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Höher, kleiner, älter: In Wales reiht sich ein Superlativ an den nächsten – und Naturliebhaber haben viel zu entdecken

Wenn die Urlaubspost mal ein Häuflein Schafkot war…

Cardiff. Das walisische Durchschnittsschaf muss eines der glücklichsten Wesen auf der Welt sein: Es darf ungestört die wunderschöne Natur genießen. Findet immer und überall appetitlich grüne Wiesen mit höchst beeindruckenden Panorama-Aussichten. Sollte es davon doch einmal überanstrengt sein, schläft es acht Minuten pro Tag. Und weil Schafe im kleinsten Staat Großbritanniens so überaus beliebt sind, zieren die Superhelden unter ihnen wie „Shaun“ nicht nur diverse Postkarten. Populäres Mitbringsel der Touristen sind auch die „SheepPooPaper“: aus Schafkot hergestellte Lufterfrischer, Grußkarten oder Lesezeichen.

Autor:

Julia Marre

Was die Einwohnerzahl seiner Wollknäuel auf vier Beinen angeht, ist Wales rekordverdächtig. Überhaupt: Das kleine Land strotzt nur so vor Superlativen. Hier gibt es den höchsten Berg Großbritanniens, das kleinste Haus des gesamten Königreiches, das mondänste Seebad aus viktorianischer Zeit, die jüngste europäische Hauptstadt – und die schönsten Klippenpfade und einsamsten Buchten.

Für Erstbesteigung des Mound Everest trainiert

Yr Wyddfa heißt nicht etwa der erste Löffel einer Portion Buchstabensuppe, sondern der 1085 Meter hohe Mount Snowdon im Norden des Landes. Schon 1953 trainierten hier die Bergsteiger um Sir Edmund Hillary und John Hunt für die Erstbesteigung des Mount Everest – noch heute nutzen erfahrene Gipfelstürmer die gleichen Maßstäbe der Gebirgszüge aus. Ein Besuch des Snowdon-Massivs ist ein unvergessliches Erlebnis. Wer den acht Kilometer langen Aufstieg zwischen grüner als grünen Tälern und klaren Seen wagt, trifft nicht nur auf mutig balancierende Schafe. Auch wird er im 30-Minuten-Takt von einer Gruppe freudig winkender Menschen überholt, die es bequemer haben als er: In der Snowdon Mountain Railway sitzend, brauchen sie nämlich nur eine Stunde, um den Gipfel erklimmen und dort ihr Beweisfoto schießen zu können.

Eine große Attraktion ist auch das kleinste Haus Großbritanniens, das im malerischen Küstenort Conwy steht. In walisischer Tracht empfängt Phillis, die Großtochter des letzten Besitzers, ihre Besucher. Und das beinahe täglich. „Es ist heutzutage etwas Besonderes, wenn ein Haus aus dem 15. Jahrhundert noch so gut erhalten ist“, sagt sie stolz. „Das möchte ich pflegen und zeigen.“ Wer durch die Tür in den 2,75 mal 1,53 Meter kleinen Raum tritt und im ersten Stock das Bett sieht, staunt über die Geschichte des Hauses: Zuletzt lebte der 1,92 Meter große Fischer Robert Jones hier. Darin selbst zu wohnen, das kann sich Phillis beim besten Willen nicht vorstellen. „Nein, ich lebe ganz gerne im 21. Jahrhundert“, lacht sie und erzählt von ihrem Großvater, dessen Herberge gleich nebenan lag.

2 Bilder

Muskelkater-Gefahr auf steilem Küstenpfad

Wer es lieber weitläufig mag, ist im viktorianischen Badeort Llandudno gut aufgehoben – nebenbei bemerkt: Es ist (natürlich!) das größte walisische Seebad. Wo einst Otto von Bismarck und Napoleon III. in den Wellen planschten, lässt sich vor einer Kulisse aus Prachthotels an der Promenade entlang und über das belebte Pier flanieren. Dass es im Ort der Reichen und Schönen einst die besten Geschäfte Großbritanniens außerhalb von London gab, zeugt vom einstigen Glanz des Städtchens.

Der langen und schillernden walisischen Vergangenheit lässt sich ebenso im Südwesten des Landes nachspüren: im mächtigen Pembroke Castle. „Es ist eine der größten Burgen in Wales – und es war die allererste, die die Normannen hier im 11. Jahrhundert errichteten“, sagt Neil Ludlow vom Pembroke Castle Trust. Den 22,5 Meter hohen Bergfried inmitten der alten Gemäuer hält er für „den größten und schönsten im ganzen Land“. Und der Ausblick von seiner Spitze, auf Täler, Seen und malerische Orte, ist ein überaus bezaubernder.

Wie überhaupt die Grafschaft Pembrokeshire, die zu den sonnigsten Gegenden des Landes zählt und zu großen Teilen maritimer Nationalpark ist. Der Pembrokeshire Coast Path, ein 270 Kilometer langer Küstenpfad, wurde 1970 als erster in Wales eröffnet. Wer die schmalen Wege zwischen Brombeerbüschen, Wildkräutern und Brennnesseln entlang wandert, glaubt sich mitten in einem Abenteuer. „Manchmal begegnet einem den ganzen Tag lang kein Mensch“, staunt Spaziergängerin Amber Powell. Wilde Klippen sind zu sehen, traumhaft schöne Buchten zu erobern und einsame Strände zu bevölkern – wie in der Nähe von Tenby. „Vorsicht, der steile Weg geht ganz schön in die Beine“, warnt die Urlauberin aus England lächelnd. Doch das landschaftliche Juwel zwischen grollenden Wellen und steil abfallenden Klippen ist den schlimmsten Muskelkater wert.

AAuch wenn in Zeiten des günstigen britischen Pfunds immer mehr Europäer Großbritannien als Urlaubsziel entdecken, so gilt Wales immer noch als Geheimtipp. Das kleine keltische Land im Westen des Königreiches ist in vielerlei Hinsicht besonders: Landschaft und Vegetation unterscheiden sich von der in England; in Wales herrscht seit 1993 offiziell Zweisprachigkeit – so sprechen etwa alle Verkehrsschilder Englisch und Walisisch, außerdem sind Waliser stolz auf ihre eigene Kultur und deren Traditionen wie das „Eisteddfod“, einen literarischen und musischen Wettkampf, der jährlich in einer anderen Stadt ausgetragen wird und dessen Wurzeln bis ins 12. Jahrhundert zurückreichen.

Tourismus: Im Jahr 2007 verzeichnete das Land 8,85 Millionen Übernachtungsgäste aus Großbritannien – 73 Prozent davon waren Urlauber.

Anreise: Wer eine Rundtour durch Wales plant, ist gut beraten, mit seinem eigenen Auto anzureisen – vom Fährhafen in Dover aus dauert es rund vier Stunden, nach Cardiff zu gelangen. Die walisische Hauptstadt im Südosten des Landes liegt direkt am Bristol Channel und ist der ideale Ausgangspunkt für eine Reise. Eine Übernachtung bietet sich im Angle Hotel an der Castle Street an, im Internet: www.barcelo-hotels.co.uk

Unterkünfte: Wer in Wales Campingurlaub machen möchte, findet nahezu überall Übernachtungsmöglichkeiten. Etwas teurer, aber komfortabler sind die Bed and Breakfast-Unterkünfte.

Weitere Informationen: Visit Wales in Cardiff, Tel. (+44) 14 43/84 55 00, oder im Internet unter www.german.visitwales.com.

Grüner wird’s nicht: Wanderer im maritimen Nationalpark von Pembrokeshire in Südwales genießen atemberaubende Ausblicke und entdecken verlassene Buchten (rechts).

Kleiner wird’s nicht: Das winzigste Haus Großbritanniens bewohnte bis zur Jahrhundertwende ein Fischer. Heute ist es ein uriges Museum am Hafen des nordwalisischen Städtchens Conwy, über das Phillis viele Geschichten erzählen kann (oben links).

Schöner wird’s nicht: Der Snowdonia Nationalpark mit dem höchsten Gebirgszug des Königreichs ist meist von einem Wolkenhut bedeckt. Auf der Insel Anglesey lässt sich trotzdem mit Panoramaaussicht angeln (links).

Fotos: are




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