weather-image
26°
Hartmut Pitzler ist mit seinem Alltag überfordert und war hilflos bei der Organisation von Hilfe

Wenn die Angst das Leben beherrscht

Hameln (ni). Das Leben von Hartmut Pitzler spielt sich auf 33,2 Quadratmetern ab. Sein Körper und seine Seele fesseln ihn an diesen eng begrenzten Raum. Die Welt vor seiner Wohnungstür macht ihm Angst, sein starkes Übergewicht zusätzlich jeden Schritt zur Qual. Draußen – das ist für ihn der Ort, an dem ihn Panik überfällt und den er nur aushalten kann, wenn er vorher ein stark dämpfendes Medikament eingenommen hat.

Hartmut Pitzler hat sich in den Maschen des sozialen Netzes verf

Hameln (ni). Das Leben von Hartmut Pitzler spielt sich auf 33,2 Quadratmetern ab. Sein Körper und seine Seele fesseln ihn an diesen eng begrenzten Raum. Die Welt vor seiner Wohnungstür macht ihm Angst, sein starkes Übergewicht zusätzlich jeden Schritt zur Qual. Draußen – das ist für ihn der Ort, an dem ihn Panik überfällt und den er nur aushalten kann, wenn er vorher ein stark dämpfendes Medikament eingenommen hat. Nur wenn es sich gar nicht umgehen lässt, greift der 51-Jährige zu dem Psychopharmakon – zum Beispiel, um die Taxifahrt zum Arzt oder zur Bank zu überstehen, ohne dass diese alles beherrschende Angst von ihm Besitz ergreift. Der 51-Jährige erinnert sich noch genau an den Tag vor 16 Jahren, als diese Panik ihn das erste Mal im Würgegriff hatte. „Ich stand mitten auf der Straße und war nicht mehr in der Lage, auch nur einen Schritt weiterzugehen.“

Seit diesem Tag ist Hartmut Pitzler in Behandlung. Durch einen Sturz auf der Treppe, bei dem er sich ein Schädel-Hirn-Trauma zuzog, verschlechterte sich sein Gesundheitszustand noch, aber er kam trotzdem irgendwie zurecht. Er lebte bei den Eltern, musste nicht allein für sich sorgen. Dann änderten sich seine Lebensumstände. 2003 starb der Vater, im vergangenen Sommer kam seine Mutter in ein Pflegeheim. „Das wurde alles zu viel für mich.“ Im Winter brach Pitzler zusammen und wurde in eine psychiatrische Klinik eingeliefert.

Inzwischen ist er wieder zu Hause – und kommt alleine nicht mehr zurecht. Er ist Diabetiker, muss „nach zwei Embolien nach Operationen“ regelmäßig Blutverdünnungsmittel einnehmen, leidet unter Allergien. Ein Zivi von den Paritätischen bringt ihm die Lebensmittel ins Haus. Diese Dienstleistung muss er bezahlen. Eine Bekannte half ihm bis vor Kurzem, die Wohnung in Ordnung zu halten – natürlich auch nicht gratis. Pitzler hat versucht, diese Rechnungen aus seinem knappen Budget zu begleichen – „bis es nicht mehr ging“. Bei einem Einkommen aus 557 Euro Erwerbsunfähigkeitsrente plus 152 Euro Aufstockung vom Sozialamt (sogenannte Grundsicherung) blieb nach Zahlung von 290 Euro Miete einfach nicht mehr genug übrig für solche Extras. Und auf Hilfe, die er für die Pflege seines so massigen Körpers dringend nötig gehabt hätte, musste er ebenfalls verzichten.

Von der Pflegeversicherung konnte Pitzler nichts erwarten. Für die Eingruppierung in Pflegestufe I hätte sein Bedarf an Unterstützung und der in Minuten gemessene Pflegeaufwand größer sein müssen. „Zwei- oder dreimal beim Waschen helfen und einmal in der Woche beim Saubermachen, da kommt man nicht auf die Zeiten“, hat er sich erklären lassen. „Da muss man eben zusehen, wie man das selber hinkriegt.“ Mit Geld wäre das ja kein Problem, sagt Pitzler. „Aber ohne?“

Ánfang März wandte sich Hartmut Pitzler schließlich ans Sozialamt und stellte einen Antrag auf Pflegegeld. Dass er aufgrund seiner schlechten körperlichen und seelischen Verfassung fremde Hilfe benötigte, war unstrittig. Nicht jedoch, dass das Sozialamt finanziell dafür geradesteht. Um den Anspruch auf Pflegegeld zu begründen, hätte der 51-Jährige den Nachweis seiner Vermögenslosigkeit erbringen müssen, und daran ist Pitzler gescheitert. Formulare ausfüllen, Unterlagen beibringen, Unterlagen nachliefern, weil die vorgelegten nicht vollständig waren – Pitzler war mit „diesem Papierkrieg“ hoffnungslos überfordert. Sein ohnehin stark angegriffenes Nervenkostüm wurde unter dem Stress immer löchriger und seine Verzweiflung angesichts der eigenen Hilflosigkeit immer größer.

Was Hartmut Pitzler überhaupt nicht nachvollziehen kann: Als er im vergangenen Sommer beim Sozialamt den Antrag auf Grundsicherung stellte, sei ihm diese zugestanden worden. Was nur der Fall ist, wenn das Einkommen aus anderen Quellen zum Leben nicht ausreicht. Damals musste er auch schon alle möglichen Papiere vorlegen, um seinen Anspruch geltend zu machen. „Die haben doch alles, was sie von mir brauchen“; glaubt Pitzler. Und hat doch nur teilweise recht. Denn Anträge auf Grundsicherung werden im Kreishaus von einer anderen Abteilung bearbeitet als solche auf Pflegegeld. Jede Abteilung erhebt die für die Leistung relevanten Daten selbst und „hat keinen Zugriff auf die Akten der jeweils anderen Abteilung“, erklärt die zuständige Dezernentin Heidi Pomowski das scheinbar umständliche und aufwendige Verfahren. Sich daran zu halten, sei nicht nur aus Gründen des Datenschutzes erforderlich. „Es ist auch zum Schutz der Betroffenen“, so Pomowski.

Hartmut Pitzler hat es an den Rand eines Nervenzusammenbruchs gebracht. Und hätte ihm nicht ein Bekannter in dieser aussichtslosen Situation einen Rettungsanker zugeworfen, er „wäre wohl wieder in der Klinik gelandet“, Der Bekannte riet Pitzler, eine gesetzliche Betreuung zu beantragen, um damit einen vom Gericht bestellten Menschen an der Seite zu haben, der seine Angelegenheiten für ihn regelt. Dass ein Richter des Amtsgerichtes, der ihn kurz darauf in seiner kleinen Wohnung besuchte, sich viel Zeit für ein Gespräch mit ihm nahm, „das rechne ich ihm hoch an“, sagt Pitzler. Und auch, dass er sich in den Wochen vorher gewünscht hätte, „vom Sozialamt wäre mal jemand zu mir gekommen und hätte sich hier umgeguckt“. Der hätte dann wohl auch gesehen, „dass ich bestimmt nirgendwo Geld versteckt habe“.

Pitzler hatte sich innerlich schon darauf eingerichtet, noch lange auf den Betreuer warten zu müssen. „Das kann zwei bis drei Monate dauern, hat man mir im Gesundheitsamt gesagt.“ Um so erleichterter war er, als er schon eine Woche später die Nachricht vom Gericht erhielt, dass ihm ab sofort ein Betreuer zur Seite stehe.

„Wenn es schnell gehen muss, weil die Situation es erfordert, dann geht es auch schnell“, erklärt Familienrichter Andreas Grehl. Voraussetzung für die Bestellung eines Betreuers durch das Gericht sei, dass die psychischen oder körperlichen Einschränkungen eines Menschen so gravierend seien, „dass es ihm nicht mehr möglich ist, seine Angelegenheiten selbst zu regeln“. Und dass tatsächlich auch etwas zu regeln sei, „das nicht auch anders geregelt werden könnte“.

Anders – das heißt durch Angehörige oder Bekannte, die dem überforderten Hilfesuchenden bei der Auseinandersetzung mit den Behörden unter die Arme greifen. Wer solche Freunde nicht hat, verfängt sich in den Maschen des sozialen Netzes, das ihn in Notlagen eigentlich auffangen sollte.

„An den Formularen und den geforderten Unterlagen scheitern viele“, weiß Jens-Uwe Moll aus seiner Arbeit als Rechtsberater beim Sozialverband VdK. Der mit 1,5 Millionen Mitgliedern größte Sozialverband in Deutschland vertritt die Interessen von Menschen mit Behinderungen, chronisch Kranken, Senioren und Patienten gegenüber der Politik und an den Sozialgerichten und hat auch in Hameln eine Geschäftsstelle. Haben VdK-Mitglieder Probleme, zu ihrem Recht zu kommen, wird Moll für sie aktiv. Aber auch Nichtmitglieder, die um Rat anfragen, weist er nicht ab: „Es gibt verschiedene Institutionen, die in einem solchen Fall helfen. Den Rat, an wen Betroffene sich wenden können, gibt es bei uns gratis.“ Dass Angehörige oder Freunde Kontakt zum VdK aufnehmen, weil der Hilfsbedürftige selbst dazu gar nicht in der Lage ist, „kommt häufig vor“, so Moll.

Hartmut Pitzler hat inzwischen Unterstützung. Ein vom Gericht bestellter Rechtsanwalt wird die Hilfe organisieren, die der schwer kranke Mann so dringend braucht. Seit Hartmut Pitzler das weiß, geht es ihm ein bisschen besser.

Anzeige
Weiterführende Artikel
    Anzeige
    Anzeige
    Kommentare