wochentag im Bückeburger Tierheim, wo rund 200 Tiere auf neue Besitzer warten, zur Hälfte Katzen, ein Viertel Hunde. Fast ununterbrochen klingelt das Telefon, Menschen stehen Schlange, es ist tierisch was los. „Wir sind an der Grenze unserer Kapazität angelangt“, sagt Monika Hachmeister, Vorsitzende des Tierschutzvereins Bückeburg, Rinteln und Umgebung. Zuletzt musste sogar die Futterküche als Quartier dienen.

Seit kurz vor den großen Ferien, so die Statistik, sind 14 Fundhunde am Hasengarten gelandet. Aus Sicht Hachmeisters wurden alle ausgesetzt, „sonst hätte sie ja jemand abgeholt“. Hinzu kamen im selben Zeitraum „34 weggeworfene Katzen“, wie es die Frau vom Tierheim nennt. „Katzen sind zur Wegwerf-Ware unserer Gesellschaft geworden. So kann es nicht weitergehen. Bald haben wir südländische Verhältnisse.“ Hachmeister kämpft dafür, dass das „Paderborner Modell“, eine Kastrationspflicht bei frei laufenden Katzen, bundesweit zur allgemeinen Vorschrift wird.

Im Juni, mitten in der großen Hitzeperiode, stand eine Box vor dem Tierheim Stadthagen (acht Hunde, 25 Katzen). Voller Angst drängten sich eine Katzenmutter und ihre fünf Welpen aneinander. Wer auch immer diese Tiere in die pralle Mittagssonne gestellt hat: Er oder sie muss gewartet haben, bis die Frühschicht gegangen war.

Im Karton ausgesetzt: Katze Lilly auf dem Arm von Petra Oestreich, ehrenamtliche Mitarbeiterin in der Nenndorfer Tierauffangstation.

Eher durch Zufall erschien einer halbe Stunde danach Kerstin Kassner. Die nächste Schicht wäre erst knapp drei Stunden später angetreten. „Einen Tag waren die Babys alt‘‘, erinnert sich Kassner, Vorsitzende des Tierschutzvereins Stadthagen. „Sie wären in der Hitze gestorben. Viele Leute lassen ihre Katzen einfach nicht kastrieren.“

Dass Miezen einfach bei Nacht und Nebel über den Zaun geworfen werden, ist in Bückeburg schon vorgekommen. Katzen werden am häufigsten ausgesetzt. „Wir würden schrecklich gern eine Klappe für Hunde und Katzen bauen“, sagt Monika Hachmeister. „Dann kommen die Tiere wenigstens sicher bei uns an.“ Allein, es fehlt das Geld. Wer ein gut erhaltenes Gartenhäuschen hat, kann sich melden. Dies würde dann zur Notbox umgebaut.

Wenn’s in den Traumurlaub geht, beginnt auch für viele Hunde der Albtraum. Vor zehn Tagen etwa lief Lupo, ein Mischling, kreuz und quer über die Bundesstraße am Bückeburger Tierheim, bis er schließlich eingefangen wurde. „Er hatte noch die Milchzähne“, berichtet Monika Hachmeister.

Oder Spike, ein aufgewecktes Kerlchen, vielleicht ein Jahr alt, gefunden in Eisbergen. Am Hals des Schäferhund-Mischlings hing noch der Rest einer abgerissenen Kette. Oder Hündin Sandy, ein Pitbull-Mix, gefunden Mitte Juni, pünktlich zum Beginn der Ferien. Woher die Bissverletzungen an Sandys Hals kommen, weiß Julia Wegener, im Bückeburger Tierheim für Hunde zuständig, auch nicht. Oder Willi. Völlig verängstigt stand der Mischling vor knapp drei Wochen auf einem Rastplatz an der Autobahn bei Bad Nenndorf und kläffte sich die Seele aus dem Leib. Es wird wohl einige Zeit dauern, bis Willi seine Angst überwunden hat.

Es ist ein Hundeleben. Und doch haben Lupo, Spike, Sandy und Willi noch Glück gehabt, wenn man so will. Andere Hunde oder Katzen werden entsorgt wie Müll, wenn es in den Urlaub gehen soll. Jutta Schneider, Vorsitzende des Vereins Tierschutz Rodenberg/Bad Nenndorf und Umgebung, zuständig für 22 Ortschaften, kennt schlimme Fälle, nicht nur aus der Ferienzeit. Aber sie will nicht darüber sprechen. Nur so viel: „Manche Bilder sind kaum zu verkraften.“ Andererseits: „Tierschicksale sind manchmal auch Menschenschicksale.“ Hartz IV lässt grüßen. „Viele Leute sind nicht mehr bereit, Tiere zu unterhalten“, sagt Monika Hachmeister. „Oder sie können es nicht.“

Jutta Schneider sitzt im kleinen Büro der Nenndorfer Auffangstation hinter der Kläranlage. „Die Verrohung hat zugenommen“, glaubt sie. Einmal musste ein Rassekater, von seinen Besitzern einfach vor die Tür gesetzt und plötzlich ganz auf sich allein gestellt, in Narkose gelegt werden, um das völlig verfilzte Fell scheren zu können. „Aus ihm war ein wildes Tier geworden, das uns sonst angegriffen hätte.“

Dennoch empfindet Jutta Schneider keine Bitterkeit, obwohl ihr Glaube an die Menschheit manchmal verloren zu gehen droht. „Wir kämpfen dagegen an, es sind ja nicht alle schlecht“, sagt sie. „Und wenn ich dann in dankbare Tieraugen blicken darf – das ist meine Motivation.“

Vom großen Ansturm ist die Auffangstation in Bad Nenndorf (elf Hunde, 30 Katzen) verschont geblieben, verzeichnet aber grundsätzlich eine Zunahme bei Kleintieren. Sieben Farbratten, ausgesetzt in einem Garten, und vier kleine Katzen, die morgens vor der Haustür einer Mitarbeiterin standen, sind dort gelandet. Jedoch kein einziger ausgesetzter Hund.

Der Eindruck kann täuschen. Manchmal laufen ausgesetzte Tiere in ihrer Panik viele Kilometer weit und tauchen zum Beispiel als Fundtiere in der Region Hannover auf. „Tiere auszusetzen ist strafbar“, erinnert Jutta Schneider, fordert härtere Sanktionen und auch sonst ein Umdenken: „Für jedes Tier müsste es zur Kennung generell eine Chip-Plicht geben.“

Monika Hachmeister, eine sehr bestimmte Frau, gönnt sich zwischendurch auf die Schnelle eine Zigarette. „Manchmal könnte man verzweifeln“, sagt sie zwischen zwei Zügen. „Diese Wegwerf-Mentalität macht uns zu schaffen. Und sie nimmt immer mehr zu. Viele kaufen sich nach dem Urlaub etwas Neues. Das geht durch alle Schichten.“

Was sind das für Menschen, die Tiere wegwerfen? „Sicher keine Tierfreunde“, knurrt Hachmeister. „Wer nicht bereit ist, mit persönlichen Bedürfnissen zurückzustehen, sollte sich kein Tier anschaffen. Nie mehr.“ Hunde oder Katzen abzuweisen kommt nicht infrage. „Aber ich erwarte Ehrlichkeit und eine Abgabespende“, appelliert Hachmeister an alle, die eigene Tiere als fremde ausgeben.

Geld ist ein trauriges Thema im Tierschützverein Bückeburg, Rinteln und Umgebung, wobei die „Umgebung“ aus Auetal, Bad Eilsen, Obernkirchen und Porta Westfalica besteht. „Die Zuschüsse der Kommunen decken die Ausgaben des Tierheims nur zu 20 Prozent“, rechnet die Chefin vor. „Im Frühjahr mussten drei Mitarbeiter entlassen werden. Sonst hätte ich dieses Haus nicht halten können.“

Überzählig sind Tiere nicht nur im Sommer, sondern auch zu anderen Jahreszeiten. „Der letzte November hat alles getoppt“, erzählt Monika Hachmeister. Allein ein Dutzend alter Hunde sei damals im Tierheim gelandet. „Aber im November geht’s ja auch auf den Ski-Urlaub zu.“

Übrigens: Alle Tierheime vermitteln auch.

Festgebunden an Leitplanken. Ausgesetzt im Wald. Dem Tierheim vor die Tür gestellt, verschnürt wie ein Paket. Viele Hunde und noch mehr Katzen teilen in den Sommermonaten ein Schicksal: Das Letzte, was sie von ihren Menschen hören, ist ein aufheulender Motor. Ferien gehen vor, so sehen es die Herrchen oder Frauchen. Und Tiere gibt es ja wie Sand am Meer. Holen wir uns nach dem Urlaub halt ein neues, ganz klein, so süß.




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