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Therapien, Rückfälle, Knast – ein Ex-Junkie berichtet von seiner Zeit als Heroinabhängiger

Wenn Drogen das Leben bestimmen

Der Mittdreißiger mit der schwarzen Jacke steht mittendrin in dem freundlich und modern eingerichteten Raum. Er schaut sich um, doch direkter Blickkontakt scheint ihm unangenehm zu sein. Der Mann dreht sich weg, in Gedanken versunken schlürft er den heißen Kaffee. Noch ist es ruhig im Café Inkognito. Der große Ansturm, sagt Achim Degen, käme erst gegen Mittag. „Wenn die Hamelner Tafel wie an jedem Freitag Lebensmittel liefert.“ Achim Degen ist Sozialpädagoge, angestellt bei dem Träger der Drogenberatungsstelle „Drobs“ an der Hamelner Kaiserstraße, der Step GmbH in Hannover. Mit seiner Kollegin Kirsten Minke leitet der 40-Jährige das Lokal, wo Drogenkonsumenten nicht bloß auf einen Kaffee hereinschauen können: Die Anlaufstelle öffne Betroffenen die Möglichkeit, am gesellschaftlichen Leben teilzuhaben, sagt Achim Degen. Denn die meisten der Drogenkonsumenten hätten kaum noch sozialen Rückhalt. Und weiter: „Wir bieten allen, die Rat und Unterstützung suchen, unsere Hilfe an. Wir hören zu, sind für sie da.“ Frühstücken, Mittagessen, Duschen, Spritzen Tauschen und neue Kaufen, Wäsche Waschen – auch das ist im Café Inkognito möglich. Die ersten Gäste, die an diesem Freitagvormittag das Haus am Thietorwall aufsuchen, könnten die Gunst der frühen Stunde nutzen, um von der freien Platzwahl Gebrauch zu machen – doch an dem bestplatzierten Tisch sind die Stühle leer. Man bleibt dort stehen, am großen Fenster mit Blick nach draußen. Schaut, schweigt. Hält inne. Ein großes schwarzes Tuch bedeckt den Tisch. Darauf: mehr als 50 Namen von Frauen und Männern. Weiß auf Schwarz haben Angehörige, Freunde und Bekannte die Namen derer aufgeschrieben, an die sie erinnern möchten.

Autor:

Alda Maria Grüter
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Ganz im Zeichen des Gedenkens verstorbener Drogenabhängiger steht der morgige Sonntag. Vom Landesverband der Eltern und Angehörigen für humane und akzeptierende Drogenarbeit NRW e.V. initiiert, hat sich der 21. Juli seit 1998 zum deutschlandweit größten Aktions-, Trauer- und Präventionstag im Kontext des illegalen Drogengebrauchs entwickelt. Inzwischen werden auch international Veranstaltungen organisiert mit dem Ziel, darüber zu informieren, wie das Überleben von Drogenabhängigen gesichert werden kann und eine menschliche Drogenpolitik einzufordern. In Hameln wird dieser Tag ebenfalls begangen. Zwischen 9 und 12 Uhr sind Angehörige, Freunde und solidarische Mitbürger ins Café Inkognito geladen. „Es ist jedem Betroffenen, der einen drogenabhängigen Menschen verloren hat, wichtig zu erfahren, dass er nicht vergessen wird und dass man auch über den Tod hinaus an den Verstorbenen denkt“, erklärt Degen. Letztlich werde mit der Aktion auch ein Stück Trauerarbeit geleistet: „In Gesprächen und im Austausch von Erinnerungen erfahren die Hinterbliebenen, dass sie nicht allein sind.“ Der Tag werde zudem genutzt, um auf das Thema Drogenkonsum aufmerksam zu machen. Denn, auch wenn Angaben des Bundeskriminalamtes und der Drogenbeauftragten der Bundesregierung zufolge die Zahl der Menschen, die durch den Konsum illegaler Drogen gestorben sind, in Deutschland weiter rückläufig ist: „Jeder Drogentote ist einer zu viel. Wir dürfen nicht nachlassen, Drogenabhängigen Hilfen anzubieten und ihnen Möglichkeiten des Ausstiegs zu eröffnen.“ Die Zahl der drogenbedingten Todesfälle ist laut dem jüngsten Drogen- und Suchtbericht (Mai 2013) im Jahr 2012 auf 944 Personen (2011: 986) gesunken – und damit auf den niedrigsten Stand seit 1988. Die höchsten Anteile an der Gesamtzahl entfielen auf die bevölkerungsreichsten Länder Bayern (23 Prozent) und Nordrhein-Westfalen (22 Prozent). Gemessen an den Einwohnerzahlen waren wie im Vorjahr Berlin und Hamburg am stärksten belastet. 81 Prozent der Rauschgifttoten waren Männer, 19 Prozent Frauen. Der Altersdurchschnitt aller Drogentoten lag mit knapp über 37 Jahren nur unwesentlich über dem des Vorjahres.

„Stress zu Hause

und andere Probleme“

In Niedersachsen haben die Rauschgifttodesfälle zwar zugenommen (2011: 52; 2012: 56), die Zahlen der Polizeiinspektion Hameln Pyrmont jedoch decken sich mit der allgemeinen Entwicklung, dass der Drogentod weiter auf dem Rückzug ist: 2011 ist kein Mensch Todesopfer illegalen Drogenkonsums geworden, 2010 starben vier, 2012 drei Männer. Im laufenden Jahr gibt es bislang einen Drogentoten. „Bei den Toten handelt es sich um langjährig Abhängige zwischen 23 und 56 Jahren, die an einer Überdosis oder an den Folgen eines sogenannten Misch-Konsums, wie illegale Drogen in Verbindung mit Alkoholsucht, gestorben sind“, sagt Polizeisprecher Jörn Schedlitzki. Die rückläufige Entwicklung in den letzten Jahren zeige, dass sich die Maßnahmen zur Überlebenshilfe für Opiat-Abhängige bewährt haben, heißt es in dem aktuellen Bericht der Drogenbeauftragten Mechthild Dyckmans. Dazu zählen unter anderem qualitätsgestützte Substitutionsbehandlungen beispielsweise mit Methadon, Beratungen sowie ergänzende medizinische und soziale Hilfsangebote. 150 Substituierte werden derzeit in Hameln betreut, etwa zwei Drittel der Betroffenen sind laut Degen Männer.

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„Landkreisweit dürften es um die 400 Menschen sein, die eine Substitution erhalten.“ Daniel ist einer von ihnen. Der 36-jährige Hamelner, der zum Kaffeetrinken und Mittagessen ins Café Inkognito gekommen ist, erklärt sich gern bereit, über seine Drogenkarriere zu erzählen. Seine persönliche Geschichte beginnt – wie die vieler anderer Abhängiger auch – in jungen Jahren. „Stress zu Hause, und andere Probleme“, über die er nicht reden möchte, „weil sie zu intim sind.“ Mit 14 Jahren haut Daniel von zu Hause ab. Seinem „durchschnittlich vernünftigen Elternhaus“ bleibt er manchmal sechs Wochen lang fern. „Das Umfeld war entscheidend, dass ich immer weiter in die Abhängigkeit gerutscht bin.“ Da waren Kumpel, die ihn dazu verleiteten, einen Joint zu probieren. Daniel greift zu, konsumiert über Jahre Cannabis, trinkt. So habe es angefangen, sein Leben, das von der Drogensucht bestimmt wurde. Diebstahl mit Beschaffungskriminalität und Gewalttaten, Anzeigen, die für noch mehr Ärger zu Hause sorgten, Therapien, Rückfälle, Knast – kaum etwas, das in dem Lebenslauf des Heroin-Junkies nicht fehlt. Schon zu Zeiten der D-Mark sei sein Einkommen für Drogen draufgegangen, erinnert sich Daniel: „1800 Mark habe ich auf dem Bauhof verdient, aber es gab Monate, in denen ich zweieinhalb Tausend Mark brauchte, um die Sucht zu finanzieren.“ Daniel erzählt offen von den Höhen und Tiefen seines Lebens, von dem Tod seiner Verlobten vor knapp einem Jahr, einer Frau, die nichts mit Drogen am Hut hatte. Er erzählt von seiner Trauer. Auch, weil er dazu beitragen möchte, dass „die anderen – die normalen Leute – uns Junkies besser verstehen lernen“. Daniel spricht langsam, die Worte sind wohlüberlegt. Und dennoch vermag die umsichtige Ausdrucksweise nicht über das harte Leben dieses Drogensüchtigen hinwegzutäuschen. Dunkle Ringe um die klaren blauen Augen, magerer, tätowierter Körper, seine Hand, die leicht zittert, wenn er die Kaffeetasse zum Mund führt – unübersehbar sind die Spuren, die seine Drogenbiografie äußerlich gezeichnet hat. Er wisse es wohl, dass er „nicht gerade gesund aussieht“, spricht Daniel das Thema von sich aus an. Er leide an einer Speiseröhren-Erkrankung, sei deswegen so dünn, fährt Daniel fort. Wegen der Krankheit sei er auch schon mit 36 Jahren Frührentner. In der Haft habe er Schweißer gelernt, arbeiten könne er aus gesundheitlichen Gründen aber nicht mehr. Die Zeit im Gefängnis, die sei so etwas wie ein Wendepunkt gewesen. 22 Monate war er im Knast „clean“ gewesen, nach der Entlassung folgte wieder einmal ein Rückfall. „Dann aber sagte ich mir: Ich kann und will nicht mehr mit Drogen leben. Und ich will nie wieder in den Knast, denn Freiheit ist tausendmal besser als Gefangenschaft.“ Mit entsprechender Unterstützung habe er es geschafft: Seit zweieinhalb Jahren unterzieht sich Daniel einer Substitutionsbehandlung. Was Anlaufstellen und Präventionsangebote für Betroffene anbelange, sei Hameln-Pyrmont gut aufgestellt, sagt Achim Degen. Gleichwohl zeichne sich in puncto Substitutionstherapie mittelfristig ein Engpass ab. Von den drei Substitutionsärzten in Hameln werde einer demnächst in Rente gehen, dessen Nachfolger biete keine Substitution mehr an. Das ist dabei keinesfalls ein lokales Problem: „In Hildesheim beispielsweise ist nur ein einziger Arzt, der substituiert“, sagt Degen. Auch im Drogen- und Suchtbericht der Drogenbeauftragten der Bundesregierung wird festgestellt, dass in den vergangenen zehn Jahren die Zahl der Patienten auf bundesweit 75 400 angestiegen ist, der Bedarf also weiter wachse, während die Zahl behandelnder Ärzte stagniere und damit ein Versorgungsengpass drohe. Dabei sind sich Experten weitgehend darüber einig, dass die Substitutionstherapie eine erfolgreiche Behandlungsform für opiatabhängige Menschen darstellt. Daniel jedenfalls ist mit der Therapie zufrieden: „Ja, bis zu einem gewissen Grad führe ich jetzt ein gutes Leben. Ich baue keinen Mist mehr, und die Bestätigungen aus meinem Umfeld, dass ich den richtigen Weg eingeschlagen habe, machen mir Mut.“ In den vergangenen Jahren habe sich auch sein Verhältnis zu den Eltern erheblich verbessert, sagt er und greift zum i-Phone, um seinen Vater zu informieren, dass er heute später kommt. Seit Kurzem hat Daniel eine neue, „sehr schöne Wohnung mit Einbauküche und mit Balkon in einer netten Wohngegend“ bezogen, und er „will weiter finanziell stabil und straffrei bleiben“. Was er sich für die Zukunft noch wünscht: „Dass ich etwas glücklicher und gesünder leben kann.“ Ab und zu nur – na ja – da rauche er mal einen Joint. Zur Entspannung, und weil er dann in seinem Hobby als Zeichner kreativer sei. Und er sagt auch, dass er sich über eines bewusst ist: „Ein Leben mit Drogen – das ist ein Tod auf Raten.“

Drogentote kennen viele nur aus Statistiken, das einzelne Schicksal bleibt oft verborgen. Das soll der von betroffenen Eltern initiierte „Tag für gestorbene Drogenabhängige“ am 21. Juli durchbrechen. Zum nationalen Aktionstag veranstalten Organisationen für Suchthilfe und Angehörige Mahnwachen und Gedenkgottesdienste, bieten Beratungen und Informationsangebote – auch in Hameln.




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